"Die grösste Gefahr besteht darin, zu glauben, dass das eigene Unternehmen nichts mit KI zu tun hat"

Das Swiss Data Science Center (SDSC) begleitet KMU mit verschiedenen Förderprogrammen bei ihrer digitalen Transformation. Silvia Quarteroni, Leiterin der Abteilung Innovation, erklärt, wie die Organisation eine Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft schlägt, damit Forschungsprojekte konkrete Anwendungen in Unternehmen finden.

Das Swiss Data Science Center (SDSC) ist aus einer Zusammenarbeit zwischen der EPFL und der ETH Zürich hervorgegangen und hat seit 2025 den Status einer nationalen Forschungsinfrastruktur. In dieser Funktion unterstützt die Organisation den Bund dabei, den Einsatz von Datenwissenschaften und künstlicher Intelligenz innerhalb der Eidgenössischen Technischen Hochschulen, der Schweizer Hochschulgemeinschaft im Allgemeinen sowie im industriellen und öffentlichen Sektor zu beschleunigen. Das SDSC, das heute mehr als 120 Mitarbeitende zählt und auch das Paul Scherrer Institut (PSI) umfasst, bietet insbesondere Förderprogramme für KMU in Zusammenarbeit mit den Kantonen Waadt und Zürich an. Die Leiterin der Abteilung Innovation im SDSC, Silvia Quarteroni, betont, wie wichtig es für Schweizer Unternehmen ist, sich für diese Themen zu interessieren.

Wie unterstützt das SDSC die KMU?

Silvia Quarteroni: Zum einen schreiben wir jedes Jahr einen Projektaufruf für unsere Förderprogramme in den Bereichen öffentliche Verwaltung, digitale Transformation, Biomedizin, Umwelt und Energie aus. Das erste Förderprogramm wird vom Kanton Waadt finanziert und stellt KMU unser technisches Know-how und finanzielle Unterstützung für die Umsetzung ihrer Projekte zur Verfügung. Wir haben auch eine Partnerschaft mit dem Kanton Zürich, die sich eher auf die Organisation von Workshops zum Thema KI und auf die Vernetzung von KMU konzentriert, um Kooperationen zu fördern. Wir hoffen, diese Programme langfristig auf andere Kantone ausweiten zu können. Ausserdem kann uns jedes Unternehmen jederzeit mit der Umsetzung eines KI-Projekts beauftragen. Darüber hinaus unterstützen wir KMU bei ihren Bewerbungen für Finanzierungsprogramme, wie sie beispielsweise von Innosuisse angeboten werden.

Was genau beinhalten Ihre Programme?

Quarteroni: Wir liefern keine schlüsselfertigen Lösungen, sondern begleiten KMU bei der Bewältigung zuvor identifizierter Probleme. In den meisten Fällen basieren die Projekte, die wir gemeinsam mit den KMU entwickeln, auf bereits im Unternehmen vorhandenen Produkten. Jedes Programm beginnt mit einer Einführungsphase, deren Ziel es ist, einen Fahrplan zu erstellen. Dieser ermöglicht es, die Ziele des Projekts zu definieren, die erforderlichen Daten zu identifizieren und die Grundlagen für die Durchführung des Projekts zu schaffen. Anschliessend begleiten wir die KMU je nach Bedarf über einen Zeitraum von 6 oder 12 Monaten. Diese Phase ist entscheidend, da künstliche Intelligenz oft ausschliesslich mit LLM-Modellen (Large Language Models) wie ChatGPT, Claude oder Gemini in Verbindung gebracht wird. Dabei bilden das Management und die Qualität der Daten weiterhin die Grundlage der KI. Daher ist es für Unternehmen von erheblicher Bedeutung, die zur Verfügung stehenden relevanten Daten klar zu identifizieren und deren konkrete Verwendungszwecke zu definieren.

Sobald die Problemstellung definiert ist, entwickeln wir ein massgeschneidertes KI-Modell, beispielsweise um die Qualität eines Produkts vorherzusagen oder mögliche Mängel zu erkennen. In der Regel sind pro Projekt zwei Ingenieure des SDSC im Einsatz, die sich regelmässig in wöchentlichen oder zweiwöchentlichen Besprechungen abstimmen, um schliesslich die Inbetriebnahme des Produkts zu erreichen. Letztere wird in der Regel von der IT-Abteilung des Unternehmens selbst oder von IT-Dienstleistern durchgeführt.

Gibt es Bereiche, für die Sie besonders häufig angefragt werden?

Quarteroni: Eine häufig gestellte Frage betrifft die Optimierung des Energieverbrauchs. Viele industrielle KMU stehen vor solchen Herausforderungen. Sie haben dabei ein doppeltes Interesse: Kosten senken und die SDG-Ziele im Bereich Nachhaltigkeit erfüllen. Für ein derartiges Projekt werden verschiedene Datenkategorien benötigt: die Gebäudestruktur, die Wartungshistorie, die aktuellen Energieverbrauchsstandards oder auch die Modellierung der Wärmeverteilung. Um diese Herausforderungen effektiv zu bewältigen, ist die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren unerlässlich. Deshalb arbeiten wir oft eng mit den kantonalen Universitäten und Hochschulen zusammen, die über diese angewandten Kompetenzen verfügen.

Wer kann sich bewerben?

Quarteroni: Die Bewerber müssen ihren Sitz in den Kantonen Waadt oder Zürich haben. Es ist jedoch möglich, mit einem Unternehmen oder einer Schule ausserhalb des Kantons zusammenzuarbeiten, sofern der Hauptakteur des Projekts in einem der Partnerkantone ansässig ist. Die KMU, zu denen unsere Unterstützung besonders gut passt, sind diejenigen, die Interesse an künstlicher Intelligenz und Datenmanagement zeigen, ohne unbedingt über fundierte Fachkenntnisse in diesen Bereichen zu verfügen. Die Bewerbungen werden von einer externen Jury bewertet, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Die Kriterien beziehen sich insbesondere auf den Innovationsgrad, die gesellschaftlichen Auswirkungen des Projekts und seine Durchführbarkeit.

Was würden Sie KMU sagen, die mit dem Einsatz von KI noch zögern?

Quarteroni: Die grösste Gefahr besteht darin, zu glauben, dass das eigene Unternehmen nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun hat. KI ist eine übergreifende Technologie, die praktisch alle KMU betreffen kann. Anstatt diese Entwicklung einfach hinzunehmen, kann man sie auch als Chance betrachten. Es geht nicht darum, KI um jeden Preis zu implementieren, sondern um das Ziel zu verstehen, wie Daten dabei helfen können, bessere Entscheidungen zu treffen. Manche Projekte scheitern, weil KMU versuchen, die Technologieriesen zu imitieren. Oft ist es viel sinnvoller, klein anzufangen, indem man seine Bedürfnisse klar identifiziert und dann Schritt für Schritt vorgeht.


Zur Person/Firma

Silvia Quarteroni, Leiterin Innovation am Swiss Data Science Center

Silvia Quarteroni begann ihre Karriere mit einem Master in Informatik an der EPFL, bevor sie an der Universität York in England promovierte. Nach mehreren Jahren in der akademischen Forschung wandte sie sich der Beratung zu und kam 2019 zum Swiss Data Science Center (SDSC), wo sie heute als Leiterin der Abteilung Innovation tätig ist.

Letzte Änderung 18.02.2026

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