"Die Schweiz zieht hochqualifizierte Talente aus aller Welt an"

Ausländische Staatsangehörige sind in den besonders produktiven Branchen der Schweizer Wirtschaft überrepräsentiert. Aus Sicht von Patrick Leisibach, Forscher bei Avenir Suisse, ist die Zuwanderung von hochqualifizierten Fachkräften für die Innovation und den Wohlstand des Landes von entscheidender Bedeutung.

Laut dem 2023 von Avenir Suisse erstellten Bericht "Grenzenlos innovativ" haben die Hälfte der Start-up-Gründer, rund drei Viertel der Doktoratsabsolventen in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) und 78% der Gründer bzw. Mitgründer von "Einhörnern" (Unternehmen mit einem Wert von mehr als 1 Milliarde Dollar), die in der Schweiz arbeiten, nicht die Schweizer Staatsangehörigkeit. Der Hauptautor des Berichts, Patrick Leisibach, erklärt, welche Bedeutung die Zuwanderung hierzulande für Innovation, Forschung und die Wirtschaft hat.

Ausländische Staatsangehörige sind bei Firmengründern überrepräsentiert. Woher kommen sie hauptsächlich und wie lässt sich dieser überdurchschnittliche Anteil erklären?

Patrick Leisibach: Die grosse Mehrheit der ausländischen Firmengründer, Forscher und Fachkräfte kommt heute aus der Europäischen Union. Knapp die Hälfte von ihnen stammt aus einem der drei grossen Nachbarländer: Deutschland, Frankreich und Italien.

Als internationaler Forschungs- und Wirtschaftsstandort zieht die Schweiz Talente aus aller Welt an, die tendenziell jünger, besser qualifiziert und risikobereiter als der Durchschnitt der Erwerbsbevölkerung. Viele starten in der Schweiz als Studierende oder Forschende an Hochschulen, Universitäten oder Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH). Sie finden dort ein fruchtbares Umfeld, das für ihre berufliche Entwicklung förderlich ist. Diese dynamischen Ökosysteme im Bereich der Forschung sind besonders günstig für die Entstehung von Start-ups.

Ihre Studie erwähnt die 2020 erschienene Arbeit von Cristelli und Lissoni, die zeigt, dass die Zunahme an Grenzgängern in den Grenzregionen die Innovationskraft deutlich gesteigert hat. Kann man hier von einem gesunden Wettbewerb zwischen Grenzgängern und in der Schweiz ansässigen Forschern sprechen?

Leisibach: Ich würde eher von einer fruchtbaren Zusammenarbeit sprechen. Die genannte Studie zeigt, dass die Zahl der Patentanmeldungen in Regionen mit vielen Grenzgängern überdurchschnittlich steigt, vor allem in gemischten Teams, die sich aus ansässigen und ausländischen Forschenden zusammensetzen. Innovation ist ein Teamsport. Die Vielfalt der Perspektiven, Methoden und Erfahrungen kann dabei helfen, innovative Ideen und Problemlösungen zu finden.

Von 50 Schweizer "Einhörnern" wurden 44 von Ausländerinnen und Ausländern gegründet oder mitgegründet, also fast 90%, laut Avenir Suisse. In welchen Branchen sind diese erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmer hauptsächlich tätig?

Leisibach: Die Gründerinnen und Gründer der Schweizer Einhörner kommen hauptsächlich aus den Bereichen HealthTech, FinTech sowie Informations- und Kommunikationstechnologien. Beispiele hierfür sind das Biopharma-Unternehmen Actelion, das IT-Unternehmen Scandit oder auch der Finanzdienstleister Leonteq. Viele stammen aus den Nachbarländern, aber insgesamt sind die Profile vielfältiger als bei den klassischen Unternehmen. Im Bereich der Kryptowährungen gibt es beispielsweise viele Unternehmende aus aussereuropäischen Ländern. Es gibt aber auch Ausnahmen wie der Schuhhersteller On, ein Einhorn, das von drei Schweizern gegründet wurde.

Die Berufe in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, sind besonders stark vom Fachkräftemangel betroffen. Müsste die Schweiz mehr in diesen Bereich investieren?

Leisibach: Es gibt Programme wie den "Coding Club", die dazu beitragen, das Interesse an diesen Fächern an den Schulen zu fördern. Dieses von der EPFL entwickelte Programm richtet sich an Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren, die eine App entwickeln sollen und dabei Berufe kennenlernen können, die mit Informatik oder Ingenieurswissenschaften verbunden sind.

Es gibt auch Plattformen wie Educamint, auf denen man Aktivitäten, Veranstaltungen und Workshop zu diesen Berufen finden kann. Aber auch hier gilt, dass die inländische Bevölkerung zu klein ist, um die hohe Nachfrage nach Fachkräften abdecken zu können. Wenn man mehr junge Menschen für MINT-Berufe gewinnt, könnte es ausserdem zu einem Mangel in anderen Bereichen kommen.

Die in den USA vorgenommenen Budgetkürzungen könnten dazu führen, dass einige Forschende nach Europa ziehen. Könnte das der Schweiz zugutekommen?

Leisibach: Die Situation in den USA kann der Schweiz durchaus Chancen eröffnen. Die Hochschuleinrichtungen könnten Drittmittel mobilisieren oder die Prozesse beschleunigen; schliesslich dauern Berufungsverfahren oft Monate, manchmal Jahre. Allgemein erscheint es jedoch klüger, stabile Rahmenbedingungen zu sichern. Die genannten Profile sind sehr gefragt und daher hochmobil. Kurzfristige Programme könnten diese Talente womöglich nur vorübergehend binden. Besser, die Schweiz arbeitet grundsätzlich daran, dass sie ein verlässlicher, offener und langfristig attraktiver Ort für Spitzenforschung ist.


Zur Person/Firma

Patrick Leisibach, Forscher bei Avenir Suisse

Patrick Leisibach ist seit 2022 bei Avenir Suisse tätig. Als Co-Leiter Forschung und Senior Fellow beschäftigt er sich in seiner Forschung mit Themen wie Migration, Arbeitsmarkt sowie Steuer- und Finanzpolitik. Zuvor arbeitete er bis 2015 in der Kundenberatung bei der Credit Suisse. Patrick Leisibach studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Luzern und Bern. In Luzern schrieb er 2022 seine Dissertation mit dem Titel "Essays in Public Finance and Economics of Culture". Derzeit ist er zudem als Lehrbeauftragter tätig.

Letzte Änderung 07.05.2025

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