"KMU, die mit der Blockchain arbeiten, sollten sich mit Fachleuten an den Universitäten zusammentun"

Die Blockchain-Technologie wird hauptsächlich für Kryptowährungen genutzt, doch es gibt auch andere Anwendungen und die Entwicklung schreitet offenbar unaufhaltsam voran. Welche Vorteile hat die Schweiz angesichts des harten internationalen Wettbewerbs zu bieten? Antworten von Emilie Raffo, Mitgründerin des Unternehmens ChainSecurity und Expertin auf diesem Gebiet.

Die heftigen Kursschwankungen der bekannten Kryptowährungen wie Ether oder Bitcoin in diesem Sommer haben neues Misstrauen geschürt. Während die Staaten ihre Regulierungsbemühungen verstärken, hat sich die Technologie, auf der diese Währungen basieren, jedoch schon in der Digitalwirtschaft verankert. Emilie Raffo, Mitgründerin von ChainSecurity, einer auf das Audit von Blockchain-Software spezialisierten Firma, erklärt, welche Perspektiven diese Technologie insbesondere für die Schweiz und die hiesigen KMU bietet.

Kryptowährungen sind die bekannteste Anwendung der Blockchain. Wo wird sie sonst noch eingesetzt?

Emilie Raffo: Digitale Währungen wie Bitcoin oder Ether sind der Öffentlichkeit am ehesten ein Begriff, doch die dezentralisierte Finanzwelt umfasst deutlich mehr als nur die Krypto-Assets im eigentlichen Sinne. Smart Contracts, deren Prüfungsschritte teilweise oder vollumfänglich über eine Blockchain erfolgen, erlauben es beispielsweise Sparkonten, digitale Assets oder Darlehen ohne Finanzintermediäre anzubieten. NFTs können auch als Garantien genutzt werden, um ein Darlehen zu erhalten. Weitere Anwendungen ausserhalb der Finanzwelt entstehen ebenfalls in rasantem Tempo, zum Beispiel die von Lens Protocol, einer Blockchain für den Aufbau dezentraler partizipativer sozialer Netzwerke. Für Influencer und Creator ist das sehr interessant: Während Twitter oder Facebook ihre Konten jederzeit sperren können, ermöglicht ihnen diese Lösung, sich davon zu befreien und die volle Kontrolle über ihr Profil zu gewinnen, indem sie selbst festlegen können, wie sie es gestalten und wie sie mit ihren Inhalten Geld verdienen. Andere Nutzungsmöglichkeiten finden sich im Bereich von Systemen für dezentrale Führung, die die Nutzer einiger Krypto-Assets bereits innerhalb ihres Unternehmens einsetzen, indem sie über ein Abstimmungssystem gemeinsam und transparent über jede noch so kleine Veränderung entscheiden.

Stehen die Komplexität und der hermetische Charakter der Blockchain ihrer Weiterentwicklung im Weg?

Raffo: So wie jeder Mensch einen Computer benutzen kann, ohne programmieren zu können, müssen die Blockchain-Nutzer die Technik nicht beherrschen, um sie für sich zu nutzen. Da es sich um B2B-Technologien handelt, beruht ein verstärkter Einsatz von Blockchains jedoch auf der Fähigkeit der Unternehmen, nützliche und benutzerfreundliche Anwendungen zu entwickeln. Noch hängt das Wachstum des Sektors im Wesentlichen von den Kryptowährungen ab, zumal jeder seine eigene Währung oder sein eigenes Produkt auf der Basis einer bestehenden Blockchain wie zum Beispiel Ethereum erschaffen kann. Es gibt mehrere Tausend Krypto-Assets: Die Entscheidung, welche davon nützlich sind, kann allein der Markt treffen.

Sie sind Mitgründerin der Firma ChainSecurity, die sich die Prüfung der Blockchains von Unternehmen zur Aufgabe gemacht hat. Warum?

Raffo: Wenn eine Blockchain-basierte Anwendung, beispielsweise ein Smart Contract, erst einmal implementiert wurde, gibt es kein Zurück mehr. Unsere Arbeit besteht darin zu garantieren, dass der Code dieser Verträge reibungslos funktioniert und keine Schwachstellen aufweist. Die Entwickler beauftragen uns, um allfällige Fehler zu finden, den Code zu korrigieren und die Stabilität ihres Projekts in technischer Hinsicht zu gewährleisten. Für unsere Kunden geht es auch darum, die Vertrauenswürdigkeit ihrer Arbeit gegenüber Nutzern und Investoren zu belegen. Dem liegt auch ein allgemeiner Trend zugrunde, durch den immer mehr Cryptofinance-Akteure alles dafür tun, die Bedenken aller Beteiligten auszuräumen. In einer Welt, in der eine Vielzahl von Unternehmen in der Lage ist, ihre eigenen Finanzprodukte zu erstellen, wird Vertrauen wieder zu einem zentralen Faktor. Das ist auch der Grund dafür, dass die Gesetzgeber weltweit anfangen, Kryptowährungen zu regulieren, nachdem sie sich mehrere Jahre lang in einer Grauzone befanden hatten.

Welche Vorteile hat die Schweiz auf diesem boomenden Markt zu bieten?

Raffo: Der Sektor ist zweifellos sehr dynamisch: Während es 2017 weltweit rund 300 Blockchain-Unternehmen gab, sind es heute 1'200 Firmen, die mehr als 6'000 Menschen beschäftigen. Die Kompetenzen und Erfahrungen, die man für den Aufbau eines Blockchain-Systems benötigt, sind jedoch weiterhin ein knappes Gut. Hier kann die Schweiz beim Thema Ausbildung punkten. Einige Hochschulen, zum Beispiel die Universität Basel, die als eine der ersten spezielle Kurse zum Thema Blockchain gab, und die Universität Zürich arbeiten daran, diesen Fachkräftemangel zu beheben. KMU, die mit der Blockchain arbeiten, sollten sich ausserdem mit Fachleuten an den Universitäten zusammentun, um sich von der Konkurrenz abzuheben. ChainSecurity ist dabei ein gutes Beispiel für die Verbindungen, die ein KMU zu Forschungseinrichtungen und Hochschulen knüpfen kann. Nur wenige Expertinnen und Experten sind in der Lage, solche Audits durchzuführen, wie unsere Firma sie anbietet. Unsere Nähe zur EPFL und zur ETHZ – aus der ChainSecurity als Spin-off hervorgegangen ist – gibt uns die Möglichkeit, direkt aus dem Pool der Absolventen, Ingenieure und Doktoranden der Informatik zu schöpfen. Die Einführung eines gemeinsamen Masterstudiengangs Cybersicherheit an den beiden Hochschulen ist in dieser Hinsicht ebenfalls ein Aushängeschild des Schweizer Ökosystems in einer Zeit des immer härteren Wettbewerbs.

Wie geht man mit dieser Konkurrenz um?

Raffo: Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der Blockchain können überall auf der Welt arbeiten. Obwohl die Schweiz heute mit anderen Standorten wie Dubai oder Lissabon konkurrieren muss, die sehr auf die Digitalwirtschaft setzen und mit geringen Lebenshaltungskosten überzeugen, kann unser Land auf gute Lebensbedingungen und eine florierende Wirtschaft setzen, um diese Fachkräfte für sich zu gewinnen. In diesem wertschöpfungsintensiven Sektor bietet die Schweiz zudem attraktive Löhne und sie kann sich auf rechtliche, steuerliche und regulatorische Rahmenbedingungen stützen, die von den Akteuren der Kryptowirtschaft geschätzt werden, besonders in Zug. Gerade dank der steuerlichen Anreize erreichte der Kanton die Ansiedlung von mehr als 430 Blockchain-Unternehmen und konnte so ein echtes Schweizer "Crypto Valley" aufbauen. Andere Kantone wie Lugano, das kürzlich eine Partnerschaft mit dem Anbieter des Stablecoins Tether vereinbart hat und ein Kompetenzzentrum für Blockchain und Krypto-Assets errichten will, folgen diesem Beispiel.


Informationen

Zur Person/Firma

Emilie Raffo, Mitgründerin von ChainSecurity

Emilie Raffo hat einen MBA der Louvain School of Management und ist Expertin für Blockchain, Smart Contracts und Kryptowährungen. Mit weiteren Co-Foundern gründete sie 2021 in Zürich ChainSecurity, eine Firma für Audits von Blockchains und Kryptowährungen, bei der sie heute als Head of Sales tätig ist. Sie hält regelmässig Vorträge und hat das Buch "Le Futur des Espèces" (Dunod, 2021) geschrieben, das das Thema Kryptowährung für die breite Öffentlichkeit verständlich machen soll.

Letzte Änderung 05.10.2022

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