"Durch kollektive Intelligenz lässt sich die Effizienz steigern"

Die Einbindung der Mitarbeiter in strategische Projekte verbessert deren Engagement und Leistung.

Indem das Engagement der Beschäftigten gefördert und das Potenzial jedes Einzelnen freigelegt wird, steigt die Motivation, während zugleich die psychosozialen Risiken abnehmen. Wer auf kollektive Intelligenz setzt, verbessert die Effizienz der Mitarbeitenden und damit auch die Leistung des Unternehmens. Yvan Constantin, Ausbilder und Coach, erklärt, wie man diese Art von Management erfolgreich umsetzt.

Was ist kollektive Intelligenz?

Yvan Constantin: Damit ist die Fähigkeit gemeint, aus jedem Mitarbeiter das Beste herauszuholen, indem der Austausch von Wissen, Kompetenzen und Erfahrungen rund um ein gemeinsames Problem oder zugunsten einer effizienten Organisation angeregt wird. Es handelt sich also um einen Prozess der Vernetzung, bei dem alle Energien zum Fliessen gebracht werden, sodass man von einer Gegenüberstellung einzelner Personen zu einem kollektiven "Wir" gelangt, das für ein gemeinsames Ziel eintritt. Wenn sich die Beschäftigten auf diese Weise einbezogen, ernst genommen und wertgeschätzt fühlen, bringen sie sich auch mehr ins Unternehmen ein und werden effizienter.

Was sind die Grundprinzipien eines Managements, das sich auf kollektive Intelligenz stützt?

Constantin: Vertrauen ist unerlässlich. Damit es funktioniert, müssen sich die Mitarbeiter sicher fühlen. Man muss ihnen also das Ziel der Vorgehensweise im Unternehmen erklären und die Herausforderungen teilen, wodurch beruhigende Rahmenbedingungen entstehen. Um die Beschäftigten in die Verantwortung zu nehmen, braucht es ein Management, das akzeptiert, den Teams Probleme anzuvertrauen, die es lösen kann, ohne dass die Vorgesetzten einschreiten: Das Autonomieprinzip ist sehr wichtig, selbst wenn es um Themen geht, für die das Management zuständig sein könnte. Das Ziel ist, den Mitarbeitern Wertschätzung entgegenzubringen. Weitere wichtige Voraussetzungen sind, dass man ihnen das Recht einräumt, Fehler zu machen, um die Kreativität nicht zu unterbinden, dass man sich Meinungen anhört, ohne zu urteilen, und regelmässig Feedback gibt, um Mut zu machen und Anreize zu schaffen.

Warum sollten sich Führungskräfte dafür interessieren?

Constantin: Organisationen und ihr Management sind meistens so aufgestellt, dass sie rational, logisch und beherrscht miteinander interagieren und funktionieren. Wer auf kollektive Intelligenz setzt, gibt Arbeitnehmern, die häufig demotiviert und auf der Suche nach einem Sinn sind, wieder Raum für Lust und Freude. Indem in jedem das Beste zum Vorschein kommen kann und wenn das gewürdigt wird, kommt ganz von allein eine positive Motivationsspirale in Gang. Diese kollektive Dynamik kann nicht nur zu mehr Effizienz führen, sondern man vermeidet vor allem, dass die Leute innerlich abschalten oder sogar psychosoziale Risiken wie Burn-out zum Tragen kommen.

In welchen Branchen ist die Nutzung der kollektiven Intelligenz in der Schweiz schon üblich? Haben Sie ein paar Beispiele?

Constantin: Gegenwärtig arbeiten wir viel in den Bereichen Institutionen, öffentliche Verwaltung oder Verbände. Meines Wissens wurden auch bei Grossunternehmen wie Swisscom oder den SBB ähnliche Experimente durchgeführt. Einige lokale KMU, beispielsweise der Genfer Dienstleister Loyco, haben sich auch mit diesem Ansatz beschäftigt, insbesondere mit Holokratie-Modellen.

Können Sie aus ihrer Tätigkeit als Coach einige konkrete Fälle von strategischen Projekten nennen, die mit kollektiver Intelligenz umgesetzt wurden?

Constantin: Eine der Massnahmen zielte zum Beispiel darauf ab, dem Unternehmen ein neues Gemeinschaftsgefühl zu geben, damit seine Attraktivität auf dem Markt und sein Versprechen an die Kunden untermauert werden. Das Führungskomitee führte eine Selbstanalyse durch im Hinblick auf seine Rolle, seinen Führungsstil und den Mehrwert, den es dem Unternehmen bringen will. Auf diese Weise wurden Prinzipien und Werte als Referenz herausgearbeitet. Der Daseinsgrund der Firma wurde dahingehend überdacht, dass er möglichst deckungsgleich ist mit ihrem Kundenversprechen. Diese neue strategische Ausrichtung wurde den Kadern und den Teams präsentiert, die diese hinterfragen, bereichern und vor allem konkret in den Alltag übertragen sollten.

Ein anderes Projekt drehte sich darum, wie das rasche Wachstum einer fachlich spezialisierten Institution bewältigt werden kann. Diese musste auf eine starke Nachfrage ihrer Kunden nach Unterstützung und Begleitung reagieren. Dafür musste in sehr kurzer Zeit doppelt so viel Personal eingestellt werden. Die Herausforderung bestand darin, eine Organisation zu schaffen, welche die neue Arbeitslast steuern und zugleich die Errungenschaften und die Identität der Institution erhalten kann, die bisher deren Stärke ausmachten. Nach vier Monaten mit kollaborativen Workshops war dieses Ziel erreicht.

Was würden Sie der Chefin oder dem Chef eines KMU raten, die auf kollektive Intelligenz setzen wollen?

Constantin: Man muss bereit sein, seinen Teams Projekte anzuvertrauen, die man als strategisch ansieht. Entscheidend ist die Fähigkeit, loszulassen und zu vertrauen. Da wird jedem Manager eine gewisse Demut abverlangt. Darüber hinaus ist es für diesen Ansatz notwendig, den Mitarbeitern qualitative Zeit zu gewähren. Das bedeutet, dass einige Projekte zeitweilig verlangsamt werden oder dass Überstunden für dieses Projekt ausgeglichen werden.  Und schliesslich geht nichts ohne Transparenz. Wenn ein KMU-Chef eine externe Firma beauftragt, damit diese Instrumente für kollektive Intelligenz schaffen und die Beschäftigten sich in den Prozess einbringen, muss er den Weg bis zum Ende gehen und die Empfehlungen aus den Teams auch umsetzen.


Informationen

Zur Person/Firma

Yvan Constantin, Ausbilder und Coach für kollektive Intelligenz und Leadership

Der gebürtige Walliser Yvan Constantin arbeitete knapp zwanzig Jahre lang als Führungskraft im öffentlichen Sektor und im Bankwesen, bevor er 2007 einen Neuanfang wagte. Heute steht er als Ausbilder und Coach für Unternehmen an der Spitze der Firma Hypso. Ausserdem ist er Coach für Leadership und kollektive Intelligenz. Über das Netzwerk "La Maison des Equilibres" arbeitet er gemeinsam mit anderen Expertinnen und Experten der Branche an Grossaufträgen in der ganzen Schweiz.

Letzte Änderung 02.09.2020

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