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Die Arbeitswochen in der Schweiz werden immer kürzer

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit sinkt weiter, und immer mehr Männer entscheiden sich für ein Teilzeitpensum. Ist das ein schlechtes Signal für Arbeitgeber? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für KMU, die bei der Gestaltung attraktiver Arbeitsbedingungen und der Besetzung offener Stellen oft weniger flexibel sind als Grossunternehmen?

Zwei Mitarbeiter gehen, Büro, Flur, Arbeitsumgebung, lächelnde Frau und Mann.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten in der Schweiz ist zwischen 2019 und 2024 um 50 Minuten auf 40 Stunden und 4 Minuten gesunken. "Die Arbeitszeitverkürzung verlief im 20. Jahrhundert sehr rasch – von über 60 Stunden zu Beginn des Jahrhunderts auf rund 42 Stunden in den 1990er-Jahren, erklärt Michael Siegenthaler, Leiter des Forschungsbereichs Schweizer Arbeitsmarkt am KOF. Heute setzt sich dieser Trend zwar fort, allerdings deutlich langsamer. Der wichtigste Grund dafür ist – wie bereits im vergangenen Jahrhundert – der Produktivitätszuwachs durch den technologischen Fortschritt. Anders gesagt: Um das gleiche Einkommen zu erzielen, muss heute nicht mehr so lange gearbeitet werden wie früher."

Cédric Tille, Professor für Volkswirtschaft am Geneva Graduate Institute, sieht darin eine Möglichkeit für Arbeitnehmende, von den Produktivitätsgewinnen zu profitieren. "Mit steigendem Einkommen sinkt der Anteil der Ausgaben für Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, während jener für Freizeit zunimmt. Zur Freizeit gehören Reisen oder Hotelaufenthalte, aber auch mehr freie Zeit." Die Covid-19-Pandemie hat diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. "Während der Pandemie sank die effektive Wochenarbeitszeit deutlich. Nach den Jahren 2020 und 2021 fiel die Erholung jedoch nur teilweise aus, weil viele Arbeitnehmende ihre Prioritäten neu überdachten und die Unternehmen dieses Bedürfnis ihrer Mitarbeitenden erkannt haben."

Auch die zunehmenden Absenzen – insbesondere aus gesundheitlichen Gründen (+0,9 Tage zwischen 2023 und 2024) – tragen zum Rückgang der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit bei. Hinzu kommen laut Michael Siegenthaler weitere "mechanische"Faktoren. "So sehen beispielsweise zahlreiche Gesamtarbeitsverträge und Unternehmen ab dem 50. Altersjahr fünf oder sechs Wochen Ferien vor. Da der Anteil der Erwerbstätigen in dieser Altersgruppe in der Schweiz zunimmt, wirkt sich dies auf die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aus."

In den vergangenen Jahren ist zudem ein weiterer Trend zu beobachten: Immer mehr Männer arbeiten Teilzeit. Ihr Anteil stieg von 17,3 % im Jahr 2019 auf 21,1 % im Jahr 2024. Vor allem jüngere Männer wünschen sich mehr Freizeit. "Im europäischen Vergleich bleibt dieses Phänomen jedoch eher die Ausnahme", erklärt Caroline Straub, Professorin am Institute for New Work der Berner Fachhochschule. "In den meisten anderen Ländern ist ein hohes Arbeitspensum notwendig, um überhaupt das Einkommen zu erzielen, das für den Lebensunterhalt der Familie oder sogar der eigenen Person erforderlich ist." Über alle Beschäftigungsgrade hinweg beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der Schweiz 35 Stunden und 17 Minuten und liegt damit leicht unter dem europäischen Durchschnitt von 35 Stunden und 32 Minuten.

Nicht "fauler" geworden

Für den KOF-Forscher Michael Siegenthaler sind die Schweizerinnen und Schweizer keineswegs "fauler" geworden. "Männer engagieren sich heute stärker im Haushalt und arbeiten dafür teilweise in einem Teilzeitpensum. Gleichzeitig beteiligen sich Frauen zunehmend am Arbeitsmarkt und erhöhen ihr Arbeitspensum. Betrachtet man Paare insgesamt, ist die tatsächlich verfügbare Freizeit nach Erledigung von Kinderbetreuung und Haushalt in den vergangenen 25 Jahren sogar tendenziell zurückgegangen."

Auch Caroline Straub weist darauf hin, dass viele Menschen schlicht nicht in der Lage sind, zu 100% zu arbeiten. "Manche finden eine Stelle mit einem Pensum von 60%, weil sie nach einem Burn-out schrittweise ins Berufsleben zurückkehren oder beispielsweise unter körperlichen Beschwerden leiden. Das ist keine freiwillige Entscheidung."

Ein wichtiger Faktor bei Lohnverhandlungen

Die Arbeitszeitverkürzung ist Ausdruck eines langfristigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels. Für Unternehmen bedeutet dies, dass attraktive Arbeitsbedingungen zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor werden. Müssen sich Arbeitgeber beispielsweise Sorgen machen, wenn Mitarbeitende ihr Pensum auf 70% reduzieren, um mehr Freizeit zu haben, oder eine zusätzliche Ferienwoche verlangen? "Unternehmen müssen diesen Aspekt sowohl bei der Personalplanung als auch bei Anstellungsverhandlungen berücksichtigen – genauso wie den Lohn", erklärt Cédric Tille.

Die in der Schweiz noch wenig verbreitete Vier-Tage-Woche kann in diesem Zusammenhang eine interessante Option sein. "In Niedriglohnbranchen wie dem Pflegebereich oder dem Baugewerbe scheint eine Arbeitszeitverkürzung auf den ersten Blick kaum umsetzbar", erklärt Caroline Straub von der Berner Fachhochschule. "Doch auch hier gibt es Möglichkeiten. Unternehmen aus diesen Branchen wenden sich an uns, weil sie ihre Mitarbeitenden langfristig binden und verhindern möchten, dass bestimmte Mitarbeitende aus gesundheitlichen Gründen das Unternehmen verlassen. Aktuell begleiten wir beispielsweise ein Bauunternehmen. In dieser Branche sind Anreize wie Homeoffice nicht möglich. Deshalb kann eine Arbeitszeitverkürzung für die Mitarbeitenden ein grosser Bonus sein. Entsprechend positiv fällt die Resonanz der Bauarbeiter aus, die nun mehr Zeit für ihre Familie haben und gleichzeitig den gleichen Lohn erhalten."

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