Aussenstehende haben in puncto Kreativität einige Vorteile

Fachfremde Personen können erfinderischer sein, wenn es darum geht, sich innovative Lösungen auszudenken.

Je weniger man über ein Fachgebiet weiss, desto eher kann man einen neuen Blick und originelle Ideen einbringen. Eine Person, die nur am Rande mit einer Sache zu tun hat, kann leichter unkonventionell darüber nachdenken, da sie nicht durch die herrschenden Denkmuster und Regeln vorbelastet ist.

Bei der Suche nach einer Lösung für ein Problem oder nach einem neuen Konzept lohnt es sich also, so viele Leute wie möglich zu Rate zu ziehen. Und keineswegs nur diejenigen, die im Unternehmen Experten auf diesem Gebiet sind, sondern auch aussenstehende Personen. Wieso nicht auch einmal die Kundinnen und Kunden einbeziehen, indem man sie Prototypen beurteilen lässt oder sie nach ihrer Meinung fragt?

Das Prinzip der offenen Innovation

Ein Unternehmen, das auf der Suche nach neuen Ideen ist und diese in Innovationen umsetzen möchte, kann den Entwicklungsprozess für aussenstehende Akteure öffnen, anstatt sich auf sich selbst zu beschränken. Das ist das Prinzip der offenen Innovation. Laut Henry Chesbrough von der University of Berkeley können Unternehmen in Zeiten des Internets und des freien Zugangs zu Wissen ihre eigenen Innovationen besser steuern, wenn sie Ideen, Produkte und Patente von aussen mit einbeziehen. In der folgenden Tabelle sind die Unterschiede zwischen den Prinzipien der geschlossenen und der offenen Innovation zusammengefasst:

Geschlossene Innovation Offene Innovation
Die klugen Köpfe auf unserem Gebiet arbeiten für uns. Wir müssen mit den klugen Köpfen sowohl innerhalb als auch ausserhalb unseres Unternehmens zusammenarbeiten.
Wir erfinden, entwickeln und produzieren unsere Innovationen selbst. Externe Forschung und Entwicklung (F&E) kann bedeutenden Wert schöpfen; interne F&E wird benötigt, um einen gewissen Anteil dieses Wertes zu beanspruchen.
Wenn wir einen Grossteil der besten Forschung innerhalb der Branche durchführen, sind wir die Gewinner. Wir müssen die Forschung nicht ins Leben rufen, um davon zu profitieren.
Wenn wir einen Grossteil der besten Ideen innerhalb der Branche schaffen, sind wir die Gewinner. Wenn wir den bestmöglichen Gebrauch sowohl von internen als auch von externen Ideen machen, sind wir die Gewinner.
Wir sollten unseren Innovationsprozess kontrollieren, damit unsere Mitbewerber nicht von unseren Ideen profitieren. Wir sollten davon profitieren, dass andere unsere Innovationen nutzen und wir sollten das geistige Eigentum anderer kaufen, wann immer es unseren eigenen Interessen dient.

Quelle: Business Model Generation, Alexander Osterwalder und Yves Pigneur, Campus Verlag.

Crowdsourcing: Ideen aus der Öffentlichkeit nutzen

Auf der Suche nach neuen Ideen können sich Unternehmen, die sich für die offene Innovation entscheiden, heutzutage auch an die breite Masse wenden. Ihr Instrument: Crowdsourcing und öffentliche Ideenwettbewerbe im Internet, die jedem die Möglichkeit bieten, sich zu einem Erfinder zu mausern und einen Teil der Gesamtprämie zu kassieren, die den besten kreativen Köpfen ausgezahlt wird (in der Schweiz einige Tausend Franken, in den USA häufig das Zehnfache). So wurde zum Beispiel kürzlich ein neuer Bio-Eistee der Marke Bischofszell der Migros-Gruppe mithilfe einer Art Online-Brainstorming entwickelt.

Es gibt viele Crowdsourcing-Websites, in der Schweiz zum Beispiel Atizo. International ist die 2001 gegründete amerikanische Website InnoCentive hinsichtlich der Mitgliederzahlen marktführend. Mehr als 350'000 "Problemlöser" aus 200 Ländern sind dort angemeldet. Die Firmen veröffentlichen auf der Website ein Problem, auf das sie gestossen sind, und die Internetuser können Lösungsvorschläge machen. Man kann dort sowohl auf einen Nahrungsmittelkonzern treffen, der eine kalorienarme Schokoladenglasur entwickeln will, als auch auf eine Elektronikfirma, die an einer solarbetriebenen Lithiumbatterie für Computer arbeitet. Zu den Kunden der Plattform zählen KMU, internationale Grosskonzerne und auch NGOs.

2007 analysierte Karim Lakhani, Professor an der Harvard Business School, einige hundert "Aufgaben", die auf dieser Website gestellt wurden. Er stellte fest, dass knapp 40% von ihnen innert sechs Monaten gelöst werden konnten. In den meisten Fällen kommt die Person, welche die Lösung findet, nicht aus der betroffenen Branche, sondern aus einer Nachbardisziplin. Beispielsweise kann ein Molekularbiologe ein Problem aus der Chemie lösen und umgekehrt.

Wer die Welt entdeckt, öffnet seinen Geist

Der Bonus des Aussenstehenden kann besonders jungen Menschen zugutekommen, die noch nicht die Zeit hatten, die vorherrschenden Konventionen in ihrem Fachgebiet oder Unternehmen zu sehr zu verinnerlichen. Eine weitere Möglichkeit, eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen, sind Reisen in andere Teile der Welt. Forscher vom INSEAD und der Kellogg School of Management konnten zeigen, dass Studierende, die eine gewisse Zeit im Ausland verbracht hatten, im Durchschnitt besser darin waren, Kreativitätsaufgaben zu lösen, als diejenigen, die in ihrem Land geblieben waren. Das Gleiche gelte auch für Personen mit mehreren sozialen Identitäten (z. B. Amerikaner mit asiatischen Wurzeln oder Ingenieurinnen), meinen die Forscher.

Quellen: Imagine: How Creativity Works, Jonah Lehrer, Houghton Mifflin Harcourt; Business Model Generation, Alexander Osterwalder und Yves Pigneur, Campus Verlag.


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Letzte Änderung 05.01.2016

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