Sollte das Freihandelsabkommen zwischen der EFTA und den vier lateinamerikanischen Ländern zustande kommen, würden Schweizer KMU auf diesen Märkten mit insgesamt 270 Millionen Einwohnern einen Wettbewerbsvorteil geniessen.

Das Parlament wird ab dem kommenden Sommer über die Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen der Schweiz und den vier Mercosur-Ländern (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) abstimmen. Sollte das Freihandelsabkommen in der Schweiz rasch angenommen werden, verschafft es den Unternehmen, die mit einem oder mehreren Ländern der Region Handel treiben, einen – zumindest vorübergehenden – Vorteil gegenüber ihren Hauptkonkurrenten aus der Europäischen Union, deren Abkommen mit Mercosur noch nicht ratifiziert ist. "In einer schwierigen Zeit, die von zunehmendem Protektionismus in den USA und einem starken Franken geprägt ist, ist es für Exportunternehmen sehr wichtig, neue Absatzmärkte zu erschliessen, insbesondere in Lateinamerika", meint Bruno Aloi, der bei Switzerland-Global Enterprise (S-GE) für diese Region zuständig ist. "Mit diesem Abkommen werden 54% der Schweizer Produkte in den Mercosur-Ländern sofort von einer Aufhebung der Zölle profitieren. In fünfzehn Jahren wird dieser Anteil 96% erreichen. Derzeit werden beispielsweise Waren wie Chemikalien, Pharmazeutika oder Bauteile für die Automobilindustrie mit etwa 18 bis 20% verzollt." Der Bundesrat rechnet mit Zollersparnissen von mehr als CHF 155 Millionen pro Jahr.
Die Geschäftsführerin der Schweizerisch-Argentinischen Handelskammer in Buenos Aires, Maria Silvia Abalo, verweist zudem auf Fortschritte beim Schutz des geistigen Eigentums für Schweizer Unternehmen. "Pharmaunternehmen können beispielsweise die Ergebnisse ihrer klinischen Studien in Argentinien schützen, während nach geltendem Recht jeder diese Forschungsergebnisse für sich beanspruchen kann." Der Text enthält zudem Fortschritte für Dienstleister und Investoren und erleichtert die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen. Der Bundesrat hat zu bestimmten Aspekten des Abkommens Schutzklauseln vorgeschlagen, insbesondere in den Bereichen Landwirtschaft und Nachhaltigkeit (siehe Kasten).
Brasilien und Argentinien
Mit einem Handelsvolumen von insgesamt fast 4,8 respektive 2,3 Milliarden Franken im Jahr 2024 sind Brasilien und Argentinien der erste und zweite Handelspartner der Schweiz in Südamerika. Beide Länder bieten Chancen in verschiedenen Branchen.
"Brasilien ist ein Markt mit rund 200 Millionen Konsumenten, von denen 10% einen ähnlichen Lebensstandard haben wie die Schweizer Mittelschicht", bemerkt Bruno Aloi. Schweizer KMU wie Curaden und Alpine White, die im Bereich der Zahnpflege tätig sind, oder Caran d’Ache, ein Hersteller von Zeichen- und Schreibmaterialien, verkaufen dort seit mehreren Jahren ihre Konsumgüter. Andere vermarkten dort Waren und Dienstleistungen im B2B-Bereich. Sie sind in den Bereichen Medtech, Mobilität und Luftfahrt sowie in der Lebensmittel- und Agrartechnologie tätig. "Die Mercosur-Märkte, insbesondere Brasilien, sind noch nicht konsolidiert. Es gibt nach wie vor zahlreiche Geschäftsgelegenheiten, da diese Länder sehr an neuen technologischen Lösungen interessiert sind", meint Bruno Aloi. "Es besteht auch Bedarf bei der Sanierung von Industrieparks oder im Bereich Cleantech."
In Argentinien bezeichnet Maria Silvia Abalo den Bergbausektor als einen Bereich, der für Schweizer Zulieferer von Interesse ist. Der Bergbau verzeichnet dort derzeit einen starken Aufschwung und es sind drei Schweizer Bergbaukonzerne im Land vertreten. "Auch kleinere Unternehmen sind in diesem Sektor tätig, beispielsweise das Waadtländer Unternehmen Flyability, das über eine Vertretung im Land verfügt, um Drohnen zu vermarkten, die für Menschen schwer zugängliche oder sogar gefährliche Bergbaugebiete erreichen können."
Die Märkte in Uruguay und Paraguay, deren Handelsvolumen mit der Schweiz sich im Jahr 2024 auf CHF 122 respektive 43 Millionen belief, werden vor allem für Unternehmen interessant sein, die in der Landwirtschaft oder im Cleantech-Bereich tätig sind.
Den Markteintritt planen
Die Ratifizierung des Abkommens ist zwar wichtig, wird aber nicht der einzige Erfolgsfaktor für Schweizer KMU in der Region sein. "Man sollte sich die Zeit nehmen, um zu verstehen, wie der Markt funktioniert", rät Bruno Aloi von S-GE. "Man muss sich auch an die lokalen Anforderungen anpassen und sich im bürokratischen Dschungel zurechtfinden. Und schliesslich scheint es mir wichtig, einen Partner vor Ort zu finden. Sind diese Hürden erst einmal überwunden, sind die Wachstumschancen gross." Maria Silvia Abalo von der Handelskammer Schweiz-Argentinien merkt zudem an, dass sich die argentinische Wirtschaft, die zuvor recht protektionistisch war, zunehmend öffnet und ihre Zahlungsfähigkeit gesteigert hat.
Die drei Handelskammern der Region in Buenos Aires, Montevideo und Asunción sowie der Swiss Business Hub in São Paulo stehen bereit, um KMU vor Ort zu unterstützen. "Das kann bedeuten, ihnen bei der Logistik oder beim Verstehen von Vorschriften und steuerlichen Themen zu helfen, Veranstaltungen zu organisieren oder den richtigen Partner vor Ort zu finden", fasst Bruno Aloi zusammen.
Zum Thema
Vorschlag für Schutzmassnahmen
Die Botschaft des Bundesrats zum Freihandelsabkommen zwischen der EFTA und dem Mercosur wurde im Februar 2026 veröffentlicht. Sie klärt Aspekte des Vertrags, die derzeit in der Schweiz lebhaft diskutiert werden, insbesondere zu folgenden Themen:
- Landwirtschaft
Für sensible Agrarprodukte, darunter Fleisch, gelten 25 bilaterale Einfuhrkontingente. Diese sind auf weniger als 2% des gesamten Konsums in der Schweiz begrenzt oder entsprechen den aktuellen Einfuhrmengen. - Nachhaltigkeit
Der Bundesrat präzisiert die verbindlichen Verpflichtungen in den Bereichen Klimawandel, nachhaltige Bewirtschaftung der Wald- und Meeresressourcen, Entwaldung, Biodiversität sowie Arbeitnehmerschutz und Rechte indigener Völker.
Das Parlament wird sich in der Sommer- und der Wintersession 2026 mit der Botschaft befassen.
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Letzte Änderung 01.04.2026