Landwirtschaftliche Ausbildung: Nachhaltig in die Zukunft

Als Reaktion auf die aktuellen Herausforderungen, die insbesondere neue Kundenbedürfnisse und ökologisch notwendige Massnahmen umfassen, passen sich die Schweizer Landwirte an. In den Berufsfachschulen verändert sich die Ausbildung, um den Übergang zu nachhaltigeren Modellen weiter voranzubringen.

Die Ernte von Aprikosen.

Ob es sich um biologische Landwirtschaft, integrierte Produktion oder die Reduktion von Düngemitteln handelt – die 150'000 Fachleute, die in den 48'000 Landwirtschaftsbetrieben in der Schweiz tätig sind, stellen nach und nach auf umweltfreundlichere Produktionsmodelle um. "Die Bewegung hat sich in den letzten Jahren intensiviert, aber alle Produzenten haben schon in den 1990er Jahren damit angefangen", erklärt Pascal Toffel, Direktor des Landwirtschaftlichen Instituts Grangeneuve im Kanton Freiburg. "Die Konsumenten wollen gesündere Produkte, die nicht unbedingt bio sein müssen, aber nur ein Minimum an Dünger und Pflanzenschutzmitteln enthalten sollen." Die neuen Gesetze spiegeln diesen Sinneswandel wider: Das 2021 verabschiedete Bundesgesetz über die Verminderung der Risiken durch den Einsatz von Pestiziden sieht verschiedene Massnahmen vor, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 um 20% zu senken. Weitere Regelungen werden im Januar 2023 in Kraft treten.

Um das Ziel zu erreichen, passen sich die Berufsfachschulen an, erklärt Markus Waber, stellvertretender Direktor des Verbands Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP) in Bern. "Die Ausbildungsprogramme aller landwirtschaftlichen Berufe werden zurzeit umfassend überarbeitet. Ende 2024 sollen sie fertig sein. Biologische Landwirtschaft wird ein fester Bestandteil und alle Lernenden werden dieselbe Grundausbildung erhalten, unabhängig von der späteren Fachrichtung." Der Beruf verändert sich, aber ein Patentrezept gibt es nicht: "Gezielte Besprühung, die Selektion besonders widerstandsfähiger oder besonders ertragreicher Sorten, Roboter, Schutznetze für Anbaukulturen... Nur über die Kombination verschiedener Methoden wird man den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verringern können, ohne dass die Erträge abnehmen."

Erfolgreiche Modellprojekte

In Zusammenarbeit mit den Labors und den Teams für angewandte Forschung der Hochschulen werden grosse Anstrengungen unternommen, um die vielversprechendsten Lösungen in der Praxis zu testen. "Wir sind nicht befugt, F+E-Projekte durchzuführen, für die das FiBL oder Agroscope zuständig sind", erklärt der Freiburger Pascal Toffel. "Wir arbeiten aber mit ihnen zusammen und stellen Anbauparzellen zur Verfügung, damit es mehr Demonstrationsversuche gibt, bei denen ihre Lösungen getestet werden und den Landwirten die Wirksamkeit demonstriert werden kann. Unsere Rolle ist die einer Zwischenstation, die die angewandte Forschung mit der Agrarwirtschaft verbindet."

An der Gartenbauschule Lullier (GE) arbeitet Jean-Marc Vuillod, der für den Praxisunterricht im Gemüsebau zuständig ist, seit mehreren Jahren an einem zunächst etwas sonderbaren Projekt: Es geht um den Einsatz von menschlichem Urin, der so umgewandelt und stabilisiert wird, dass aus dem Ammonium Nitrat wird und natürlicher Dünger entsteht. Das Endprodukt, ein geruchsneutrales Konzentrat, das mit Wasser verdünnt wird, wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft als Dünger für Gemüse und Blumen zugelassen und wird bereits durch das Unternehmen Vuna, ein Spin-off der ETHZ, vertrieben. Die originelle Idee dieses Experiments hat einen ernsten Hintergrund, erklärt Jean-Marc Vuillod: "Der Stickstoffpreis hat sich bereits verdoppelt und wir werden der Erde keine Nährstoffe zufügen können, wenn wir keine neuen Lösungen finden. Urin ist eine davon; eine andere ist zum Beispiel das Recycling des Klärschlamms aus den Kläranlagen." Die Versuche – für Basilikum, Erdbeeren und Salat – gehen mit vielversprechenden Ergebnissen weiter in neue Richtungen.

Bei der Weiterentwicklung spielen auch Technologie und Robotik eine Rolle. In Lullier will Jean-Marc Vuillod gemeinsam mit der Fachhochschule Genf Versuche mit einem Roboter für präzise lokalisierte Bewässerung durchführen, der in der Lage ist, in maximaler Nähe zur Pflanze zu bewässern und so den Verbrauch einer Ressource, die im Zuge des Klimawandels immer knapper wird, zu senken. In Galmiz (FR) beschäftigt sich ein anderes Projekt, das vom VSGP, dem Forum Forschung Gemüse und der Schweizerischen Zentralstelle für Gemüsebau lanciert wurde, mit der gezielten Besprühung mit Pflanzenschutzmitteln, auch Spotspraying genannt. Ein von einem Traktor gezogener Prototyp wird seit 2018 getestet und verbessert mit dem Ziel, die Menge an Insektiziden auf verschiedenen Kulturen wie Pak Choi, Sellerie oder Petersilie zu reduzieren. Die Ergebnisse sind positiv: Im Rahmen der Tests konnten auf Reihenkulturen grosse Mengen an Pflanzenschutzmitteln eingespart werden, ohne dass es zu Effizienzeinbussen kam. So macht die Digitalisierung auch vor der Landwirtschaft nicht Halt. Fraglich bleibt allerdings, ob sich alle Betriebe solche Technologien leisten können, da die Kosten nicht unerheblich sind.


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Letzte Änderung 06.07.2022

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