KMU auf dem Weg ins digitale Zeitalter

Viele Schweizer Firmen befinden sich in einer Umbruchphase hin zu einer stärkeren Digitalisierung. Inwiefern werden dadurch die Berufe revolutioniert? Was hat sich in diesem Bereich als Best Practice bewährt? Erläuterungen.

Digitalisierung, dargestellt durch leuchtende binäre Zahlenreihen

Die Digitalisierung wird von vielen kleinen und mittleren Unternehmen in der Schweiz als Chance angesehen, wie eine Studie von Credit Suisse aus dem September 2016 ergab. Knapp drei Viertel der Befragten (72,3%) sind der Ansicht, dass die Nutzung der neuen Technologien die beste Möglichkeit darstellt, um die Wettbewerbsnachteile der Schweiz zu bekämpfen. Mehr als ein Fünftel der Schweizer KMU gibt an, bereits stark digitalisiert zu sein. Doch bevor wir diesen nacheifern, sollte definiert werden, was unter der Digitalisierung eines Unternehmens zu verstehen ist. 

Für Paul de La Rochefoucauld, Experte für digitale Transformation und Gesellschafter der Consultingfirma Open Web Technology, bedeutet Digitalisierung, dass sich dank der neuen Technologien der Beruf, die Verfahren und/oder das Produkt wandeln. Ein anschauliches Beispiel ist der Luftverkehr. "Früher haben wir in einem Reisebüro Flugtickets aus Papier gekauft und den Check-in bei den Mitarbeitern am Flughafen durchgeführt. Heute kaufen wir unsere Tickets selbst im Internet und nutzen beim Boarding unser Smartphone." 

Die meisten Informationen eines Unternehmens – von den Kundenbeziehungen bis zu den Geschäftsprozessen – befänden sich bereits in den Computern, hebt Jana Koehler vom Fachbereich Informatik an der Hochschule Luzern hervor. "Die Grundidee der Digitalisierung ist das Anfertigen einer digitalen Kopie dieser Daten mit Hilfe einer Software, damit diese miteinander verbunden und flexibel genutzt werden können, sodass ein Mehrwert entsteht." Die Digitalisierung hat Vor- und Nachteile. "Natürlich ist alles schneller und flexibler. Aber wir sind auch zu 100% von dieser virtuellen Welt abhängig. Wenn das Informatiksystem einer Bank mehrere Tage nicht funktioniert, existiert die Bank nicht mehr." 

Aufbau neuer Infrastrukturen 

Für KMU, die ihre Produkte ins digitale Zeitalter überführen möchten, muss man einen Zugang zu dieser Welt bauen. Die neue Infrastruktur beruht auf drei Säulen. Die erste Säule ist das Produkt als solches. "Früher waren die Produkte der Firmen einfach nur Hardware; Software gehörte nicht dazu", erklärt Jana Koehler. "Heute werden beide Komponenten gemeinsam entwickelt und bilden ein Produkt, das nennt man Hardware/Software-Co-Design." Zweitens muss das Unternehmen eine Brücke zwischen dem Produkt und der Cloud bauen – die Anschlussfähigkeit. 

Die dritte Säule ist der Aufbau der Cloud, also Server, die alles beinhalten, was der Kontrolle, dem Monitoring oder der Optimierung des Produktes dient. Die Cloud enthält auch eine Datenbank mit Informationen zur Verwendung des Produktes und Mechanismen für die Analyse dieser Daten (siehe Download "How Smart Connected Products Are Transforming Competition", S. 7). 

Hilfe finden 

Die meisten KMU haben bisher noch keine Software entwickelt. Am schwierigsten wird es für sie sein, bei der Entwicklung ihrer Produkte Hard- und Software miteinander zu verbinden. Um dies zu schaffen, müssen sie Kontakt zu Fachleuten aufnehmen. "Man muss für diese Aufgabe ein Team zusammenstellen, das zum einen aus Mitarbeitern der IT-Abteilung besteht und zum anderen aus Personen, die sich beruflich mit Digitalisierung befassen. Dieses Team analysiert systematisch, was im Unternehmen alles gemacht werden kann", erklärt Paul de La Rochefoucauld. 

Seine Firma geht immer nach derselben Methode vor, egal ob es um eine Bank geht oder um eine Uhrenfabrik. "Zuerst skizzieren wir die kundenseitige Wertschöpfungskette. Im Fall der Fluggesellschaft wäre das die Auswahl des günstigsten Flugtarifs durch den Kunden, die Gepäckaufgabe, der Flug und die Ausgabe der Koffer. Dann überlegen wir, welche Teile dieser Kette dem Kunden anders angeboten und geliefert werden können. So entscheiden wir zum Beispiel, die Anmeldung am Schalter in einen virtuellen Check-in umzuwandeln." 

Wünschenswert sei auch, sich mit Firmen aus derselben Branche auszutauschen, mit denen man nicht in direkter Konkurrenz stehe, rät Jana Koehler. Der Kontakt zu Dachverbänden und Handelskammern kann ebenfalls ein guter Weg sein, um sich zu informieren, was in der eigenen Branche passiert. 

Vermeidbare Fehler 

Für die Geschäftsführung eines KMU ist es unerlässlich, vor dem Start genau zu definieren, welche Position in naher Zukunft erreicht werden soll. Die Professorin der Hochschule Luzern weiss, dass "diese digitalen Transformationen viel Geld kosten können. Man sollte nicht mehr als nötig unternehmen." Was auch nicht passieren darf, ist, dass man sein Produkt nicht gut genug absichert. Und man darf nicht zu lange warten: "Das ist ein Problem bei vielen Schweizer Unternehmen, die erstmal abwarten, was sich in ihrer Branche tut, anstatt selbst initiativ zu werden."


Informationen 

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Digitalisierte Prozesse am Beispiel einer Privatklinik 

Die Clinique de Genolier im Kanton Waadt mit einem Stellenumfang von 305 Vollzeitäquivalenten hat 2015 eine neue Etappe hin zur Digitalisierung in Angriff genommen. Sie beschloss, den gesamten Rechnungslegungsprozess vom Verbandswechsel in der Klinik bis zum Eintreffen der Rechnung beim Kunden zu digitalisieren. Das Krankenpflegepersonal erfasst mit Hilfe von Tablets alle verwendeten Produkte und erbrachten Leistungen. Am Ende der Behandlung wird die Eingabe von dem Pfleger oder der Pflegerin selbst auf dem Tablet kontrolliert und bestätigt. Die Leistungen werden anschliessend dem direkten Vorgesetzten zur Überprüfung übermittelt. Dieser schickt die bestätigten Leistungen an die Rechnungsstelle, die nach einer letzten Kontrolle die Rechnung an die Kunden oder Versicherungen schickt. 

"Das Instrument wurde in Zusammenarbeit mit einer auf Digitalisierung spezialisierten Beratungsgesellschaft entwickelt", berichtet die Pflegedienstleiterin Drissia El Archi. "Wir haben es gemeinsam aufgebaut und verbessert, sei es in praktischer oder optischer Hinsicht." Ein Mehr an Produktivität, Effizienz und Präzision bei den Kontrollen sowie ein grosser Schritt in Richtung papierloses Büro gehören zu den positiven Auswirkungen, die von der Klinik genannt werden.

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Drei Fragen an Michael Lewrick

Michael Lewrick ist zusammen mit Larry Leifer von der Stanford University und Patrick Link von der Hochschule Luzern Herausgeber vom kürzlich erschienen "Design Thinking Playbook". Aktuell verantwortet er als Chief Innovation Officer die vertikalen Wachstumsthemen bei Swisscom Enterprise Customers in Zürich.

Was heisst Digitale Transformation?

Digitale Transformation ist für mich das Trimmen der Organisation auf ein Mindset, dass befähigt neue Geschäftsmodelle, Prozesse und Ökosysteme durch digitale Technologien zu realisieren. Digitale Transformation ist kein Projekt, das so nebenbei läuft. Es braucht ein klares Commitment der Geschäftsleitung, sodass Freiräume, ein Umfeld und eine Kultur geschaffen wird, in der Mitarbeitende erfolgreich agieren können. Eine hervorragende Möglichkeit diese Transformation zu starten ist ein Design Thinking Workshop in dem durch Ansätze wie Strategic Foresight die gewünschte Zukunft abgebildet wird, basierend auf den heutigen und zukünftigen Problemstellungen von Kunden und Nutzern.

Warum ist Design Thinking ein wertvolles Mindset für die Transformation?

Wir verwenden im Design Thinking Playbook ein aktualisiertes Mindset, dass sehr stark auf die Herausforderungen der Digitalisierung eingeht. So kombinieren wir verschiedene Mindsets aus dem Design Thinking mit z.B. Systems Thinking. In den Geschäftsmodellen von Morgen gestalten wir Lösungen in Ökosystemen, hier besteht eine gewisse Komplexität, die wir nicht ignorieren, sondern aktiv mitgestalten sollten. Zudem hat Design Thinking einige Elemente die diesen Prozess fördern, wie z.B. die agile Zusammenarbeit von interdisziplinären Teams, oder eine Vorgehensweise über Iterationen und Prototyping die uns befähigen schnell zu MVPs (Minimum Viable Product) zu gelangen.  Also Produkte und Services mit den minimalen Anforderungen und Eigenschaften, dass wir am Markt mit Kunden erstmal testen können.

Was ist ein kleiner Tipp für KMUs, der einen Kulturwandel einleitet und einfach umzusetzen ist?

Eine gute Möglichkeit ist es eine positive Sprachregelung für Brainstorming Sitzungen und Feedback-Runden einzuführen. So kann im Brainstorming immer mit "Ja, und wir könnten noch…." reagiert werden, anstelle von "Nein, aber…". Beim Feedback immer in zwei Richtungen Rückmeldung geben:
1. "Mir gefällt an der Lösung ….", und 2. "Ich wünsche mir für diese Lösung….". Durch diese zwei Techniken werden Lösungen weiterentwickelt und die Grundstimmung bleibt positiv.

Letzte Änderung 05.04.2017

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