Kader abschaffen: Ist das realistisch?

Die jungen Managerinnen und Manager von Schweizer KMU setzen immer stärker auf innovative Formen der Arbeitsorganisation. Worum geht es bei kollektiver Intelligenz oder flachen Hierarchien?

Eine Personengruppe gibt ihre Ideen für ein Projekt.

"Die Mitarbeitenden sind motivierter und kreativer als in einem klassischen hierarchischen System." Christophe Barman, Geschäftsführer von Loyco, experimentiert seit knapp fünf Jahren mit neuen Managementformen, die auf Schwarmintelligenz und der Abwesenheit von Hierarchien und Kontrolle beruhen. "Wir haben uns dieses Modell zum Zeitpunkt der Firmengründung selbst ausgedacht, indem wir aus den Erfahrungen einiger unserer Gründer im Verbandswesen schöpften." 

Konkret setzt sich die Philosophie dieses Genfer KMU mit 84 Mitarbeitenden, das auf das Outsourcing von Support-Dienstleitungen spezialisiert ist, aus fünf Säulen zusammen. Die erste ist die Macht, die über die gesamte Firma verstreut ist. Die zweite ist das Wissen: "Die Informationen des Unternehmens, wie die Strategie und die Ergebnisse, sind allen Mitarbeitenden frei zugänglich", macht der CEO deutlich. "Nur die individuellen Löhne werden nicht öffentlich gemacht." Die in der Firma geteilten Werte sind ein weiterer wesentlicher Punkt in diesem Modell, ebenso wie die Sicherheit der Mitarbeitenden. "Die Mitarbeiter müssen zum Beispiel wissen, dass sie niemand angreifen wird, wenn sie mal einen Fehler machen, oder auch, dass sie bei finanziellen Schwierigkeiten des Unternehmens oder bei persönlichen Problemen nicht vor die Tür gesetzt werden." Die letzte Säule ist die Verteilung. Das KMU garantiert, dass die Gewinne nicht in den Händen einiger weniger bleiben, sondern der ganzen Belegschaft zugute kommen, mit einer Lohnschere zwischen 1 und 3,5 oder 4. 

KMU sind die perfekten Pioniere 

Das Projekt des Genfer Unternehmens ist kein Einzelfall. Die Teams von Vicario Consulting, die ihre Erfahrung im Bereich Personal in der Romandie, der Deutschschweiz und im Tessin anbieten, beobachten einen Trend zur Abschaffung der mittleren Kader. "Die Konzepte von Holokratie, flacher Hierarchie, kollektiver Intelligenz (s. Glossar rechts) sind natürlich nicht neu, aber die konkrete Umsetzung in den Schweizer Firmen ist es durchaus", meint Regionalleiter Mehdi Guessos. Die kleinen und mittleren Unternehmen seien auf diesem Gebiet sogar Pioniere. "Der Abstand zwischen den Informationen und den Entscheidungen ist dort schon sehr klein. So hat man einen grösseren Spielraum, um Dinge zu verändern." 

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Aus Sicht von Mehdi Guessos kommt der Veränderungsdruck einerseits von den jungen Managerinnen und Managern, die effizientere Prozesse einrichten, den Weg zwischen Information und Entscheidung verkürzen und den Personalaufwand verringern wollen. Andererseits möchten die Mitarbeitenden heutzutage mehr Informationen und Kontext zu ihrer Arbeit bekommen, damit sie mehr Sinn darin sehen können. 

Kehrseiten im Blick behalten 

Christophe Barman unterhält sich immer wieder auch mit anderen Unternehmenden über sein innovatives Managementmodell, insbesondere innerhalb des Netzwerks für Social Entrepreneurship B-Corp. Und auch wenn er nicht wirklich gern als Lehrer auftritt, hat er doch für diejenigen, die es ausprobieren wollen, einige Tipps parat. 

Zunächst einmal sollten die Werte der Firma genau definiert werden, damit es innerhalb der Geschäftsführung nicht zu Unstimmigkeiten kommt. Dann rät der CEO dazu, Schulungen für wohlwollendes Feedback einzuführen. Das Ziel ist zu verhindern, dass die Meetings, bei denen das ganze Team seine Meinung äussert, für diejenigen, die ihre Arbeit präsentieren, zu einem Volkstribunal werden. Die neuen Managementformen erfordern darüber hinaus mehr Abstimmung und Koordination, da eine durch die Hierarchie vorgegebene Zentralisierung entfällt. 

Und man muss aufpassen, dass es nicht zu einem Über-Engagement kommt. "Die Mitarbeitenden können sich überfordert fühlen. Wenn es keinen wohlmeinenden Vorgesetzten mehr gibt, muss man sich andere Lösungen überlegen, zum Beispiel über ein Mentoring-System, damit sie Abstand zu ihrer Arbeit gewinnen können."


Informationen 

Glossar

Matthias Mölleney ist Inhaber der HR-Strategieberatung peopleXpert und Leiter des Centers für HRM & Leadership an der Hochschule für Wirtschaft Zürich. Er definiert die wichtigen Begriffe hinter der Abschaffung der Hierarchien in den Unternehmen. 

Holokratie: Holokratie ist ein Strukturierungsmodell für Organisationen, bei dem die traditionellen Hierarchien durch kommunizierende Kreise ersetzt werden. Es kann z. B. Marketing-, Produktions- oder Kommunikationskreise geben. Jeder Kreis ist mit den anderen verbunden. Es gibt keine Funktionen mehr, sondern neu sogenannte Rollen. Die Kreise definieren, welche Rollen besetzt werden sollen, und wählen diejenigen aus, die diese Rollen ausfüllen sollen. Bei der Firma Freitag, die die Holokratie komplett umgesetzt hat, hat der ehemalige CEO im Moment 14 verschiedene Rollen.. 

Flache Hierarchie: Klassischerweise sprechen wir von Führungsspanne (das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und den einfachen Mitarbeitenden). Traditionell waren das ca. 7 bis 8 Mitarbeitende pro Vorgesetztem. Wenn diese Spanne deutlich grösser ist, spricht man von flachen Hierarchien. Die Führungskraft führt z. B. 40 Leute, aber weil sie sich dabei nicht um jeden einzelnen kümmern kann, braucht es (Kollaborations-)Systeme, die es möglich machen, dass diese 40 Personen sich untereinander gut abstimmen und weniger Führung von oben brauchen. Die Holokratie ist in diesem Sinn die ultimative Form von flacher Hierarchie. 

Kollektive Intelligenz: Mit dieser Methode sorgt die Firma dafür, dass die vorhandene Intelligenz optimal eingesetzt wird. Klassischerweise organisiert der Chef ein Meeting zu einem Thema und lädt alle die Mitarbeiter ein, die dafür offiziell verantwortlich sind. In einem Ansatz kollektiver Intelligenz sind alle, die einen wertvollen Beitrag leisten können, eingeladen mitzumachen, unabhängig von ihrer Funktion oder ihrer Stellung in der Hierarchie. Bei der Firma Freitag z. B. waschen Mitarbeiter die schmutzigen Lastkraftwagen-Planen, die zum Herstellen der Taschen gebraucht werden. Wenn einer dieser Mitarbeiter in diesem Beispiel aber auch ein guter Texter ist, kann er sich zusätzlich auch für andere Rollen melden. Dann wird er vielleicht 80% LKW-Planen waschen, aber auch 20% Texte schreiben.

Letzte Änderung 01.11.2017

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