Entrepreneurship kann man in der Schule lernen

Der Verein Young Enterprise Switzerland bietet Jugendlichen an, in einem Jahr ihr eigenes Unternehmen zu gründen, um zu verstehen, wie es in der Business-Welt läuft. Diese einzigartige Erfahrung, die häufig im Bereich der Schule gemacht werden kann, begeistert immer mehr junge Menschen und hat schon einige Juwelen zur Welt gebracht.

Schule für Entrepreneurship, dargestellt durch ein Mädchen mit grosser Brille, das sein Kinn auf einen Abakus stützt

Die Schweiz gehört nicht zu den Ländern, in denen der Unternehmergeist bei den 12- bis 25-Jährigen besonders verbreitet ist (s. Kasten). Sie sehen sich eher als Arbeitnehmer in einem KMU oder einem grossen Konzern als an der Spitze ihrer eigenen Firma. Liegt das an der relativ geringen Arbeitslosigkeit? Oder an einer zu theoretischen Ausbildung, die wenig von den Abläufen der Geschäftswelt vermittelt? Young Enterprise Switzerland (YES) hat jedenfalls beschlossen, diesem Unwissen etwas entgegenzusetzen. Der Verein, der Mitglied der amerikanischen NGO JA Worldwide ist, hat sich auf wirtschaftliche Bildung für junge Menschen spezialisiert und bietet drei Programme an, die das Verständnis der Business-Welt erleichtern sollen. Eines davon ist das "Company Programme", in dem Jugendliche ihre eigene Firma gründen können. 

Das Company Programme, das es auf Französisch, Deutsch und Englisch gibt, erfreut sich in allen Kantonen zunehmender Beliebtheit. "Die Teilnehmerzahl wächst jedes Jahr um 20%. 2016 haben 1'300 Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren insgesamt 214 Mini-Firmen gegründet", erklärt Bastian Zarske Bueno, Programmkoordinator für die gesamte Schweiz. In einigen Kantonen, insbesondere in Freiburg, wird das YES-Projekt sogar als Leistung für das Erlangen der Matura anerkannt, was die Motivation der Teilnehmenden zusätzlich erhöht. 

Ein Instrument zur Persönlichkeitsentwicklung 

Doch wie es der Programmleiter noch einmal hervorhebt, besteht das Hauptziel nicht nur darin, eine möglichst rentable Firma zu gründen. "Uns geht es um die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. YES ist kein Inkubator, der im Eiltempo erfolgreiche Unternehmen auf den Markt bringen will. Das Ziel ist zunächst, dass die Schülerinnen und Schüler möglichst viel Erfahrung sammeln können." Konkret lauten die Vorgaben, dass die von den Schülern gegründeten Firmen mit einem Kapital von höchstens CHF 3'000 auskommen müssen. Diese Summe bringen sie selbst auf oder sie leihen sich das Geld von Teilhabern, die häufig aus dem Familien- und Freundeskreis stammen. Die Lebensdauer wird zu Beginn bei einem Jahr angesetzt. 

Während dieses Zeitraums lernen die Schülerinnen und Schüler mit Unterstützung von Coaches, die häufig selbst Alumni des YES-Programms sind, die Grundlagen der Firmengründung in verschiedenen Workshops kennen: Erarbeitung eines Businessplans, Geschäftsstrategie, Herstellungsverfahren usw. Die Produkte der gegründeten Unternehmen sind "selten sehr innovativ", wie Bastian Zarske Bueno berichtet, und meistens "in den Bereichen Mode, Trends, Ernährung oder E-Commerce angesiedelt, aber kaum im Dienstleistungsbereich". 

Erfolgsgeschichten 

Es gibt aber einige Erfolgsgeschichten. Fabian Winkelmann, der 2013-2014 im Rahmen seiner Maturaarbeit in Freiburg am YES-Programm teilnahm, gründete No Shame, ein Online-Verkaufssystem für Kondome. Das Unternehmen wurde von der Öffentlichkeit regelrecht gefeiert. "Die Medienpräsenz war hervorragend und wir hatten knapp hundert Abonnenten für unseren Service." Durch die Erfahrungen bei YES lernte er insbesondere "im Team zu arbeiten, Selbstvertrauen zu entwickeln und die Idee vor verschiedenen Gruppen zu präsentieren." Neben diesen sozialen Kompetenzen half ihm die Tatsache, sich sehr konkret mit der Entwicklung eines Produktes zu beschäftigen, einzuschätzen, was für ein Unternehmen unerlässlich ist. "Unsere Website musste sofort verständlich sein und immer funktionieren. Wenn sie aufgrund einer technischen Störung geschlossen werden musste, führte das sofort zu einem Verlust an Kunden!" Ausserdem lernte der junge Mann, wie wichtig es ist, seine Partner zu kennen. "Ich würde nie ein Start-up gründen, ohne zu wissen, wie die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, funktionieren." Weil jeder Teilnehmer eine andere Richtung einschlagen wollte, hat No Shame nicht überlebt. Doch jedes Jahr setzen 5% der im Rahmen des Company Programme gegründeten Unternehmen ihren Weg fort. 

So war es bei Sackstarch, das 2011-2012 im Kanton Zürich von Donald Aebi und seinen Freunden gegründet wurde. "Schon bei der ersten Veranstaltung, auf der wir unsere Produkte, Taschen aus Storenstoffen, präsentiert haben, haben die Verkaufszahlen unsere Erwartungen übertroffen. Alles ging sehr schnell. Wir machten beim landesweiten Wettbewerb von YES den ersten Platz und landeten beim Wettbewerb von Startup.ch unter den Top 5. Nach dem Programm haben wir unsere Firma behalten, in eine GmbH umgewandelt und die Geschäfte mit Beginn des Studiums wieder aufgenommen", erklärt der junge Mann, der heute an der Universität St. Gallen Wirtschaft studiert. Das einzige Problem: eine Zwangspause durch den Militärdienst. "Um unseren Kunden zu zeigen, dass es uns weiterhin gibt, haben wir uns um die Präsenz und Aktivität in den sozialen Netzwerken gekümmert, was sich ausgezahlt hat", so Donald Aebi. Für ihn ist es trotz des YES-Programms "vor allem eine Frage der konkreten Erfahrung, aber besonders auch der Persönlichkeit, ob man Unternehmer wird."


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Zum Thema

Lässt sich Unternehmergeist messen?

Eine Definition für den Unternehmergeist ist schwer zu finden. Einige Studien helfen jedoch dabei, das Phänomen etwas genauer zu fassen, insbesondere die Global University Entrepreneurial Spirit Students' Survey (GUESSS). Dem Bericht zufolge sind die Berufswahl und insbesondere die Frage der Firmengründung entscheidende Kriterien. Die jüngste Ausgabe von GUESSS (2014) zeigt, dass der so definierte Unternehmergeist bei den jungen Schweizerinnen und Schweizern nicht besonders ausgeprägt ist. Nur 18% der befragten Studierenden können sich vorstellen, fünf Jahre nach dem Studium eine eigene Firma zu gründen, und 4% sind eventuell bereit, einen Familienbetrieb zu übernehmen. Diese Ergebnisse verweisen die Schweiz ans Ende des Rankings und bestätigen die wichtige Rolle von Kursen in Entrepreneurship, die es an den Hochschulen und Universitäten zu entwickeln gilt. Allerdings wird das Intrapreneurship, also die Fähigkeit der Mitarbeitenden eines Unternehmens, Innovationen und Projekte innerhalb der Firma zu entwickeln, in dieser Studie nicht berücksichtigt. Dabei kann es auch als eine Form von Entrepreneurship angesehen werden, weil damit ebenfalls eine gewisse Risikobereitschaft verbunden ist.

Letzte Änderung 05.10.2016

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