Wie Menschen mit Behinderung in KMU beschäftigt werden

In der Schweiz haben mehr als zwei Drittel der Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz, die meisten von ihnen in geschützten Einrichtungen. Mit Hilfe der IV und einiger Behindertenorganisationen können sie auch in die Unternehmen integriert oder dort sogar ausgebildet werden.

Computertaste mit dem Piktogramm für behindertengerechte Zugänge

Wer in Zürich in den Restaurants Limmathof oder Krone essen geht, kommt wegen der Qualität des gastronomischen Angebots und nicht mit der Absicht, eine "gute Tat" zu leisten. Die Tatsache, dass fast alle Angestellten, im Service und in der Küche, eine Rente der Invalidenversicherung (IV) beziehen, ist nahezu unsichtbar. Ein erfolgreiches Beispiel für die Integration auf dem Arbeitsmarkt. "Im Durchschnitt haben wir einen Betreuer für fünf Beschäftigte mit Behinderung", erklärt Alain L'Allemand, Direktor der Stiftung Arbeitskette, die diese Restaurants führt. "Mehr als 30 der 150 Angestellten sind Jugendliche, die eine Ausbildung machen."

Dieses Beispiel ist jedoch eher eine Ausnahme. "Die Berufsbildung von Jugendlichen mit Beeinträchtigung stellt eine beachtliche Investition dar", erklärt Annina Studer, die innerhalb des Nationalen Branchenverbands der Institutionen für Menschen mit Behinderung (INSOS) diesen Bereich leitet. Nicht alle sind in der Lage, ein eidgenössisches Berufsattest (EBA) zu erlangen. Im Schuljahr 2014-2015 waren 1'108 Jugendliche in einer Praktischen Ausbildung (PrA) "nach INSOS", die zwei Jahre dauert und mit einem Ausweis abgeschlossen wird. "Dieses Berufsbildungsprogramm hat in den Institutionen weitgehend die Vorlehre ersetzt, ist aber stärker standardisiert und orientiert sich an den Ausbildungsinhalten eines EBA", erklärt Annina Studer.

Neben den Schwierigkeiten in der Ausbildung stehen die Jugendlichen vor einem weiteren potenziellen Hindernis: Die Invalidenversicherung (IV) übernimmt die Kosten für das zweite Jahr nur dann, wenn es eine reale Chance gibt, dass der oder die Lernende nach der PrA einen rentenreduzierenden Erwerb erwirtschaften kann. Daher besteht "eine reale Gefahr, dass viele Jugendliche mit schwerer Beeinträchtigung den Zugang zu einer Berufsbildung verlieren", bedauert Annina Studer.

Anerkennung der Kompetenzen

INSOS setzt sich nicht nur dafür ein, dass mehr Unternehmen Ausbildungsplätze für die Jugendlichen anbieten, sondern auch dafür, dass es für die individuellen Kompetenzen einen eidgenössisch anerkannten Nachweis gibt. "Wir haben ein Projekt lanciert, das vom Schweizerischen Gewerbeverband und der Schweizerischen Berufsbildungsämter Konferenz (SBBK) unterstützt wird", berichtet Annina Studer. "Gegenwärtig erarbeiten die Verbände für die Logistik, für die Schreiner und Möbelfabrikanten sowie für zwei kaufmännische Ausbildungen – ausserordentlich fortschrittliche Branchen – diese Kompetenznachweise."

In Wimmis (BE) kam der Fensterbaubetrieb Wenger eher zufällig dazu, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. "Einer unserer langjährigen Mitarbeiter wurde irgendwann taub", erklärt Nicole Wenger, Mitglied der Geschäftsführung des familiengeführten KMU. "Seitdem sind unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer etwa sechs Menschen mit Behinderung. Das funktioniert gut, aber wir erhalten viele Anfragen und können nicht alle erfüllen."

Das ist eine weitere Schwierigkeit für behinderte Menschen: Sie sind nicht die einzigen, die sich auf dem berühmten ersten Arbeitsmarkt integrieren wollen (oder müssen). Dieser steht dem sekundären Arbeitsmarkt gegenüber, der unter anderem geschützte Arbeitsplätze umfasst, die nicht dem Wettbewerb unterliegen. "Es gibt ja auch noch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger", so René Gerber, Leiter Berufsbildung bei der Band-Genossenschaft in der Region Bern. Viele einfache Arbeiten werden ins Ausland verlegt und viele Unternehmen werden ständig dazu aufgefordert, Erwerbsfähige zu integrieren – und müssen sich zugleich in ihrer eigenen Belegschaft um diejenigen kümmern, die Probleme haben. "Ihnen bietet das Portal compasso.ch Unterstützung", rät Annina Studer.

Dank der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtekonvention (BRK) "ist in der Gesellschaft und den Unternehmen das Bewusstsein für die Notwendigkeit der vollständigen Integration der Menschen mit Beeinträchtigungen gewachsen", fasst Frau Studer zusammen. "Doch in der Praxis bestehen noch erhebliche Schwierigkeiten. Wir arbeiten an Verbesserungen."

Überall münden die Diskussionen in dieselbe Forderung: Die Massnahmen der IV, der RAV, der Ärzte und der Dienstleistungserbringer sowie diejenigen der 300 Ausbildungsstellen von INSOS und der Privatwirtschaft müssen besser koordiniert werden. Der Bundesrat kündigte an, in dieser Hinsicht aktiv werden zu wollen (s. Kasten rechts).


Informationen

zum Thema

Bessere Unterstützung für Arbeitgeber

Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik lag der Anteil der Menschen mit Behinderung, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, in der Schweiz zwischen 2007 und 2012 relativ stabil bei 68%. Experten halten es für äusserst wichtig, dass diese Zahl steigt, zumal sich die Arbeitsplätze mehrheitlich ausserhalb des klassischen Arbeitsmarktes befinden (nur 0,8% der Beschäftigten auf dem ersten Arbeitsmarkt haben eine Beeinträchtigung, in Frankreich oder Deutschland sind es Schätzungen zufolge 4%).
Weil sie der Auffassung ist, dass der Anteil der Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt weiterhin zu niedrig ist, hat Ständerätin Pascale Bruderer, Präsidentin von Integration Handicap, eine nationale Konferenz mit allen betroffenen Akteuren vorgeschlagen. Der Bundesrat und das Parlament haben den Vorschlag angenommen. Diese Konferenz soll ein spezielles Augenmerk auf die Prioritäten der bevorstehenden IV-Revision (Kinder, Jugendliche, psychisch Kranke) legen, eine stärkere Unterstützung für Arbeitgeber zur Sprache bringen und die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren wie den behandelnden Ärzten stärken. Links zum Thema

Letzte Änderung 04.11.2015

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