Nachtarbeit unter der Lupe

In der Schweiz ist Nachtarbeit normalerweise untersagt. Einige KMU können jedoch von dem Verbot ausgenommen werden. In welchen Fällen? Wie schützen sie die Gesundheit ihrer Beschäftigten? Ein Leitfaden.

Mann zieht im Laufschritt einen mit Kartons beladenen Hubwagen durch eine Industriehalle

Obwohl die Arbeit in der Nacht zwischen 23 und 6 Uhr in der Schweiz insbesondere aus Gründen des Gesundheitsschutzes prinzipiell verboten ist, müssen einige Firmen darauf zurückgreifen und können daher eine vom Arbeitsgesetz abweichende Bewilligung erhalten.

Einige Branchen profitieren von einer Sonderregelung: sie brauchen keine Bewilligung, um nachts zu arbeiten. Das gilt beispielsweise für Pflegeeinrichtungen, Bäckereien oder auch Hotels und Restaurants. "Wir mussten nichts Besonderes unternehmen, um auch nachts Mitarbeiter beschäftigen zu können", erläutert Yves Borgeaud, Chef der Genfer Bäckerei/Konditorei-Kette Pougnier. "Aber wir versuchen dennoch, möglichst wenige Nachtarbeiter zu haben. Dank einer leistungsstarken Ausrüstung mit Kühlräumen und Gärschränken konnten wir die Zahl auf 10 von insgesamt 50 Mitarbeitern reduzieren."

Mehrere gesetzliche Kriterien

Firmen, die eine Bewilligung brauchen, müssen mehrere gesetzliche Kriterien erfüllen, die von der Art der angestrebten Genehmigung abhängen. Eine Bewilligung für vorübergehende Nachtarbeit ist bei den kantonalen Behörden zu beantragen. In diesem Fall darf sich die Nachtarbeit auf höchstens drei Monate - egal ob kontinuierliche oder unregelmässige Arbeit - pro Kalenderjahr erstrecken oder sie darf ein Höchstmass von sechs Monaten erreichen, sofern es sich um eine Ausnahme mit einmaligem Charakter handelt. "Das Unternehmen muss darüber hinaus ein dringendes Bedürfnis nachweisen, zum Beispiel um einen Produktionsrückstand infolge eines Stromausfalls aufzuholen", macht Deborah Balicki, Juristin beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), deutlich.

Für eine regelmässige Nachtarbeit muss das Unternehmen die technische oder wirtschaftliche Unentbehrlichkeit der nächtlichen Tätigkeiten belegen. "Die Schädigung einer Maschine oder ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit im Falle einer Produktionsunterbrechung könnten diese Kriterien zum Beispiel hinreichend erfüllen", erklärt die Juristin. Die Bewilligungen für regelmässige Nachtarbeit sind drei Jahre gültig und müssen bei der Bundesbehörde beantragt werden; 2013 hat das SECO rund 1'800 erteilt. Die Unternehmen können ihr Gesuch direkt auf der Internetplattform TACHO einreichen oder ein Papierformular ausfüllen.

Ein zweiter kleiner Unterschied besteht zwischen "Nachtarbeit im Wechsel mit Tagesarbeit" und "Nachtarbeit ohne Wechsel". "Das Arbeitsgesetz begünstigt den ersten Fall", erläutert die Juristin des SECO. "Für Nachtarbeit ohne Wechsel sind die Auflagen strenger." Das Unternehmen muss belegen, dass die in der Nacht auszuführenden Tätigkeiten nicht tagsüber erledigt werden können. Und es muss nachweisen, dass es nicht genügend Fachkräfte für ein System mit Wechselschichten finden kann.

Ein schriftliches Gesuch der Mehrheit der betroffenen Personen, für die ein Wechsel besonders aus persönlichen oder familiären Gründen nicht zumutbar wäre, reicht ebenfalls aus, um in einem Unternehmen Dauernachtarbeit anstelle von Nachtarbeit mit Wechsel zu genehmigen. "In allen Fällen muss jeder Arbeitnehmer sein Einverständnis schriftlich geben, um nachts zu arbeiten", bestätigt Deborah Balicki.

Schutz der Arbeitnehmergesundheit

Nachtarbeit kann insbesondere durch die Störung der biologischen Uhr zu gesundheitlichen Problemen führen. "Die Auswirkungen von Nachtarbeit auf die Gesundheit sind individuell verschieden. Ein schlechter Schlaf kann die Sicherheitsrisiken in Verbindung mit einem Mangel an Aufmerksamkeit bei der Arbeit potenziell erhöhen oder das Familienleben und die sozialen Kontakte beeinträchtigen", teilt Martine Balandraux Olivet, Fachärztin für Arbeitsmedizin FMH, mit. "Einige Nachtarbeiter werden anfälliger für hormonelle Störungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Um die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu schützen, müssen die Unternehmen verschiedene Rechtsvorschriften befolgen. Gemäss dem Arbeitsgesetz sind 10% der Nachtarbeitszeit durch zusätzliche Ruhezeiten auszugleichen. "Für einige kann die Nachtarbeit dank dieser kompensatorischen Erholungszeiten den allgemeinen Stress sogar reduzieren", gibt die Ärztin zu bedenken.

Nachtarbeitende haben auch das Recht auf eine medizinische Untersuchung auf Kosten des Arbeitgebers, die ihre Eignung für die Nachtarbeit bestätigen soll und ihnen Empfehlungen von Fachärzten an die Hand gibt. Für diejenigen, welche einer Dauernachtarbeit nachgehen, ist der Arztbesuch sogar obligatorisch. Laut der Ärztin haben Arbeitnehmende, die zwischen Tages- und Nachtarbeit wechseln, meist grössere Schwierigkeiten, einen regelmässigen Schlafrhythmus zu finden: "Im Grunde ist das wie ein ständiger Jet-Lag."

Die Unternehmen können auch einen eigenen Beitrag dazu leisten, dass die Beschäftigten in der Nacht angemessene Arbeitsbedingungen haben. Eine gute Beleuchtung der Räume ist wichtig, um eine normale Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Ebenso sollte es die Möglichkeit geben, sich etwas zu essen aufzuwärmen. "Um eine gesunde Ernährung zu fördern, spendieren einige Unternehmen sogar Obst- und Gemüsekörbe. Das ist ein sehr guter Ansatz", so die Empfehlung von Martine Balandraux Olivet. "Am wichtigsten ist es für ein Unternehmen letztlich, dass es regelmässige Gespräche mit seinen Nachtarbeitern führt", ergänzt die Medizinerin. "Häufig haben die Mitarbeiter selbst die besten Lösungen parat, um ihre Gesundheit zu schützen und effizient arbeiten zu können."


Informationen

Zum Thema

Das Ausmass der Nachtarbeit in der Schweiz

Mehr als 200'000 Schweizerinnen und Schweizer arbeiten regelmässig nachts, wie aus der Arbeitskräfteerhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS) hervorgeht. Bestimmte Personengruppen sind von diesem Phänomen stärker betroffen als andere. So ist die Mehrheit der Nachtarbeitenden männlich (62%). Der Faktor Migration spielt ebenfalls eine Rolle: 2013 waren 5,5% der ausländischen Arbeitnehmenden von Nachtarbeit betroffen, von den Erwerbstätigen schweizerischer Nationalität dagegen weniger als 5%. Ferner sind Eltern mit Kindern unter 15 Jahren stärker vertreten als Mitarbeitende ohne Kinder: 5,8% derjenigen, die Kinder zwischen 7 und 14 Jahren haben, arbeiten hauptsächlich nachts. Die Altersgruppe mit den meisten Nachtarbeitenden ist die der 25- bis 39-Jährigen.

Letzte Änderung 27.09.2019

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