KMU besorgt über den Ingenieurmangel

Mehr als die Hälfte der Schweizer KMU haben Schwierigkeiten bei der Personalsuche. Um eine Trendwende herbeizuführen, versucht die boomende Ingenieurbranche, den Nachwuchs für sich zu begeistern.  

Drei Mechaniker in einer Werkshalle bei der Arbeit an Maschinen

In der Schweiz fehlen 15'000 Ingenieure. Das war das Ergebnis einer Studie aus dem Jahr 2011, die von economiesuisse und Swiss Engineering, dem grössten Dachverband der Branche, durchgeführt wurde. Das Problem besteht nach wie vor, macht Stefan Arquint, Generalsekretär von Swiss Engineering, deutlich. "Es ist schwer, Experten für bestimmte Bereiche zu finden. Daher müssen die Unternehmen im Ausland nach Mitarbeitern suchen." Durch diesen Mangel an Ingenieuren entgehe dem Bund jedes Jahr eine Wertschöpfung in Höhe von CHF zwei bis drei Milliarden.

Die ganze Wirtschaft schlägt Alarm, da nicht nur die grossen Schweizer Industriekonzerne betroffen sind, sondern auch die KMU. Laut einer Umfrage von Swissmem (Dachverband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie) leiden bis zu 58% dieser Firmen an einem Mangel an Fachkräften.

Jean Putallaz, Leiter eines beratenden Ingenieurunternehmens mit sieben Angestellten in Genf, ist empört: "Seit Jahren prangere ich die Mängel in der Ausbildung an. In der Schweiz gibt es nur eine Schule, die auf Energieeffizienz spezialisiert ist. Die befindet sich aber in Luzern! Um Mitarbeiter mit den erforderlichen Kompetenzen zu finden, muss ich in Frankreich oder sogar Portugal suchen. Woher der Nachwuchs aus der Westschweiz kommen soll, ist völlig unklar.

Mario Marti, Direktor der Schweizerischen Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen usic, formuliert es noch drastischer: "Die KMU müssen aufgrund von Personalmangel auf Projekte verzichten. Aufträge aus dem Ausland müssen häufig abgelehnt werden. Da wird ein enormes Entwicklungspotenzial vergeudet." Die durchschnittliche Firmengrösse in der usic liegt bei zehn Beschäftigten. Diese kleinen Unternehmen haben weder die Mittel noch die nötigen Netzwerke, um Personal aus dem Ausland zu rekrutieren. Laut einer aktuellen Umfrage des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) sieht die Hälfte der Ingenieurbüros ihre Geschäfte durch den Fachkräftemangel behindert.

Ingenieure sind gefragt

Die Problematik ist umso gravierender, da die Ingenieurbranche rasant wächst. Die Auftragsbücher füllen sich und die strukturellen Veränderungen bewirken, dass man auf den Ingenieur als Akteur immer weniger verzichten kann. "Das Ingenieurwesen ist ein zentraler Baustein für die Bewältigung der Herausforderungen in der Energieversorgung von morgen", warnt Stefan Arquint von Swiss Engineering. "Wir leisten einen wesentlichen Beitrag, sei es für die Gewährleistung einer nachhaltigen Mobilität oder für die Senkung des Energieverbrauchs." Das kann Jean Putallaz bestätigen: "Jeden Tag wird intensiv daran gearbeitet, wie man in den Heizsystemen noch zusätzliche Watt einsparen kann. Zudem werden die Energienormen immer komplexer. Dieser Beruf bietet hervorragende Perspektiven; die Jugendlichen sollten sich dessen bewusst sein."

Dieser Ansicht ist auch Omer Ibrahimof. Der junge Ingenieur hatte sein erstes Bewerbungsgespräch bereits vor dem Abschluss seines Studiums an der Hochschule für Ingenieurwissenschaften und Verwaltung des Kantons Waadt (HEIG-VD). "Von den 20 Studenten meines Jahrgangs hatten rund 80% zwei oder drei Monate nach dem Abschluss einen Job gefunden", erklärt er. Doch aus seiner Sicht ist der Beruf immer noch mit Vorurteilen behaftet: "Die jungen Leute interessieren sich nicht für den Ingenieurberuf, weil sie denken, dass man mit Business oder Recht leichter Geld verdienen kann."

Mario Marti relativiert diese Einschätzung: "Wir dachten lange, dass der Beruf ein negatives Image hätte. Aber in Wirklichkeit sind Ingenieure einfach nur zu wenig sichtbar. Die Leute wissen nicht, was wir tun, obwohl sie tagtäglich Produkte nutzen, die von Ingenieuren erdacht oder entwickelt worden sind, zum Beispiel die öffentlichen Verkehrsmittel oder die Trinkwasserversorgung." Stefan Arquint von Swiss Engineering fügt hinzu: "Man muss auf politischer Ebene etwas tun, aber auch bei den Jugendlichen. Wir versuchen, Werbung für mathematische, naturwissenschaftliche oder technische Studiengänge zu machen." Walter Weiler, Mitglied im Verwaltungsrat von awtec, einem auf Technologie und Innovation spezialisierten KMU aus Zürich, ist der Ansicht, dass "eine frühzeitige Sensibilisierung für ingenieurwissenschaftliche und verwandte Fachrichtungen zu mehr Begeisterung für diese Berufe führen könnte."

Insgesamt gibt es bereits rund 200 Programme, die das Interesse der Jugendlichen fördern sollen. Die Statistiken deuten darauf hin, dass sich solche Aktionen auszahlen. Zwischen 2007 und 2012 stiegen die Zulassungen zu Universitätslehrgängen im Bereich Ingenieurwesen um 42%, wie aus dem Jahresbericht der Consulting-Agentur Rütter + Partner hervorgeht. Spezialisierungen auf Aufgaben im Bauingenieurwesen oder in der Nachhaltigen Entwicklung wecken zunehmend das Interesse der jungen Generation, insbesondere bei den Frauen. 


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International grosse Unterschiede

Die Schweizer Firmen sind nicht die einzigen, die Probleme bei der Rekrutierung haben. Laut einer Manpower-Umfrage in 42 Ländern haben nicht weniger als 35% aller Arbeitgebenden Schwierigkeiten, die benötigten Fachkräfte zu finden. Ingenieure waren im Jahr 2013 nach den Facharbeitern die meistgesuchte Berufsgruppe.

In Ländern wie Irland und Spanien, die sich mitten in der Rezession befinden, herrscht dagegen kein Fachkräftemangel. "Es gibt extrem viele spanische Ingenieure, die Arbeit suchen", erklärt Joan Aguilar, Doktorand im Bereich Robotik an der University of California. "Sie sind sehr gut auf die Praxis vorbereitet und haben speziell auf Unternehmen zugeschnittene Kompetenzen. Doch im aktuellen Wirtschaftsumfeld gibt es für sie keine Verwendung."

Letzte Änderung 27.09.2019

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