Arbeitszeit: Was man wissen muss

Die rechtlichen Verpflichtungen zum Thema Arbeitszeit sind Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden häufig nicht bekannt. Ein Überblick über die wichtigsten Fakten.

Person sitzt an einem Tisch, auf dem ein altmodisches Telefon steht und hat als Kopf eine Bahnhofsuhr

Schätzungen zufolge kommt in der Schweiz jeder sechste Arbeitnehmer der Pflicht, seine Arbeitszeit zu dokumentieren, nicht nach. "Von dieser Verpflichtung sind nur einige Personenkategorien ausgenommen", erklärt Marianne Favre Moreillon, Expertin für Arbeitsrecht und Leiterin der Rechtsanwaltskanzlei DroitActif in Lausanne. "Dazu gehören zum Beispiel Künstler, Geistliche, die Besatzungen im Luftverkehr, Handelsreisende oder auch die Angestellten landwirtschaftlicher Betriebe. Hinzu kommen Personen, die Aufgaben im Top Management wahrnehmen. Damit sind diejenigen gemeint, die befugt sind, über die grundlegenden Fragen eines Unternehmens zu entscheiden, also eine sehr kleine Gruppe."

Die Ausnahme gilt also nicht für Kaderangestellte, die dennoch selten darauf achten, ihre Arbeitsstunden detailliert zu erfassen. Um diese Situation zu klären, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) kürzlich eine Weisung publiziert, in der dieser Kategorie von Arbeitnehmenden mehr Flexibilität eingeräumt wird. Die Weisung erlaubt eine vereinfachte Dokumentation durch eine Beschränkung auf die Erfassung der täglichen Arbeitszeit. "Diese vereinfachte Regelung bezieht sich jedoch ausschliesslich auf Kaderleute und Projektleiter, die weitgehend selbst über die Gestaltung ihrer Arbeitszeit entscheiden können", betont Pascal Richoz, Mitglied der Geschäftsleitung des SECO und Leiter des Bereichs Arbeitsbedingungen.

Seit dem 1. Januar 2014 sind die kantonalen Arbeitsinspektoren aufgefordert, ihr Vorgehen bei den Arbeitszeitkontrollen in den betroffenen Unternehmen anzupassen. "Das Ziel ist, die besonderen Bedingungen, welche mit der Ausübung bestimmter Führungsaufgaben verbunden sind, zu berücksichtigen, zugleich aber auf die Gesundheit der Männer und Frauen in diesen Positionen zu achten", erläutert Pascal Richoz. "Für alle anderen Arbeitnehmenden bleibt die umfassende Arbeitszeiterfassungspflicht aber bestehen, zumindest bis zu einer allfälligen Gesetzesänderung."

Probleme vermeiden

Betriebe, die unter das Arbeitsgesetz fallen, sind verpflichtet, die geleisteten Stunden ihrer Angestellten zu dokumentieren und für eine Dauer von fünf Jahren zu speichern. Tun sie dies nicht, drohen ihnen Strafmassnahmen, die von Verwarnungen bis zu Bussgeldern reichen. In besonders extremen Fällen, wenn also das Leben oder die Gesundheit der Arbeitnehmenden gefährdet sind, sieht das Gesetz sogar die Schliessung des Unternehmens vor. Eine Studie aus dem Jahre 2012 hat ergeben, dass 16,7% der Arbeitnehmenden die Arbeitszeit nicht erfassen. 

"Gemessen an den 400 Kontrollen pro Jahr, die wir durchführen, ist der Anteil der Firmen, welche die Arbeitszeiten ihrer Angestellten nicht korrekt erfassen, relativ hoch", berichtet Christophe Iseli, Leiter des Arbeitsinspektorats des Kantons Freiburg. "Häufig erhalten wir zwar ein Protokoll über die Arbeitsdauer in Stunden, aber keine Informationen darüber, in welchem Zeitraum diese geleistet wurden." Kompliziert wird es, wenn eine Streitsache vor Gericht kommt, besonders wenn ein klagender Arbeitnehmer Dutzende oder gar Hunderte Überstunden geltend machen will, für die es aber keinerlei schriftliche Belege gibt. "Im Zweifelsfall neigen die Richter dazu, dem Angestellten Recht zu geben. Das kann für das Unternehmen schnell teuer werden."

Dabei muss man für Arbeitszeiterfassungssysteme keinesfalls horrende Summen ausgeben. "Ein System, das über Jahre seinen Zweck erfüllen wird, kann man schon ab CHF 1'000 kaufen", erklärt Jacques Tournel, CEO einer Firma, die mechanische und vollelektronische Stempeluhren anbietet. "Zu unseren Kunden zählen sowohl KMU mit fünf Mitarbeitern als auch Grossunternehmen mit mehreren Tausend Angestellten." Neben den traditionellen Stempeluhren gibt es inzwischen sogar Apps, mit denen die Arbeitszeit per Smartphone erfasst werden kann. Bei diesen mobilen Lösungen stellt sich jedoch die Frage nach dem Datenschutz. "Da muss man sehr vorsichtig sein, denn es ist schlicht illegal, die Aktivität seiner Angestellten permanent zu verfolgen", macht Marianne Favre Moreillon deutlich.

Die meisten Lösungen auf dem Schweizer Markt bieten natürlich die Möglichkeit, die Überstunden der Beschäftigten zu dokumentieren. Aus rechtlicher Sicht fallen diese in den Bereich des Privatrechts. "Überstunden sind Arbeitsstunden, welche über die vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit hinaus geleistet werden, ohne dass dadurch die im Arbeitsgesetz festgeschriebene maximale Wochenarbeitszeit überschritten wird", erklärt Marianne Favre Moreillon. "Überzeit wird dagegen definiert als Arbeitsstunden, welche über die gesetzliche wöchentliche Höchstarbeitszeit hinausgehen, die in Industriebetrieben und für Büroangestellte 45 Stunden beträgt."

Revisionsvorlage

Die Ende 2012 lancierte Revisionsvorlage für die Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz, die eine Lockerung der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung zum Ziel hatte, wurde wegen der zu weit auseinanderliegenden Positionen der Sozialpartner bezüglich des vorgeschlagenen Modells im Juli 2013 verworfen. Zurzeit werden Möglichkeiten für eine Überarbeitung der Vorlage geprüft. Die entsprechenden Arbeiten dürften jedoch nicht vor 2015 abgeschlossen sein.


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Überstunden

Schwangere oder stillende Frauen sowie Jugendliche unter 19 Jahren und Auszubildende dürfen nicht mehr als 9 Stunden pro Tag arbeiten. Alle anderen Mitarbeitenden können dagegen eine bestimmte Zahl an Überstunden leisten, die von der wöchentlichen Arbeitszeit abhängt. "Ein Angestellter, der 40 Stunden arbeitet, kann pro Woche 5 Überstunden machen. Bei 4 Wochen Urlaub ergibt das 240 Überstunden pro Jahr", erklärt Marianne Favre Moreillon, Herausgeberin des Handbuchs zum Arbeitsrecht "Droit du Travail I & II" (Editions Weka, nur auf Französisch erhältlich). "Dann kann der Arbeitnehmer pro Jahr noch 170 Überzeitstunden leisten. Darüber hinaus ist keine einzige zusätzliche Stunde mehr möglich."

Letzte Änderung 27.09.2019

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