"Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen dürfte in diesem Jahr auf hohem Niveau bleiben"

Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in der Schweiz um 20% zu, was zum einen durch wirtschaftliche Schwierigkeiten bedingt ist, zum anderen durch einen neuen Gesetzesrahmen, wie Marianne Bregenzer erklärt, die bei Dun & Bradstreet als Country Leader tätig ist.

Nach einem kontinuierlichen Anstieg über vier Jahre hat die Zahl der Firmenkonkurse 2025 ein Rekordniveau erreicht. Das Nettowachstum bleibt jedoch positiv, da die Zahl der Neugründungen um knapp 5% zulegte. Marianne Bregenzer, Country Leader für die Schweiz und Österreich bei der Wirtschaftsberatung Dun & Bradstreet, die regelmässig Studien zu diesen Themen erstellt, geht auf die konjunkturellen und juristischen Gründe ein, mit denen sich diese Ergebnisse erklären lassen.

Wie lauten die jüngsten Zahlen zu den Unternehmenskonkursen in der Schweiz?

Marianne Bregenzer: Die Zahl der Unternehmenskonkurse ist im Jahr 2025 deutlich gestiegen: 9’314 Insolvenzen gegenüber 7’856 im Jahr 2024, was einer Zunahme von rund 18,6% entspricht. Besonders stark betroffen waren die Kantone Zürich (1'617), Waadt (884), Aargau (711) und Genf (742), die jeweils die höchsten absoluten Fallzahlen aufweisen. In Kantonen wie Appenzell Innerrhoden (+500%), Obwalden (+131%) und Uri (+113%) war die prozentuale Zunahme besonders ausgeprägt.

Spiegelt dieser Anstieg eine Verschlechterung der Wirtschaftslage wider?

Bregenzer: Der markante Anstieg ist einerseits konjunkturell bedingt, andererseits jedoch auch eine direkte Folge der Revision des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes (SchKG), die am 1. Januar 2025 in Kraft trat. Öffentlich‑rechtliche Gläubiger wie Steuerbehörden, Sozialversicherungen und Zollämter sind seit letztem Jahr verpflichtet, ihre ausstehenden Forderungen gegenüber Unternehmen konsequent über Konkursverfahren geltend zu machen. Zuvor konnten diese Institutionen zwar Betreibungen einleiten, waren jedoch nicht gehalten, den Konkurs zu beantragen, was überschuldeten Firmen ein Weiterbestehen ermöglichte.

Was sind die Grundsätze dieser Gesetzesrevision?

Bregenzer: Ziel der Reform ist es, den Missbrauch von Pfändungsverlustscheinen und Mantelgesellschaften zu unterbinden, die Durchsetzung öffentlich‑rechtlicher Forderungen zu stärken, die strafrechtliche Verfolgung von Konkursdelikten zu erleichtern und die Wiederaufnahme von Tätigkeiten durch sogenannte Konkursritter mittels Tätigkeitsverboten und Handelsregistereinträgen wirksam zu verhindern. Infolge der Reform haben Konkursverfahren zugenommen, insbesondere in Branchen mit hoher Verschuldung oder geringer Liquidität. Kurzfristig belastet dies Unternehmen und Justiz. Langfristig soll es jedoch die Zahlungsmoral verbessern und zu einem faireren Wettbewerb beitragen. Deshalb ist die vom Gesetzgeber beabsichtigte Bereinigung des Marktes im Jahr 2025 nicht per se negativ zu bewerten.

Welche Branchen sind besonders stark betroffen?

Bregenzer: Besonders stark betroffen war die Unterhaltungs- und Freizeitindustrie, die ihre Fallzahlen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat (+100 %). Die Herstellung dauerhafter Güter verzeichnete einen Zuwachs von 95%, persönliche Dienstleistungen stiegen um 90%. Deutlich über dem Vorjahr lagen zudem die Informatik- und Unternehmensdienstleistungen (jeweils +80%), das Gastgewerbe (+51%) sowie das Handwerk, das mit den höchsten absoluten Zahlen aller Branchen einen Anstieg von 38% aufwies.

Wird sich dieser Aufwärtstrend 2026 fortsetzen?

Bregenzer: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen dürfte 2026 auf hohem Niveau bleiben, insbesondere in den Kantonen, in denen die Behörden die neue Gesetzeslage bisher nur zögerlich angewandt haben. Gleichzeitig zeigen die Konjunkturindikatoren eine gewisse Stabilisierung, sodass die Marktbereinigung langfristig zu mehr Fairness und Wettbewerbsfähigkeit führen könnte.

Ihre letzte Studie stellt auch einen erneuten Anstieg der Unternehmensgründungen fest. Wie lässt sich das erklären?

Bregenzer: Die Neugründungen in der Schweiz stiegen in den letzten drei Jahren stetig an. So wurden im 2024 52'973 und im 2025 55'651 Unternehmen neu ins Handelsregister eingetragen. Im Jahresvergleich entspricht dies einer Zunahme von 5%.

Dahinter stehen vor allem die starke Motivation zur Selbstständigkeit, die gute Verfügbarkeit von digitalen Geschäftsmodellen und Beratungsleistungen – aktuell auch getrieben durch KI-Einführungen – sowie gründungsfreundliche Standortfaktoren in Regionen wie der Zentralschweiz und Zürich, wie zum Beispiel niedrige Steuern, qualifizierte Arbeitskräfte, gezielte Standortförderung und eine attraktive Lebensqualität. Trotz der gleichzeitig steigenden Firmenkonkurse infolge der SchKG-Revision bleibt das Nettowachstum positiv: Es entstehen mehr neue Unternehmen, als gelöscht werden.

Haben Sie Tipps, wie Unternehmen die mit ihren Kunden und Lieferanten verbundenen Risiken besser antizipieren können?

Bregenzer: Effektives Risikomanagement beginnt mit einer konsequenten Geschäftspartnerprüfung. Unternehmen sollten jederzeit wissen, mit wem sie Geschäfte eingehen, und sicherstellen, dass alle relevanten Informationen zu ihren Geschäftspartnern aktuell und vollständig sind. Transparenz in der Lieferkette und bei Kundenbeziehungen ist dabei entscheidend, um Risiken frühzeitig zu erkennen und zu steuern.


Zur Person/Firma

Marianne Bregenzer, Country Leader Schweiz und Österreich bei Dun & Bradstreet

Marianne Bregenzer hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Finanz- und Technologiebranche. Seit 2024 ist sie Country Leader für die Schweiz und Österreich bei der Wirtschaftsberatung Dun & Bradstreet. Bevor sie dort einstieg, war sie als Country General Managerin beim Zahlungsdienstleister Nexi Schweiz tätig, wo sie die Verantwortung für die Geschäftsstrategie und deren Umsetzung sowie die Stärkung der Marktpositionen des Unternehmens innehatte. Die gebürtige Westschweizerin verfügt über einen Master in Business Administration mit Schwerpunkt Strategisches Management.

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Letzte Änderung 04.02.2026

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