Das unsichere geopolitische Umfeld belastet die Schweizer Uhrenindustrie, deren Exporte seit zwei Jahren rückläufig sind. Yves Bugmann, Präsident des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH), erläutert die Stärken der Branche, mit denen sie diese turbulente Zeit bewältigen kann.
Die Schweizer Uhrenindustrie verzeichnete 2025 zum dritten Mal in Folge einen Exportrückgang (-1,7% gegenüber 2024 auf CHF 25,6 Milliarden). Inflation, Einbruch des Konsums von Luxusgütern in China und die verschiedenen Ankündigungen von Zöllen durch das Weisse Haus sind die Hauptgründe für die Ergebnisse der Branche, die 95% ihrer Produkte exportiert und deren wichtigster Markt die USA sind. Die instabile geopolitische Lage, die die Preise für Edelmetalle und den Schweizer Franken in die Höhe treibt, wirkt sich ebenfalls nicht gerade günstig auf die Exporte aus. Diese turbulente Zeit bringt die Unternehmen dazu, sich zu diversifizieren und neue Handelspartner zu finden, wie die kürzlich ausgehandelten Freihandelsabkommen mit Thailand, Indien und dem Mercosur zeigen. Yves Bugmann, Präsident des Branchenverbands FH, geht auf diese verschiedenen Aspekte ein und erläutert, wie sich die Branche anpasst, um diese Herausforderungen zu meistern.
Wie geht die Schweizer Uhrenindustrie mit der aktuellen geopolitischen Lage um?
Yves Bugmann: Die Branche hat vorbildliche Flexibilität bewiesen, um auf die Unsicherheit im Zusammenhang mit den verschiedenen von den USA verhängten Zöllen zu reagieren, indem sie so viele Produkte wie möglich exportierte, bevor die angekündigten Zollansätze in Kraft traten. Die FH verfolgt zudem aufmerksam die Verhandlungen über das neue Paket bilateraler Abkommen mit den Ländern der Europäischen Union. Über die Freihandelsabkommen hinaus hat sie sich für Abkommen zum freien Personenverkehr und zum Stromhandel ausgesprochen, um eine sichere Versorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen zu gewährleisten.
Wie federt die Branche die steigenden Rohstoffpreise und Zölle ab?
Bugmann: Ob es sich nun um Zölle oder um Preiserhöhungen handelt – die Marken können diese Kosten nicht einfach vollständig auf ihre Verkaufspreise umlegen. Jede Marke verfolgt ihre eigene Strategie, um diese Preissteigerungen auszugleichen. "Swiss made" bleibt zudem ein sicherer Wert und im Ausland ein sehr wertvolles Verkaufsargument. Eine der wichtigen Aufgaben der FH besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Bestimmungen der "Swiss made"-Verordnung für Uhren eingehalten werden. So müssen beispielsweise mindestens 60% der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen, Forschung und Entwicklung müssen dort stattfinden, die Uhr muss mit einem Schweizer Uhrwerk ausgestattet sein, und die Endkontrolle sowie die Montage müssen in der Schweiz erfolgen. Wir haben "Swiss made" unter anderem in den USA, in der Europäischen Union und in Hongkong als Marke eingetragen.
Mit welchen weiteren Herausforderungen ist die Schweizer Uhrenindustrie heute konfrontiert?
Bugmann: Die Uhrenbranche ist, wie viele andere Branchen auch, von der Veränderung der Konsumgewohnheiten betroffen. Wir beobachten eine Zunahme des Online-Handels. Eine Uhr bleibt jedoch ein komplexes Produkt, und ein grosser Teil der Kunden schätzt es, sie vor dem Kauf anprobieren zu können und sich von qualifiziertem Personal beraten zu lassen. Ein weiterer grundlegender Trend ist, dass die Kunden immer mehr Wert auf Nachhaltigkeit legen: Die Branche ist bestrebt, ihren Energieverbrauch zu senken und noch umweltfreundlichere Herstellungsverfahren einzuführen. Eine Schweizer Uhr ist jedoch von Natur aus ein langlebiges Produkt, das dazu bestimmt ist, von Generation zu Generation weitergegeben zu werden.
Inwiefern wird die Branche von den kürzlich geschlossenen Freihandelsabkommen mit Indien, dem Mercosur und Thailand profitieren können?
Bugmann: Freihandelsabkommen tragen zum Abbau von Handelshemmnissen bei und gewährleisten gleichzeitig Rechtssicherheit und eine willkommene Stabilität, insbesondere in turbulenten Zeiten wie der aktuellen. Zudem enthalten diese Abkommen in der Regel ein Kapitel zum Schutz des geistigen Eigentums, um Fälschungen zu bekämpfen. Im Falle Indiens beispielsweise sehen diese neuen Abkommen vor, dass die Zölle innerhalb von sieben Jahren schrittweise von 20% auf 0% gesenkt werden. Indien belegt derzeit den 20. Platz unter unseren wichtigsten Exportmärkten, doch wir rechnen mit einem deutlichen Anstieg.
Welche Innovationsstrategien verfolgt die Branche, um an der Spitze der innovativsten Industrien der Welt zu bleiben, wo sie sich laut dem WIPO seit 14 Jahren befindet?
Bugmann: Marken und Zulieferunternehmen sind ständig auf der Suche nach neuen Materialien und technischen Lösungen. In diesem Bereich profitieren wir insbesondere von der Unterstützung unserer Schulen, die für die Ausbildung der Fachkräfte sorgen. Die Marken arbeiten zudem mit dem Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) zusammen. Darüber hinaus wünscht sich die Branche, dass die Schweiz an Forschungsinitiativen wie Horizon teilnehmen kann, um von den europäischen Forschungsprogrammen profitieren zu können. Ein grosser Teil der Innovation geht jedoch direkt von den Uhrenmarken aus, die durch den Wettbewerb innerhalb der Branche dazu angetrieben werden.
Wie stehen die Branche und der Verband zur künstlichen Intelligenz?
Bugmann: Die FH setzt insbesondere KI-Tools ein, um Fälschungen zu bekämpfen. Was die Produktion angeht, sind wir jedoch noch weit davon entfernt, das Know-how der Uhrmacher ersetzen zu können, das Teil unserer DNA ist und meiner Meinung nach unersetzlich bleibt. Dieses Know-how ist übrigens auch in anderen Bereichen sehr gefragt: Unsere Zulieferer arbeiten mit der Automobil- und der Medizinindustrie zusammen, die von der für unsere Branche charakteristischen Präzision und Miniaturisierung begeistert sind. Darüber hinaus setzen die Marken beim Design der Uhren weitgehend auf menschliches Know-how.

