"Die Qualität und die Verfügbarkeit der digitalen Fachkräfte ist deutlich höher als in anderen Ländern"

Die Schweiz landet auf dem ersten Platz von 69 Volkswirtschaften im internationalen World Digital Competitiveness Ranking des IMD, bleibt aber im Hinblick auf die digitale Verwaltung im Rückstand. Arturo Bris, Leiter des IMD World Competitiveness Center, spricht über diese Leistungen und die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, um die digitale Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Nachdem sich die Schweiz im Juni 2025 den ersten Platz im weltweiten Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit gesichert hat, erhielt sie im November nun auch die internationale Goldmedaille für die digitale Wettbewerbsfähigkeit (World Digital Competitiveness Ranking). Das Land lässt die USA und Singapur hinter sich, was auf die günstigen Rahmenbedingungen, eine sehr digitalaffine Wirtschaft und eine hohe Anpassungsfähigkeit der Unternehmen zurückzuführen ist. Arturo Bris, Leiter des IMD World Competitiveness Center, auf denen diese Rankings basieren, erklärt, welche Faktoren für den Spitzenplatz der Schweiz ausschlaggebend waren und welche Herausforderungen diese Position mittelfristig beeinflussen könnten.

Was genau misst das World Digital Competitiveness Ranking?

Arturo Bris: Unser Bericht bewertet die digitale Wettbewerbsfähigkeit der Länder, also ihre Fähigkeit, die Digitalisierung der Unternehmen und der Bevölkerung zu fördern. Wir konzentrieren uns auf Faktoren wie die Qualität der digitalen Infrastruktur, ihre Attraktivität für Talente aus der Branche oder auch das digitale Kapital.

In welchen Punkten schneidet die Schweiz besonders gut ab?

Bris: Es gibt drei Hauptbereiche. Zum einen sind die Qualität und die Verfügbarkeit der digitalen Fachkräfte hierzulande deutlich höher als in anderen Ländern. Wir bewerten nicht nur die Möglichkeiten des Bildungssystems, diese Profile auszubilden, sondern auch die Fähigkeit des Landes, Talente aus dem Ausland anzuwerben. Einzeln betrachtet ist die Schweiz nicht unbedingt führend: Das amerikanische Bildungssystem bringt Profile mit höheren Kompetenzen hervor und Singapur zieht mehr Talente an. Doch sobald man diese beiden Kriterien kombiniert, hebt sich die Schweiz deutlich ab. Der zweite Bereich betrifft die Qualität der digitalen Infrastruktur der Schweiz, die sich durch die Leistung der Netze, einen hohen Grad an Konnektivität und die Zuverlässigkeit der Dienste auszeichnet. Es gibt auch einen entscheidenden strukturellen Faktor: die hervorragende Kombination aus öffentlichen und privaten Investitionen. Im Unterschied zu den USA, wo die harte Konkurrenz zwischen den Anbietern den Anreiz für Investitionen mindert, verfügt die Schweiz beispielsweise über einen sehr konzentrierten Telekommunikationssektor. Swisscom hat einen Marktanteil von knapp 56% und nur wenige Mitbewerber, was dazu motiviert, das Netz fortwährend zu verbessern, um die Kundenbasis zu halten.*

Wie ist es um die Wettbewerbsfähigkeit der kleinen und mittleren Unternehmen bestellt?

Bris: In der Schweiz haben die KMU die Technologie in ihr Geschäftsmodell integriert und ins Zentrum ihrer Produktivitätssteigerungen gestellt. Als Gegenbeispiel kann man Japan nennen, das als eines der technologisch fortschrittlichsten Länder wahrgenommen wird. Dort besteht jedoch ein enormer Kontrast zwischen den Industriegiganten wie Toyota oder Hitachi und einem Netz von KMU, das hinsichtlich der Digitalisierung weitgehend unterentwickelt ist. Dass die Schweizer KMU die Technologien integriert haben, liegt unter anderem daran, dass das Land einen besonders guten Zugang zu einer sehr hochwertigen digitalen Infrastruktur bietet. Diese Integration entspricht aber auch einer Notwendigkeit: Die Schweizer KMU, die mehrheitlich im Dienstleistungssektor tätig sind, kommen einfach nicht mehr um die Digitalisierung herum, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Sie betonen trotz allem bestimmte Schwächen in der digitalen Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz...

Bris: Die Schweiz hinkt beim Thema E-Government hinterher. Estland, Singapur, die USA oder Saudi-Arabien sind uns schon um Längen voraus: Zum Beispiel werden dort Bussgelder über eine App bezahlt und man kann sogar online heiraten. In der Schweiz stecken wir in Abläufen aus dem letzten Jahrhundert fest. Ich war beispielsweise sehr enttäuscht über das Ergebnis der jüngsten Abstimmungen zur e-ID: Gerade einmal 50,4% haben zugestimmt, wohingegen die meisten digital fortschrittlichen Länder schon lange eine digitale Identität haben. Das offenbart ein hartnäckiges Misstrauen gegenüber den Technologien. Es wäre Zeit anzuerkennen, dass die Digitalwirtschaft in den kommenden Jahren einer der grossen Treiber für die Wertschöpfung sein wird.

Wie sehen Sie die Zukunft der digitalen Wettbewerbsfähigkeit hierzulande?

Bris: Ich glaube nicht, dass die Schweiz für alle Zeit an der Spitze unseres Rankings bleiben wird. Viele Länder gehen heute deutlich schneller voran. Eine der grossen Herausforderungen wird darin bestehen, die digitalen Stärken des Landes im Bereich Wissen und Innovation zu erhalten. Nehmen wir das Thema KI: Die Schweiz ist weltweit die Nummer eins bei der Anzahl der wissenschaftlichen Artikel pro Einwohner, was den umfangreichen Investitionen, vor allem im Privatsektor, zu verdanken ist. Doch nichts garantiert, dass sie weiterhin internationale Forschungsgelder einwerben wird, wenn andere Länder sie mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit einholen.

Eine andere grosse Herausforderung ist die Regulierung der Digitaltechnologien. Bei KI ist die Schweiz beispielsweise im Vergleich zu den USA oder der Europäischen Union, die dafür bereits einen klaren rechtlichen Rahmen definiert haben, deutlich im Rückstand. Selbst in einem Bereich wie der Regulierung von digitalen Assets, in dem sie einst Vorreiterin war, haben andere Länder schnell aufgeschlossen und die Schweiz in den letzten fünf Jahren überholt. Die Aussichten bleiben gut, doch es ist dringend erforderlich, dass die politischen Entscheidungsträger diese Gesetzeslücke schliessen und echte Resilienzstrategien entwickeln.

*Obwohl die Dominanz eines Akteurs auf dem Markt normalerweise dazu führen dürfte, dass dieser nicht mehr investiert, muss in der Schweiz der beherrschende Akteur investieren, um in dem stark regulierten Markt seine Stellung gegenüber den Konkurrenten zu verteidigen.


Zur Person/Firma

Arturo Bris, Leiter des IMD World Competitiveness Center

Arturo Bris leitet das World Competitiveness Center des IMD in Lausanne. Unter seiner Führung werden die internationalen Rankings zu den Themen Wettbewerbsfähigkeit, Talente und digitale Wettbewerbsfähigkeit erstellt. Er gilt als renommierter Experte für Corporate Finance, Governance und Finanzmarktregulierung. In seinen Forschungsprojekten untersucht er unter anderem die Zusammenhänge zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Regulierung und Wirtschaftsleistung. Ausserdem ist er am IMD Professor für Geopolitics and Business sowie Professor für Finanzwissenschaften.

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Letzte Änderung 07.01.2026

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