Wachstumskapital ermöglicht einem Start-up in der Wachstumsphase, neue Dimensionen zu erreichen, ohne unbedingt die Kontrolle abzugeben. Dimitri Bernard, Investment Director bei der Vermögensverwaltung Altaroc, erklärt die Vorteile dieses Finanzierungsmodells.
Viele Scale-ups stehen vor der Herausforderung, passendes Kapital für ihre Weiterentwicklung finden zu müssen. Bei Growth Equity, auch Wachstumskapital genannt, besteht das Ziel darin, diese Zwischenphase der Finanzierung abzudecken. In der Schweiz verwalten Vermögensverwalter laut einem im vergangenen Jahr von der Asset Management Association Switzerland (AMAS) veröffentlichten Bericht derzeit rund 8 Milliarden Franken an Wachstumskapitalanlagen. Dimitri Bernard, Investment Director bei der Vermögensverwaltung Altaroc, erläutert die Vorteile dieser Lösung für ehrgeizige Unternehmen, deren Rentabilität noch zu gering ist, um für Fonds der Kategorie "leveraged buy-out" (Übernahme mit Hebelwirkung) attraktiv zu sein.
Können Sie genauer erklären, was Growth Equity bedeutet?
Dimitri Bernard: Im Lebenszyklus eines Unternehmens gibt es verschiedene Phasen. In der Start-up-Phase werden wachstumsstarke Unternehmen, die noch nicht rentabel sind, über Venture Capital (Risikokapitalfonds) finanziert. Growth Equity, auf Deutsch Wachstumskapital, gehört zur anschliessenden Phase. Es richtet sich an Unternehmen mit einem schon bewährten Geschäftsmodell, die beträchtlichen Umsatz machen und kurz vor der Gewinnschwelle stehen oder diese bereits erreicht haben. In diesem Stadium besteht die Herausforderung darin, das Tempo anzuziehen.
Was ist der Unterschied zu einer Bankfinanzierung?
Bernard: Die Bank stellt Kapital in Form von Fremdkapital bereit, leistet aber keine strategische Begleitung. Der Growth-Equity-Fonds ist ein engagierter Aktionär, der die Risiken teilt und aktiv zur Unternehmensentwicklung beiträgt. Ausserdem kann es für ein Unternehmen in der Wachstumsphase, das noch nicht genügend Gewinne erzielt, sinnvoller sein, keine zusätzlichen Schulden bei der Bank zu haben, was ein Risiko für die finanzielle Gesundheit darstellen könnte, da sie die regelmässige Zahlung von Zinsen und eine Rückzahlung bei Fälligkeit erfordert.
Was genau wird neben der Finanzierung über Growth Equity erreicht?
Bernard: Ein Growth-Equity-Fonds bringt sowohl Kapital als auch operatives Know-how als Gegenleistung für eine in der Regel Minderheitsbeteiligung. Der Fonds begleitet das Unternehmen bei mehreren entscheidenden Aspekten: Strukturierung der Teams, Rekrutierung erfahrener Mitarbeiter, Verbesserung des Angebots oder der Produkte, geographische Expansion oder beschleunigtes Wachstum durch Fusionen beziehungsweise Übernahmen.
Wie kommt die Begegnung zwischen einem Unternehmen und einem Fonds zustande?
Bernard: Einige Unternehmer wenden sich direkt an die Fonds, andere werden durch die Fonds gefunden. Die Fonds verfügen heute über sehr ausgefeilte Sourcing-Tools, um Unternehmen ausfindig zu machen, die für sie von Interesse sind. Jeder Fonds hat seine eigenen Kriterien hinsichtlich Umsatz, Wachstum, Branche oder Region. Für ein Unternehmen ist es daher wichtig, mehrere Investoren kennenzulernen, um den richtigen Partner zu finden.
Wie lange dauert so ein Growth-Equity-Prozess?
Bernard: Die Findungsphase kann mehrere Monate oder sogar Jahre dauern. Nach der erfolgten Investition ist die Begleitung in der Regel mittelfristig angelegt, auf etwa fünf Jahre. Diese Zeit wird benötigt, um über den Aufbau eines Wachstumsplans eine wirksame Strategie zu etablieren und Ergebnisse zu erzielen.
Worauf muss ein Unternehmer dabei achten?
Bernard: Neben den finanziellen Aspekten beruht Growth Equity vor allem auf einer menschlichen Dimension. Ab einem bestimmten Stadium wird sich ein Geschäftsführer seiner eigenen Grenzen bewusst werden und nach einem erfahrenen Partner suchen, um den nächsten Schritt zu gehen. Hier kommt dem Growth-Equity-Fonds die Rolle eines Sparring-Partners zu. Er fordert heraus, bringt Branchenwissen ein und begleitet die Strategie, ohne dem bisherigen Management das Steuer aus der Hand zu nehmen. Der Erfolg des Prozesses hängt vom Vertrauen und von der Erarbeitung gemeinsamer Visionen ab. Wenn die Beziehung funktioniert, kann sie das Wachstum enorm beschleunigen, neue Märkte erschliessen oder das Unternehmen strukturieren. Anders als bei einer Bank, die aufgrund ihrer Finanzierungsbedingungen ausgewählt wird, geht man bei einem Fonds vor allem nach dem Team, der Erfahrung und der Fähigkeit, das Unternehmen langfristig zu begleiten.
Haben Sie ein paar Tipps für Unternehmer, die sich an einen Growth-Equity-Fonds wenden wollen?
Bernard: Der Unternehmer muss vor allem darauf achten, dass er die kapitalmässige und operative Kontrolle über sein Unternehmen behält, dass es also nicht zu früh zu einer Mehrheitsbeteiligung kommt, was bei Growth Equity der Regelfall ist. Zudem ist es wichtig, sich für die Wahl des Partners genug Zeit zu nehmen. Wie bei der Mitarbeiterrekrutierung muss man die Referenzen des Fonds überprüfen, sich mit anderen CEOs austauschen, die durch diesen begleitet wurden, und sicherstellen, dass man in menschlicher Hinsicht wirklich zusammenpasst. Einen Teil seines Unternehmens abzugeben, kann mit Vorbehalten verbunden sein, aber oft wird dadurch das Wachstum enorm beschleunigt. Es ist besser, einen etwas kleineren Anteil an einem solideren und weiterentwickelten Unternehmen zu haben.

