"In Zeiten von Instabilität sollte die Abhängigkeit von riskanten Regionen verringert werden"

Die geopolitischen Spannungen stellen das Schweizer Wirtschaftsmodell auf die Probe und laufen Gefahr, den Welthandel auszubremsen. Der Co-Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, Hans Gersbach, erklärt, wie man in dieser angespannten Handelssituation möglichst gut standhalten kann.

Die Rivalität zwischen China und den USA übt starken Druck auf den internationalen Handel aus und die Situation könnte sich weiter verschlechtern. Ende 2024 verbot Peking den Export von einigen seltenen Metallen in die USA. Die neue Regierung unter Trump droht wiederum, Zölle von bis zu 60% auf chinesische Produkte zu verhängen. Die Volkswirtschaften der ganzen Welt bereiten sich auf einen Handelskrieg vor, der vermutlich die Lieferketten beeinträchtigen wird. Die Schweiz ist mit ihrem Geflecht aus exportorientierten KMU im Industriesektor besonders stark von diesen Umwälzungen betroffen. Hans Gersbach, Co-Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich, erläutert, wie die KMU die Auswirkungen dieser Konflikte vorhersehen und abmildern können.

Welche Folgen hätte es, wenn die USA neue Handelsbarrieren gegenüber der Europäischen Union oder der Schweiz einführen würden?

Hans Gersbach: Wenn der EU Zollschranken auferlegt werden, würde ihre Wirtschaft darunter leiden. Infolgedessen könnte die europäische Nachfrage nach Schweizer Produkten sinken. Alle Wirtschaftssektoren wären betroffen.

Es ist ausserdem nicht völlig ausgeschlossen, dass die Amerikaner auch Zölle auf Schweizer Waren erheben werden. In diesem Fall wäre die Pharmaindustrie besonders betroffen, da die USA ein lebenswichtiger Markt für diese Branche sind. Auch andere Branchen, insbesondere die Werkzeugmaschinen-, Präzisionsinstrumenten- oder Uhrenindustrie, könnten dadurch in Schwierigkeiten geraten. Darüber hinaus würde die gesamte Schweizer Wirtschaft unter den höheren Produktionskosten und den Lieferverzögerungen leiden, die durch die Zollschranken in den globalen Lieferketten verursacht werden. Die Kosten dieser Störungen für die Schweizer Wirtschaft würden einige Bruchteile eines Prozents des BIP oder sogar einige Prozentpunkte des BIP betragen. Die tatsächliche Höhe wird von der Intensität der geopolitischen Konflikte abhängen.

Wie können sich Schweizer Unternehmen auf eine Verlangsamung des Welthandels vorbereiten?

Gersbach: Es gibt viele branchenspezifische Parameter. Im Allgemeinen können Schweizer Industrie-KMU den Gegenwind abmildern, indem sie ihre Exportmärkte und Lieferanten diversifizieren. In Zeiten geopolitischer Instabilität sollte die Abhängigkeit von riskanten Regionen grundsätzlich verringert werden. Auch bei Investitionen oder Niederlassungen in risikoreichen Märkten ist erhöhte Vorsicht geboten.

Wie lässt sich die Abhängigkeit von riskanten Märkten konkret verringern?

Gersbach: Unternehmen können, falls möglich, auf "Friendshoring" (Anm. d. Red.: die Verlagerung der Lieferkette in nahe gelegene oder traditionell "befreundete" Länder) setzen. Auch Partnerschaften mit anderen Schweizer Unternehmen sind dabei eine gute Option.

Zudem haben die meisten Schweizer Unternehmen ein Interesse daran, in Innovationen, Digitalisierung und hochwertige Nischenprodukte zu investieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und ihren Ruf als Spitzenunternehmen auf den internationalen Märkten zu festigen.

Sollte der Bund bestimmte Schlüsselsektoren subventionieren, um seine industrielle Versorgung zu sichern?

Gersbach: Das Schweizer Modell beruht auf einem freien internationalen Markt. Es hat bislang gut funktioniert. Eine direkte Intervention des Bundes mittels Subventionen ist nur bei einer systemischen Bedrohung gerechtfertigt. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn die Versorgung mit kritischen Zwischenprodukten nicht mehr durch den Aussenhandel sichergestellt werden kann. Derzeit gibt es keine Anzeichen dafür, dass wir uns in einer solchen Situation befinden. Allerdings muss auch die Schweiz ihr Konzept der Versorgungssicherheit, wie andere europäische Länder ebenfalls, anpassen.

Die Synergien zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor können verstärkt werden. Es geht darum, den Fortbestand der Schweizer Industrie zu garantieren und Produktivitätssteigerungen, auch bei den Dienstleistungen, zu ermöglichen. Das muss insbesondere im Bereich der Innovationen und des Wissenstransfers geschehen. Die Zusammenarbeit der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) sowie der Universitäten und Fachhochschulen mit der Wirtschaft und Finanzierungsprogramme wie Innosuisse sind wesentliche Pfeiler unseres Innovationssystems.

Auf kantonaler Ebene ist es denkbar, verstärkt Steuergutschriften zu gewähren, um den Unternehmen bei der Finanzierung ihrer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu helfen. Man muss auch dafür sorgen, dass das Land für die fähigsten Fachkräfte attraktiv ist und der Unternehmergeist in der Bevölkerung gefördert wird.

Ist die Präsidentschaft von Donald Trump eine Gelegenheit, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der Schweiz wieder aufzunehmen?

Gersbach: Jedes Freihandelsabkommen ist ein Vorteil für die Schweizer Wirtschaft. Es wird zwar nicht leicht sein, einen solchen Prozesse unter der Trump-Regierung wieder in Gang zu bringen, aber in einem geeigneten Moment sollten die Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Es ist jedoch vernünftig, sofort ins Gespräch zu kommen, um allfällige Handelsbeschränkungen zu verhindern.

Um den sich abzeichnenden geopolitischen Unwägbarkeiten zu begegnen, muss der Bund dafür sorgen, dass der Handel so weit wie möglich frei bleibt und erleichtert wird. Derzeit müssen sich die Behörden eher darauf konzentrieren, das Freihandelsabkommen mit China (31 Milliarden Franken Handelsvolumen zwischen Januar und November 2024*, Anm. d. Red) zu optimieren und den Weg für ein mögliches Abkommen mit den Mercosur-Ländern (Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, der Handel zwischen der Schweiz und diesen Ländern belief sich von Januar bis November 2024 auf 4,4 Milliarden Franken*, Anm. d. Red.) zu ebnen.

*ohne Gold in Barren und andere Edelmetalle, Münzen, Edel- und Schmucksteinen sowie Kunstgegenständen und Antiquitäten. Quelle: Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit BAZG


Zur Persona / Tema

Hans Gersbach, Ko-Direktor der Konjunkturforschungsstelle (KOF)

Hans Gersbach ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und seit 2023 Co-Direktor der KOF Konjunkturforschungsstelle  der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich). Seit 2006 hat er den Lehrstuhl Macroeconomics: Innovation and Policy an der ETH Zürich inne. Der Aargauer hat an der Universität Basel Abschlüsse in Mathematik und Wirtschaft erworben und war zwischen 1995 und 2006 an der Universität Heidelberg in Deutschland tätig. Er ist zudem Mitglied der Kommission für Wirtschaftspolitik in Bern.

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Letzte Änderung 22.01.2025

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