"Der freie Zugang zu Forschungsergebnissen kann das Interesse an strategischen Partnerschaften steigern"

Die Schweiz plant, die Ergebnisse der aus öffentlichen Geldern finanzierten Forschung für alle kostenlos zugänglich zu machen. Welche Auswirkungen hat eine solche Strategie auf die Universitäten und die Wirtschaft? Ein Gespräch mit Martina Hirayama, Staatssekretärin für Bildung, Forschung und Innovation.

Freier Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen (Open Access) und Forschungsdaten (Open Research Data). Das sind die Ziele der Nationalen Open-Access-Strategie und der Nationalen Open-Research-Data-Strategie für die Schweiz, die seit 2017 resp. 2021 umgesetzt werden. Der Prozess entstand aus dem Wunsch, die Resultate der gesamten durch öffentliche Gelder finanzierten Forschung kostenlos zugänglich zu machen.

Im Laufe der letzten Jahre hat die Zahl der per Open Access verfügbaren wissenschaftlichen Artikel erheblich zugenommen, von weniger als 50% im Jahr 2017 auf knapp 75% im Jahr 2022. Die Strategie könnte damit nicht nur Forschung und Innovation wirksamer unterstützen, sondern auch wirtschaftlichen Nutzen bringen. Martina Hirayama leitet seit 2019 das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Sie spricht über die Auswirkungen dieses Vorgehens für Universitäten und KMU.

Worin besteht die Nationale Open-Access-Strategie für die Schweiz?

Martina Hirayama: Bei der Lancierung der Open-Access-Strategie im Jahr 2017 unterlagen mehr als die Hälfte der in der Schweiz publizierten wissenschaftlichen Artikel Zugangsbeschränkungen. Im Jahr 2022 war dieser Anteil bereits auf 27% gesunken und wir rechnen damit, dass er 2024 noch geringer sein wird.

Das SBFI hat swissuniversities, die Dachorganisation der schweizerischen Hochschulen, 2015 mit der Erarbeitung einer Open-Access-Strategie beauftragt. 2020 wurden dieselben Akteure beauftragt, eine Open-Research-Data-Strategie zu entwickeln. Das Ziel besteht darin, einen kostenlosen Zugang zu allen Ergebnissen und allen Forschungsdaten zu gewähren, die mit Hilfe von öffentlicher Finanzierung zustande gekommen sind.

Zwischen 2021 und 2024 haben die Universitäten und Fachhochschulen rund 135'000 Publikationen in ihre digitalen Bibliotheken und 50'000 auf die Plattformen von Wissenschaftsverlagen gestellt, bei denen sie für die Publikation Gebühren nach dem Prinzip "pay-to-publish" bezahlen.

Auf internationaler Ebene sollen es die Strategien ermöglichen, die Schweiz auf dem Gebiet der Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Artikeln und Daten auf eine Linie mit unseren engen Partnern wie der Europäischen Union, den USA oder auch Japan zu bringen. Die internationale Zusammenarbeit zwischen Staaten soll zudem die Interoperabilität der wissenschaftlichen Daten gewährleisten, die eine zentrale Säule für Open Research Data darstellt.

Warum ist ein Viertel der Publikationen immer noch kostenpflichtig oder nur beschränkt zugänglich?

Hirayama: Unsere institutionellen Partner (Universitäten, Fachhochschulen) stellen die technischen und finanziellen Mittel zur Verfügung, damit die Forschenden für ihre Publikationen Open Access nutzen können. Die Umstellung auf Open Access erfordert jedoch tiefgreifende Veränderungen in der Kultur und der Infrastruktur der Universitäten und Forschungsinstitute. Viele Wissenschaftler wollen ihre Arbeiten weiterhin in kostenpflichtigen Fachzeitschriften veröffentlichen, um sich in ihrer Community, auch international, einen Namen zu machen. Im Hinblick auf die berufliche Entwicklung gelten renommierte Fachmedien mitunter immer noch als besseres Sprungbrett im Vergleich zu den kostenlosen Portalen der Hochschulen.

Bringt die Strategie Risiken für die wissenschaftliche Qualität der Arbeiten mit sich?

Hirayama: Viele Artikel im Open Access werden weiterhin von privaten Wissenschaftsverlagen publiziert. Traditionell übernehmen diese gemeinsam mit internationalen Expertinnen und Experten die Koordination für den Prozess der Überprüfung durch Fachkollegen (Peer-Review). Ich sehe kein Risiko, was die wissenschaftliche Qualität der Publikationen angeht, wenn diese Verantwortung den Universitäten oder Fachhochschulen übertragen wird. Sollten die Arbeiten qualitativ unzureichend sein, wären sie wertlos. Die ganze Wissenschaftsgemeinschaft hat also ein Interesse daran, eine hohe Qualität zu gewährleisten.

Wie kann man in besonders sensiblen Bereichen wie den Gesundheitswissenschaften eine möglichst reibungslose Umstellung auf Open Science sicherstellen?

Hirayama: Eine der grössten Schwierigkeiten bleibt die Vertraulichkeit der Daten. Im Fall von klinischen Studien muss man beispielsweise dafür sorgen, dass alle Daten vollständig anonymisiert sind und von keinem der Teilnehmenden die Identität aufgedeckt oder hergeleitet werden kann. Das erfordert eine besondere Aufmerksamkeit.

Das Netzwerk BioMed IT Network liefert zum Beispiel eine gemeinsame Sicherheitsstruktur, in deren Rahmen sich die Daten nach Verfahren, die mit dem Schweizer Datenschutzgesetz und den internen Vorschriften der Universitäten in Einklang stehen, übertragen, speichern und analysieren lassen. Das ist ein sehr wichtiges Instrument, denn es ermöglicht einen kostenlosen Zugang zu sehr wertvollen Daten über ein Verfahren, das den Schutz der Privatsphäre garantiert.

Ausserdem stellen die Universitäten und Forschungsinstitute jetzt sogenannte Data Stewards ein, um den Umbau zu erleichtern. Diese Fachleute für Datenkoordinierung beraten die Forschenden, wie sie ihre Forschungsdaten am besten publizieren können.

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf die Wirtschaft und die KMU?

Hirayama: Der freie Zugang zu wissenschaftlichen Arbeiten bietet der Wirtschaft potenziell neue Möglichkeiten, gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Einsatzes von künstlicher Intelligenz. Damit die KI-Tools funktionieren, brauchen sie sehr grosse Datenmengen, die sie analysieren können. Die Verfügbarkeit dieser Informationen wird also immer entscheidender.

KMU können nun direkt über Forschungsplattformen der Universitäten und Forschungsinstitute auf wissenschaftliche Publikationen zugreifen, anstatt Abonnements für mitunter teure wissenschaftliche Zeitschriften abschliessen zu müssen. Das kann ihnen für ihre eigene Forschung und Entwicklung eine Hilfe sein.

Darüber hinaus kann Open Access auch die Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Einrichtungen fördern. Der freie Zugang der Unternehmen zu Forschungsergebnissen kann das Interesse an strategischen Partnerschaften zwischen Forschenden und Unternehmen steigern. Diejenigen, die besonders vielversprechend sind, könnten dann auch durch Strukturen wie Innosuisse begleitet werden.


Zur Persona / Tema

"Der freie Zugang zu Forschungsergebnissen kann das Interesse an strategischen Partnerschaften steigern"

Die promovierte Chemikerin Martina Hirayama hat 1997 an der ETHZ ihre Dissertation abgeschlossen. Von 2007 bis 2010 leitete sie das Institute of Materials and Process Engineering der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und anschliessend von 2011 bis 2018 die ZHAW School of Engineering. Zudem war sie von 2011–2018 Vizepräsidentin des Verwaltungsrates der Förderagentur Innosuisse sowie von 2012 bis 2018 Präsidentin des Institutsrates des Eidgenössischen Instituts für Metrologie (METAS). 2019 wurde die in Deutschland geborene Thurgauerin zur Direktorin des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ernannt.

Letzte Änderung 17.12.2024

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