"Die Blockchain bringt Kostensenkungen und mehr Transparenz"

Die Blockchain-Technologie könnte in den nächsten Jahren viele Wirtschaftsbereiche revolutionieren. Welche Sektoren betroffen sind und wie die Anwendung für KMU interessant sein kann, erklärt Roman Beck, Professor an der IT-Universität Kopenhagen. 

Die Blockchain-Technologie wird zumeist mit der digitalen Währung Bitcoin in Zusammenhang gebracht. Schon heute jedoch kommt sie in vielen anderen Bereichen zur Anwendung, wie beispielsweise in der Logistik. Bei der Technologie handelt es sich um ein digitales Register, in dem alle Transaktionen zwischen verschiedenen Partnern gespeichert sind. Besonders daran ist die Tatsache, dass die Partner ein Netzwerk bilden, das jede Transaktion verifiziert. Ist eine Transaktion einmal in der Transaktionskette (Blockchain) gespeichert, kann sie nicht mehr gelöscht und jederzeit von den Mitgliedern des Netzwerks eingesehen werden (siehe Infografik). Roman Beck, Professor für IT-Management an der IT-Universität Kopenhagen, sieht grosse Umwälzungen für die Zukunft, auf die sich KMUs vorbereiten sollten.    

Für welche Prozesse kann die Verwendung der Blockchain-Technologie sinnvoll sein?
Roman Beck:
Prinzipiell kann die Blockchain in allen Transaktionsprozessen mit mehreren Beteiligten zur Anwendung kommen. Das betrifft verschiedene Bereiche, von Logistik bis hin zu Finanzen. Der Vorteil der Technologie ist der grosse Vertrauensgewinn, der durch sie ermöglicht wird: Alle Partner sind kontinuierlich und transparent über sämtliche getätigte Transaktionen informiert. Daneben kann die Blockchain Vermittlerinstanzen ersetzen. Ein Beispiel hier wäre die Sharing-Economy, wo heute sämtliche Transaktionen über Plattformen wie Airbnb zentral validiert werden. Mit der Blockchain-Technologie könnten die Mitglieder des Netzwerks direkt miteinander Geschäfte machen, ohne dass eine zentrale Vermittlung nötig wäre. 

In welchen industriellen Bereichen kommt die Blockchain bereits zur Anwendung?

Beck: Im Moment wird das Potenzial der Blockchain vor allem von Grosskonzernen im Bereich Supply Chain getestet. BHP Billiton beispielsweise – eines der weltweit grössten Bergbauunternehmen – verwendet die Technologie, um den Verbleib von extrem wertvollen Bohrkernen aus Probebohrungen nachzuvollziehen. Ein anderes Beispiel: Die Containerschiffsreederei Maersk verfolgt seit kurzem seine Fracht mit Hilfe der Blockchain. Das Unternehmen erhofft sich dadurch mehr Transparenz bei jeder einzelnen Station der Transportkette, das Vermeiden von Fehlern und Betrug sowie eine Beschleunigung der Prozesse. 

Welche Wirtschaftsbereiche können von der Technologie der Blockchain besonders profitieren?

Beck: Kostensenkungen, Effizienzsteigerungen und mehr Transparenz kann in allen Bereichen, die in Netzwerken organisiert sind, erreicht werden. Ich denke zum Beispiel an die Finanzindustrie, wo die Blockchain Intermediäre wie traditionelle Banken, Zahlungsverkehrsdienstleister und Börsen überflüssig machen könnte. Aber auch der Bereich «Internet of Things», der in den nächsten Jahren stark an Bedeutung gewinnen wird, wird profitieren: Elektronische Geräte, die über das Internet miteinander verbunden sind, könnten so auf Basis von Blockchain-Technologien sicher Daten austauschen.

Schaubild, das erläutert wie eine Blockchain funktioniert

Welche Vorteile können Blockchain-Anwendungen für KMU bieten?

Beck: In erster Linie kommen diese Anwendungen KMU zugute, die mit wechselnden Geschäftspartnern zu tun haben. Wie oben beschrieben kann die Blockchain Prozesse im Bereich Supply Chain beschleunigen und optimieren. Dazu kommt, dass die Technologie im Bereich Verwaltung viele Prozesse vereinfachen kann. Insbesondere gilt dies für die Besteuerung, für KFZ-Zulassungen oder für Steuerrückerstattungen. Für Unternehmende kann dies eine enorme Zeitersparnis mit sich bringen. 

Wie sollten sich Unternehmende an das Thema Blockchain herantasten?
Beck:
Prinzipiell bin ich der Meinung, dass die Blockchain-Technologie grosse Umwälzungen in vielen Wirtschaftsbereichen mit sich bringen wird. Es ist daher ratsam, sich jetzt schon mit dem Thema auseinanderzusetzen, um etwaige künftige Entwicklungen vorhersehen zu können. Dabei kann es behilflich sein, zur Einführung einen Workshop zu besuchen. Anwendungsbasierte Tools werden zum Beispiel von dem in Zug ansässigen Unternehmen Ethereum oder von IBM mit seinem Hyperledger-Service angeboten. Viele Unternehmen stehen dieser neuen Technologie noch skeptisch gegenüber, da sie sie mit der Kryptowährung Bitcoin und kriminellen Machenschaften in Verbindung bringen. Von diesem Bild sollten sie sich befreien. 

Welche Hürden gibt es heute im Bereich Blockchain für KMU?

Beck: Im Moment fehlt ein klarer rechtlicher Rahmen für die Blockchain-Technologie. Viele Fragen im Zusammenhang mit dieser Anwendung sind noch zu beantworten. Dazu zählen zum Beispiel: Wie kann eine Interoperabilität zwischen verschiedenen Blockchains hergestellt werden? Darf man eine Transaktion wieder rückgängig machen? Soll es innerhalb der Blockchain ein «Recht auf Vergessen» geben? Im Moment ist ein Komitee, an dem 18 Länder und mehrere internationale Experten beteiligt sind, dabei, ISO-Standards für die Blockchain auszuarbeiten. In drei bis vier Jahren sollten die ersten Ergebnisse vorliegen.


Informationen 

Zur Person/Firma

Roman Beck, Professor an der IT-Universität Kopenhagen

Roman Beck ist seit 2014 Professor für IT-Management und Leadership an der IT-Universität Kopenhagen. Zuvor war er als Professur für e-Finance und Service Sciences an der Universität Frankfurt am Main tätig. Er hat mehrere Publikationen zum Thema Blockchain veröffentlicht und ist unter anderem Mitglied des Komitees, das in den nächsten Jahren ISO-Standards für diese Technologie herausarbeiten soll.

Letzte Änderung 21.06.2017

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