"Der Arbeitsmarkt zeigt den künftigen Bedarf im Bereich Ausbildung"

Die Berufsbildung muss sich pausenlos an die neuen Tendenzen in der Wirtschaft anpassen. Erklärungen von Christine Davatz, Expertin für diese Fragen beim SGV. 

Die Wirtschaft entwickelt sich unaufhörlich weiter und unser Berufsbildungssystem muss flexibel genug sein, um auf die neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes zu reagieren. Für Christine Davatz, Vizedirektorin des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), ist es wichtig, dass sich die jungen Menschen nicht nur auf einen Beruf spezialisieren, sondern Kenntnisse und Kompetenzen erwerben, mit denen sie sich rasch an die immer vielfältigeren Bedürfnisse der Arbeitswelt anpassen können. 

Was sind in der Schweiz heute die wichtigsten Bedürfnisse im Hinblick auf die Berufsbildung in KMU? 

Christine Davatz: Die KMU stehen vor einer grossen Herausforderung: der Digitalisierung. Jeder Beruf muss sein Umfeld unter Berücksichtigung dieses Parameters neu betrachten. Die Einführung eines neuen "Business Model", das die neuen Technologien einbezieht, erfordert in jedem Unternehmen einen ernsthaften Reflexionsprozess. Die 4. industrielle Revolution beeinflusst sowohl die technischen Aspekte der Berufe als auch die administrativen Aspekte (Umgang mit Ausschreibungen, Rechnungsstellung, Daten- und Archivmanagement). Alles wird schneller, billiger und vor allem anders verarbeitet. Kein KMU kann seine Weiterentwicklung oder auch nur sein Fortbestehen ins Visier nehmen, ohne die digitale Revolution zu beachten. 

Wie sieht es ausserhalb der Digitalwirtschaft mit der Ausbildung in neuen Berufen wie Entwässerungstechnologe oder Veranstaltungsfachmann/-frau aus, für die es jetzt ein EFZ gibt? 

Davatz: Unser Berufsbildungssystem ist so gedacht, dass die Jugendlichen nach ihrer Ausbildung für den Arbeitsmarkt geeignet sein sollen. Wenn dieser neue Kompetenzen oder neue Berufsprofile erfordert, um sich an neue Berufe anzupassen, ist es notwendig, dass die Unternehmen Lehrstellen anbieten, Ausbildende zur Verfügung stellen können und vor allem, dass sie sich zusammentun und verständigen, um einen Berufsverband zu gründen. Dieser ist für die Berufsbildung und die Prüfungen verantwortlich und vertritt die Forderungen der Wirtschaft gegenüber anderen Partnern wie den Kantonen und dem Bund.

Nur wenn der Arbeitsmarkt mit den Bedürfnissen der Branche verknüpft ist und die Unternehmen eingebunden sind, kann unser Bildungssystem gut funktionieren. Das gilt gleichermassen für die bestehenden Berufe und für die neuen wie die genannten Beispiele, Entwässerungstechnologe und Veranstaltungsfachmann/-frau, für die es jetzt ein EFZ gibt, um den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden. 

Wie sehen Sie die Zukunft der Berufsbildung in der Schweiz, besonders für die KMU? 

Davatz: Es ist schwer zu sagen, welche Berufe sich in Zukunft entwickeln werden. Es ist immer der Arbeitsmarkt, der die künftigen Bedürfnisse zeigt, und unser Berufsbildungssystem muss flexibel genug sein, um sofort auf diese Anforderungen zu reagieren.

Ganz allgemein wird die digitale Wende, wie in allen Berufen, die Aktivität der Berufsbildung beeinflussen. Viele Berufe kommen nicht mehr ohne Computer aus, egal ob es sich um die Steuerung einer Werkzeugmaschine, die Datenverarbeitung oder die Beziehungen zu Kunden oder Lieferanten handelt. Die Berufsbildung wird sich auch anpassen müssen und Produkte und Kurse anbieten, indem sie ihre Strukturen flexibler gestaltet und den Teilnehmern erlaubt, Zugang zu den benötigten Ausbildungen zu haben, wann und wo sie es brauchen. Im privaten Bereich haben Tutorials für verschiedenste Themen wie Kochen oder Basteln schon länger Konjunktur. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass man in Zukunft jedes Ausbildungsmodul in Multimedia-Form anbieten muss. Allerdings bleibt dann noch die grosse Unbekannte der Überprüfung des Wissens- oder Kompetenzerwerbs, der ja in einem dezentralen und wenig begleiteten Rahmen erfolgen würde. 

Welchen Rat würden Sie einem KMU-Chef oder einer Jungunternehmerin in Bezug auf interne Aus- und Weiterbildung geben? 

Davatz: Ein KMU-Chef darf sich nicht damit zufrieden geben, ein brillanter Experte in seiner Branche zu sein. Wer wirklich Unternehmerin oder Unternehmer sein will, wer das Familienunternehmen oder die Firma des ehemaligen Chefs übernehmen will, muss viel Wissen und viele Fähigkeiten auf den Gebieten Marketing, Management, Personalmanagement, Finanzen, Buchführung, Recht und vielen weiteren erwerben. Der sgv hat vor mehreren Jahren den Eidgenössischen Fachausweis "Unternehmensführung KMU" eingeführt. Diese Weiterbildung richtet sich an künftige Chefinnen und Chefs, an Nachfolgepersonen und CEOs, damit sie die unerlässlichen Grundlagen erhalten, die sie in ihrem neuen Beruf in der Firmenleitung benötigen. Die Validierung der gesammelten Erfahrungen ermöglicht es den zertifizierten KMU-Chefinnen und -Chefs sowie ihren Kaderangestellten, sich ihre "on the job" erworbenen Kompetenzen anerkennen und ihre Funktion offiziell legitimieren zu lassen.


Informationen 

Zur Person/Firma

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Die Rechtsanwältin und Notarin Christine Davatz-Höchner ist seit dem 1. September 1986 beim Schweizerischen Gewerbeverband (SGV) für den Bereich Bildung und Ausbildung zuständig. Seit 1997 ist sie zudem Vizedirektorin der Organisation. Sie vertritt den sgv bei der Schweizerischen Hochschulkonferenz SHK und im Hochschulrat sowie bei der Eidgenössischen Berufsbildungskommission EBBK.

Letzte Änderung 04.10.2017

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