"Die Schweiz geniesst im Iran ein hervorragendes Ansehen"

Die Aufhebung der Sanktionen gegen die Islamische Republik Iran bietet den Schweizer Unternehmen neue Perspektiven. Eine Orientierungshilfe für künftige Investoren

Der Iran hat einige Jahre wirtschaftlicher Isolation hinter sich. Am 16. Januar 2016 trat das Atomabkommen mit den grossen Weltmächten in Kraft, nachdem die Internationale Atomenergiebehörde grünes Licht gegeben hatte. Die Schweiz hat beschlossen, sich der Internationale Staatengemeinschaft anzuschliessen und die Sanktionen gegen den Iran stufenweise aufzuheben. Diese Entscheidung könnte den Schweizer KMU neue Perspektiven bieten. Einzelheiten dazu erläutert Philippe Welti, ehemaliger Botschafter und Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Iran.

Wie geht es der iranischen Wirtschaft?

Philippe Welti: Es geht ihr schlecht. Der Staat hat keine Gelder mehr, um rasch in die Modernisierung mehrerer Bereiche zu investieren, insbesondere in die Öl- und Gasindustrie, das Verkehrswesen und den Telekommunikationssektor. Neben den Kompetenzen im Ingenieurs- und Bauwesen verlangt der Staat von den ausländischen Unternehmen, dass sie ihr eigenes Kapital einbringen, damit ein Projekt eine Chance hat, ausgewählt zu werden. Das ist ein grosses Hindernis für die Schweizer Firmen, weil sie nicht unbedingt über Finanzierungsquellen verfügen. Sie müssen also Darlehen bei den Banken beantragen. Diese weigern sich jedoch, sich im Iran zu engagieren.

Wie steht es um die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und dem Iran?

Welti: Der bilaterale Handel zwischen den beiden Ländern ist in den letzten zehn Jahren dramatisch eingebrochen. Doch Iran ist ein Schwellenland, im Grunde sogar eine wieder aufstrebende Wirtschaft, und repräsentiert einen riesigen Markt. Die Öffnung dieses Marktes ist für den Schweizer Export eine echte Chance. Die Unternehmen sollten die Gelegenheit unbedingt nutzen und sich im Iran niederlassen.

Ist der iranische Markt denn tatsächlich auch für Schweizer KMU attraktiv?

Welti: Ja. Wenn sie die Wahl haben, geben die Iraner den europäischen Produkten gegenüber den chinesischen den Vorzug: Sie sind bereit, für diese Qualität viel Geld zu bezahlen. Doch da der Staat nur begrenzte Mittel hat, müssen die Unternehmen langfristig denken und intelligent investieren.

Das heisst?

Welti: Bevor die Firmen dort investieren, müssen sie den Markt analysieren und herausfinden, worin die Nachfrage besteht. In den Jahren der Isolation war der Staat gezwungen, Ersatzindustrien zu schaffen. Diejenigen, die in der Vergangenheit Handelsbeziehungen mit dem Iran hatten, könnten sich heute mit neuen Konkurrenten konfrontiert sehen. Doch die Abschottung des Landes hat dazu geführt, dass die Produktion im Vergleich zum Ausland nicht wettbewerbsfähig ist. Die Automobilindustrie ist ein deutliches Beispiel: Obwohl die Autos in sehr grosser Stückzahl produziert werden, sind sie international nicht konkurrenzfähig. Der Modernisierungsbedarf dieses Sektors ist somit eine ideale Gelegenheit für ausländische Unternehmen, die hier ihre Kompetenzen einbringen können.

In welchen Sektoren können die Schweizer Firmen Absatzmärkte finden?

Welti: Das Know-how der Schweiz in den Bereichen Maschinenbau, Hochtechnologie (besonders für den Automobilbau) und Komponenten wird im Iran sehr geschätzt. Für Unternehmen, die Hightech-Produkte anbieten und dafür international schon einen hohen Marktanteil besitzen, können sich dort attraktive Absatzmöglichkeiten auftun. Das ist im Übrigen ein unverzichtbares Kriterium für Investitionen in der Islamischen Republik: Man muss zunächst auf anderen ausländischen Märkten präsent sein, bevor man sich dort etabliert. Ein Teil der iranischen Bevölkerung ist auch sehr vermögend und giert nach Luxusartikeln.

Die iranische Kultur unterscheidet sich von der unsrigen. Ist das für die Geschäfte hinderlich?

Welti: Ja. Die grösste Hürde ist das Rechtssystem. Der Iran hat im Grunde eine republikanische Verfassung, aber die Gesetzgebung muss "islamischer Natur" sein, was den Begriff Rechtsstaat nach unserem Verständnis relativiert. Streitigkeiten sollten also vermieden werden. Dafür müssen ausländische Unternehmen seriöse und kompetente Partner im Iran finden.

Welche anderen Investitionshemmnisse gibt es?

Welti: Firmen, die im Iran tätig werden wollen, sollten dies nicht überstürzt tun und nicht zu viel auf einmal investieren. Kommt es zu einem Konflikt und daraufhin zu einem Rechtsstreit, ist es schwierig, das investierte Geld auf dem Rechtsweg zurückzubekommen. Ein weiteres Hindernis ist die Bürokratie, vor allem, wenn man nie zuvor damit zu tun hatte.

Die Schweizer Firmen sind nicht die einzigen, die sich für den iranischen Markt interessieren. Wie geht man mit der internationalen Konkurrenz um?

Welti: Die Schweiz geniesst im Iran ein hervorragendes Ansehen. Die Schweizer KMU müssen also auf die Qualität setzen, für die sie bekannt sind, und das, worin sie schon sehr gut sind, so weiterführen. Es geht nicht so sehr darum, sich neu zu bewähren, sondern vielmehr um den Erhalt des exzellenten Rufs. Erhöht wird die Beliebtheit der Schweiz zudem durch ihre vergleichsweise unabhängige Aussenpolitik. Die Iraner erinnern sich an die positive Rolle des Landes als Schutzmacht zur Vertretung der Interessen der USA.


Informationen

Zur Person/Firma

Philippe Welti, ehemaliger Botschafter und Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Iran

Nach je einem Lizenziat in Philologie und Rechtswissenschaft an der Universität Zürich arbeitete Philippe Welti ein Jahr lang für die Schweizer Delegation der Kommission für die Überwachung des Waffenstillstands (NNSC) in Korea. 1979 ging er in den Diplomatischen Dienst der Schweiz und übernahm Posten in Deutschland, England und den USA, bevor er von 1998 bis 2004 für das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport tätig war. Ausserdem war Philippe Welti Botschafter im Iran und in Indien. Seit Juni 2013 leitet der heute 67-Jährige die Wirtschaftskammer Schweiz-Iran.

Letzte Änderung 04.05.2016

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