"Ohne das Vertrauen der Mitarbeiter kann man nichts machen"

Seit Marc Gläser 2014 an die Spitze des Skiherstellers Stöckli kam, hat das Unternehmen eine neue Richtung eingeschlagen. Interview. 

Im Oktober 2014 übernahm Marc Gläser die Geschäftsführung des Ski- und Velofabrikanten Stöckli. Die Mission des CEO, der vorher in der Uhrenindustrie tätig war, bestand darin, der in Wohlusen im Kanton Luzern ansässigen Firma mit ihren 450 Beschäftigten neues Leben einzuhauchen. Zwei Jahre später sind tiefgreifende Veränderungen im Gange. Marc Gläser erläutert seine Strategie, mit der er das 1935 gegründete Unternehmen wieder in Schwung bringen und langfristig am Leben erhalten will. 

Vor welchen Herausforderungen standen Sie in Ihrer ersten Zeit bei Stöckli?

Marc Gläser: Ich habe die Leitung von Stöckli übernommen, einige Monate nachdem die Familie Kaufmann von dem Versandhaus Ackermann die Firma gekauft hatte. Meine Ankunft bedeutete eine grosse Veränderung. Davor war die Firma stets von einem Mitglied der Familie Stöckli geführt worden. Als ich anfing, befand sich das Unternehmen in einer Phase voller Verwirrung und die Situation der Mitarbeiter war seit mehreren Monaten sehr unsicher. Das Wichtigste war, sie zu beruhigen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Die zweite grosse Herausforderung bestand darin, eine klare Strategie für die verschiedenen Sparten des Unternehmens – Ski-Produktion, Velo-Produktion und Detailhandel – festzulegen und einen veralteten Maschinenpark zu modernisieren. 

Wie sind Sie vorgegangen, um diese Prozesse erfolgreich zu bewältigen?

Gläser: Ich habe mehr als 50 Gespräche mit den Beschäftigten geführt, einige davon über zwei oder drei Stunden. Viele Angestellte wollten mir etwas persönlich mitteilen. Im ersten Jahr musste ich mich orientieren und mir einen Überblick über die Funktionsweise des Unternehmens und des Marktes verschaffen, da ich vorher nicht in der Sportbranche tätig war. 

Für welche Strategie haben Sie sich dann schliesslich entschieden?

Gläser: Wir kamen zu dem Schluss, dass die Ski-Produktion die eigentliche DNA des Unternehmens ist, auch wenn die meisten Beschäftigten im Verkauf tätig sind. Also wollten wir in diese Sparte investieren. Hingegen zeigte sich, dass es nicht realistisch wäre, weiter auf das Velo zu setzen, weil die Konkurrenz der grossen Marken zu stark ist. Aus Kostengründen haben wir auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Radsport verzichtet, was eine Ersparnis von einer Million Franken pro Jahr bedeutet. Wir haben die Velo-Sparte zudem verkleinert, was mit Entlassungen verbunden war. Das war ein unangenehmer, aber notwendiger Schritt. 

Welche weiteren Veränderungen haben Sie eingeführt?

Gläser: Wie in vielen familiengeführten KMU waren die Abläufe zuvor sehr auf die Familie Stöckli ausgerichtet. Wir haben die Management-Struktur und die interne Kommunikation modernisiert. Es wurde ein "middle management" mit regelmässigen Meetings eingeführt, um mehr Austausch und Transparenz zu schaffen. Einmal pro Monat werden alle Mitarbeiter per Brief über die Umsätze, die Kostenentwicklung und die geplanten Verbesserungen informiert. 

Und was ist mit den Produktionswerkzeugen?

Gläser: Wir haben CHF 2 Millionen investiert, um 11 Maschinen auszutauschen, und sind gerade dabei, die Manufaktur um 400 Quadratmeter zu vergrössern, was ebenfalls CHF 2 Millionen kostet. Unser Ziel ist, unser Produktionsvolumen von heute 50'000 Paar Skier in fünf bis zehn Jahren auf 60'000 zu erhöhen. Wir haben auch die Herstellungsverfahren optimiert, um die Produktionskosten zu reduzieren, was sehr wichtig ist, um auf den ausländischen Märkten trotz des starken Franken weiter wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Früher durchlief ein Ski während seiner Fertigung im Unternehmen eine Strecke von zwei Kilometern. Heute sind es dank einer Umstellung der Produktion nur noch 200 Meter. Wir investieren auch, um die Umsätze auf einigen ausländischen Märkten zu steigern, mit einer neuen Zweigniederlassung in den USA und einer Verstärkung unseres Vertriebsteams in Deutschland. 

Wie geht es Stöckli heute?

Gläser: Im Geschäftsjahr 2015-16 erzielte das Unternehmen einen Umsatz in Höhe von CHF 65 Millionen. Die Verkaufszahlen für die Skier steigen um rund 5% pro Jahr. In der Schweiz hebt sich Stöckli durch seine hundertprozentig schweizerische Fertigung von anderen Herstellern ab. Im Ausland, wo wir die Hälfte unseres Umsatzes machen, wird die Marke mit Präzision und Innovation gleichgesetzt. Auf diesen Märkten sind unsere Produkte deutlich teurer als die der Konkurrenz. Diese exklusive Positionierung ist ähnlich wie bei den Schweizer Uhren. 

Was würden Sie einem Geschäftsführer raten, der sein KMU wieder in Schwung bringen will?

Gläser: Man muss vor allem das Vertrauen der Mitarbeiter gewinnen. Ohne das kann man gar nichts machen. Wichtig ist, dass alle Angestellten wissen, welchen Gipfel das Unternehmen erklimmen will, und man muss ihnen eine mutige und ehrgeizige Vision vermitteln, die sie motiviert. Ausserdem rate ich dazu, im Hinblick auf den Geschäftsgang und die Ziele der Geschäftsführung eine klare und offene Kommunikation zu etablieren.


Informationen 

Zur Person

Marc Gläser, Geschäftsführer des Ski- und Velofabrikanten Stöckli

Marc Gläser leitet Stöckli seit 2014. Vorher hatte er elf Jahre lang bei der Uhrenmanufaktur Maurice Lacroix gearbeitet. Dort war er zunächst als Marketingleiter, dann als Verkaufsleiter und schliesslich als CEO tätig. In der Zeit vor dem Wechsel in die Uhrenindustrie hatte Marc Gläser die Designmöbelfirma Wogg geleitet und bei Feldschlösschen und Unilver gearbeitet. Sein Wirtschaftsstudium absolvierte er an der Universität St. Gallen.

Letzte Änderung 27.09.2019

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