Massnahmen gegen langes Sitzen am Arbeitsplatz: Welche Optionen haben KMU?

Langes Sitzen kann schwere gesundheitliche Schäden verursachen. Andreas Wieser von Gesundheitsförderung Schweiz gibt Tipps, wie man im Unternehmen für mehr Bewegung sorgen kann.

Langes Sitzen ist nicht ungefährlich. Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Gesundheit sitzen Personen zwischen 15 und 74 Jahren durchschnittlich 4 bis 5 Stunden pro Tag. Jeder sechste erreicht sogar eine Dauer von 8,5 Stunden. Und die Tendenz ist steigend. Die WHO schlägt bereits Alarm: Bewegungsmangel ist weltweit die dritthäufigste Todesursache mit 3,3 Millionen Betroffenen pro Jahr. Andreas Wieser, Leiter Vertrieb und betriebliches Gesundheitsmanagement bei der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, weiss, dass sich Investitionen in betriebliche Strukturen sowohl für die Mitarbeitenden als auch für die KMU auszahlen.

Wie wirkt sich langes Sitzen auf die Gesundheit aus?

Andreas Wieser: Die physischen Wirkungen des langen Sitzens sind in verschiedenen Studien belegt. Bewegung beugt Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen, muskuloskelettalen Beschwerden oder auch Krebs vor. Zudem wirkt sich Bewegungsmangel auch auf die Psyche aus. Für Personen, die von psychischen Problemen betroffen sind, kann Bewegung eine Ressource darstellen; sie hilft insbesondere beim Abbau von Stresshormonen.

Wer ist für die Gesundheit am Arbeitsplatz verantwortlich? Der Arbeitgeber oder die Mitarbeitenden?

Wieser: Gesundheit beginnt beim einzelnen Individuum, also beim Arbeitnehmer. Allerdings hat der Arbeitgeber eine wichtige Rolle: Aus ökonomischer Sicht ist er gut beraten, wenn er die Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeitenden stärkt. Da das Bewegungsverhalten einen starken Einfluss auf die Gesundheit und damit die Leistungsfähigkeit der Menschen hat, kann der Arbeitgeber mit Massnahmen gegen das lange Sitzen grosses Potenzial ausschöpfen. Zudem kann das Verhalten der Mitarbeitenden nachhaltiger verändert werden, wenn der Arbeitgeber Verhältnisse schafft, welche für die Verhaltensänderung günstig sind. Insofern können wir von einer geteilten Verantwortung sprechen.

Mit welchen Massnahmen geht man gewöhnlich gegen langes Sitzen vor?

Wieser: Da existieren zum einen zahlreiche Bewegungsangebote im Betriebsumfeld wie Jogginggruppen über Mittag, Yoga am Abend oder Vergünstigungen für das Fitnessabo. Ebenso werden Programme lanciert, um Schritte und Bewegungsminuten zu zählen. Im Bereich Infrastruktur sind auch Fitnessräume vorhanden. Schliesslich sind auch die Stehpulte immer wieder Traktandum der Personalverantwortlichen. Und zu guter Letzt kommen auch kreative Arbeitsplatzkonzepte auf, in denen sich Mitarbeitende mehr bewegen sollen. Gesprochen wird dann von flexiblen Arbeitswelten und mobilem Arbeiten.

Welche neuen Massnahmen könnte man in Betracht ziehen?

Wieser: Die Liste an möglichen Massnahmen ist lang und kreativ. Aus meiner Sicht sind fünf Punkte bei der Auswahl entscheidend. Erstens sind die Bewegungsangebote niederschwellig zu wählen, sodass auch Nicht-Sportler geneigt sind, die Aktionen wahrzunehmen, ohne gleich schwitzend aufzufallen. Zweitens sollten die Angebote für die Mitarbeitenden ständig sichtbar sein, um sie an die gesetzten Ziele zu erinnern. Der Fitnessraum im Keller ist deshalb zu hinterfragen. Drittens sind die Reize für die Mitarbeitenden regelmässig zu ändern – kleinere Kampagnen, dafür häufiger. Der internen Kommunikation ist besondere Bedeutung zu schenken.

Viertens nützen alle Infrastruktur und Programme nur, wenn die Verantwortung für die regelmässige und langfristige Anwendung klar definiert ist und die Verantwortlichen dafür auch Zeit und Ressourcen erhalten. Und zu guter Letzt sind die Führungskräfte sehr wichtig: Sie können durch ihre Haltung viel bewegen. Dafür benötigen sie jedoch auch die notwendige Sensibilisierung und Schulung.

Wie nehmen die Firmen Ihre Ratschläge auf?

Wieser: Unternehmen (re-)agieren vor allem dann, wenn sie mit den Massnahmen Kosten sparen können. Im  Bereich des Gesundheitsmanagements ist die grösste Herausforderung, die Führungskräfte zu überzeugen, dass eine Investition in gute Programme auch einen grossen Nutzen hat. Das Ergebnis sind sinkende Absenzen sowie steigende Motivation und Produktivität.

Wie bringt man Arbeitnehmende dazu, sich während der Arbeit mehr zu bewegen?

Wieser: Die Anwendung von Programmen und neuer bewegungsfördernder Infrastruktur kann nicht von einem Tag auf den anderen erlernt werden. Es bedarf einer Kompetenzentwicklung durch Schulung. Ebenfalls ist die Haltung zu ändern, angefangen bei den Führungskräften. Eine Mitarbeiterin, welche während der Arbeit aufsteht, um sich zu bewegen, muss zur Normalität werden. Komische Blicke und Bemerkungen sind da fehl am Platz.

Wieviel kostet die Einführung bewegungsfördernder Massnahmen?

Wieser: Die Angst vor grossen Investitionen muss abgelegt werden. Auch kleinere Massnahmen können wirkungsvoll sein, wenn sie richtig umgesetzt werden. Hingegen ist richtig, dass der Erfolg nicht von heute auf morgen eintritt. Mittel- und langfristig betrachtet besteht jedoch ein grosser Nutzen. Studien haben einen Return on Investment von bis 1 : 3 berechnet.


Informationen

Zur Person/Firma

Andreas Wieser, Leiter Vertrieb und betriebliches Gesundheitsmanagement bei der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz

Andreas Wieser, lic. iur. HSG, Rechtsanwalt, arbeitet als Leiter Vertrieb und betriebliches Gesundheitsmanagement für die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Als ausgebildeter Trainer Spitzensport liegt ihm die Erhaltung und Entwicklung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Arbeitnehmenden sowie von Organisationen am Herzen.

Letzte Änderung 18.05.2016

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