"KMU brauchen eine klare Politik zum Thema Alkohol"

Der übermässige Konsum von alkoholischen Getränken bei der Arbeit führt zu Unfällen, aber auch zu einem Produktivitätsrückgang. Die Unternehmen müssen geeignete Antworten finden, wenn ein entsprechendes Problem auftritt. 

Alkohol bei der Arbeit ist ein Thema, das in Unternehmen selten besprochen wird, obwohl damit höhere Unfallrisiken, zunehmende Fehlzeiten und sinkende Produktivität verbunden sind. Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (Sucht Schweiz) schätzt, dass 15 bis 25% der Arbeitsunfälle in der Schweiz mit dem Konsum von alkoholischen Getränken verbunden sind. Die Genfer Firma PMSE, die aus einem interdisziplinären Team von rund 20 Mitarbeitenden in der ganzen Schweiz besteht, kümmert sich um Prävention und den Erhalt der Gesundheit in der Arbeitswelt. Sie bietet Lösungen für Unternehmen in verschiedenen Branchen wie Baugewerbe, Industrie, Uhrenindustrie oder Gesundheit. Katia Schenkel, die als psychologische Expertin bei PMSE arbeitet, zeigt einige Wege auf, wie man übermässigen Alkoholkonsum am Arbeitsplatz bekämpfen kann. 

Woran erkennt man eine Person, die bei der Arbeit Probleme mit Alkohol hat? 

Katia Schenkel: Alkohol am Arbeitsplatz kann Veränderungen im Verhalten des Mitarbeiters bewirken. Es geht darum, diese Verhaltensänderungen aufmerksam zu beobachten und Vorzeichen wahrzunehmen. Dabei kann es sich um Verspätungen handeln, um Fehlzeiten am Montagmorgen, um Fehler, geringere Produktivität usw. Solche Symptome sind keinesfalls ein Beweis für Alkoholprobleme, können aber als Indikatoren gesehen werden, die es zu beobachten gilt. Häufig bemerken dies Personen, die mit dem Kollegen oder der Kollegin Seite an Seite arbeiten. Daher müssen Arbeitskollegen und Vorgesetzte wissen, auf welche Zeichen sie achten sollten, um dann möglichst rasch ein Programm zur Begleitung einzuleiten und keine Tatsachen unter Verschluss zu halten, die zu gewichtigen Problemen werden könnten. 

Wie sollte der Arbeitgeber mit einem solchen Mitarbeiter umgehen? Welche Haltung sollte er annehmen? 

Schenkel: Der Arbeitgeber muss sich auf die aufgetretenen Probleme und die konkreten Auswirkungen auf die Arbeit beziehen. Er muss die Tatsachen notieren und dem Mitarbeiter bei einem klärenden Gespräch mitteilten. Wichtig ist, das Thema Alkohol in dem Gespräch nicht direkt anzusprechen, sondern sich an die Tatsachen und Feststellungen zu halten und ein Ziel zu vereinbaren, das der Mitarbeiter in einer bestimmten Frist erreichen soll. Es geht nicht um eine Strafe, sondern um eine präventive Massnahme. Entscheidend ist also, dass während des Gesprächs ein Hilfsangebot gemacht wird. Diese Hilfe kann von einer Person aus dem Ärztenetz oder einem firmeninternen oder externen Gesundheitsdienst kommen, die für diese Problematik ausgebildet ist. Ein therapeutischer Vertrag kann die wechselseitige Verpflichtung des Mitarbeitenden und seines Arbeitgebers in einem Ansatz von Begleitung und Unterstützung zusätzlich stärken. Dieser Vertrag ist häufig ein wichtiger Erfolgsfaktor. 

Was für eine Politik sollten die Unternehmen grundsätzlich verfolgen? 

Schenkel: Beim Thema Alkohol ist eine klare und präzise Politik erforderlich. Das Unternehmen muss sich zu dieser Frage positionieren, indem es eine Ordnung oder Leitgrundsätze erlässt. In diesen werden die Grenzen festgelegt, ein Verfahren im Fall von Störungen sowie Hilfsangebote, die zur Verfügung stehen. Zudem muss das Unternehmen sicherstellen, dass diese Richtlinien verstanden werden und nicht auf ein reines Verbot beschränkt sind. Die Erfahrungen zeigen, dass eine Schulung des Personals zum Thema Alkohol den Richtlinien des Unternehmens Sinn verleihen kann, woraufhin diese eher eingehalten werden. 

Gibt es gesetzliche Grundlagen? 

Schenkel: Der Artikel 328 des Obligationenrechts und der Artikel 6 des Arbeitsgesetzes legen fest, dass der Arbeitgeber alle Massnahmen zu treffen hat, die erfahrungsgemäss für den Schutz der Gesundheit und die Unversehrtheit der Person der Arbeitnehmenden notwendig sind. In Artikel 82 des Gesetzes über die Unfallversicherung heisst es, dass der Vorgesetzte verpflichtet ist, alle notwendigen Massnahmen zu treffen, wenn ein Mitarbeiter äusserlich sichtbar alkoholisiert ist oder sich unangemessen verhält. 

Wer ist die Risikogruppe? 

Schenkel: Wir sprechen lieber von einem Risikokonsum als von einer Risikogruppe, denn wir haben es mit einem legalen Produkt zu tun, das in unseren Gewohnheiten und unserer Kultur verankert ist. Der Konsum kann sich von einem gesellschaftlich üblichen zu einem problematischen Konsum wandeln. Insofern kann jeder von diesem Problem betroffen sein. 

Was erfahren wir aus den Statistiken zum Thema Alkohol am Arbeitsplatz? 

Schenkel: Verschiedene europäische Studien aus jüngerer Zeit belegen relativ stabile Tendenzen: zwischen 5 und 8% Alkoholabhängige und 20% Personen mit übermässigem Konsum. Eine Studie von Sucht Schweiz zeigt, dass 15 bis 25% der Arbeitsunfälle mit Alkoholkonsum in Verbindung stehen. Eine weitere Studie untersuchte die durch Alkohol verursachten Kosten (Tesler, Hauck & Fischer für das Bundesamt für Gesundheit und die SUVA). Sie belegt, dass Mitarbeitende mit einem problematischen Alkoholkonsum pro Monat etwa vier Stunden mehr fehlen. Daraus folgt, dass 0,15% der Fehlzeiten dem Alkohol anzulasten sind. Der Produktivitätsverlust wird auf 15% geschätzt und die Kosten im Jahr 2010 auf CHF 4,2 Milliarden.


Informationen 

Zur Person/Firma

Katia Schenkel, psychologische Expertin bei der Genfer Firma PMSE

Katia Schenkel erlangte 2014 an der Universität Genf ihren Doktor in Psychologie und war dort als Assistenzprofessorin mit Lehraufgaben tätig. Sie absolvierte mehrere Praktika an der ETH Lausanne und in Spitälern. Darüber hinaus nahm sie an Weiterbildungen in den Bereichen motivierende Gesprächsführung, Arbeitsgesundheit und Erwachsenenbildung teil. Heute ist sie als psychologische Expertin bei PMSE tätig. Sie steuert dort insbesondere die Projekte und die Betreuung von komplizierten Fällen im Zusammenhang mit Alkohol, im Anschluss an eine Schulung zum Thema Alkoholmissbrauch und im Programm Alcochoix+.

Letzte Änderung 02.11.2016

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