Freihandelsabkommen Schweiz-China: Bilanz und KMU-Perspektiven

Seit zwei Jahren ist das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China nun in Kraft. Für die Schweizer Unternehmen hat es einen positiven Effekt, doch es bleiben noch einige Herausforderungen bestehen.

Aufgrund des erheblichen Grössenunterschieds zwischen dem schweizerischen und dem chinesischen Markt ist das Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern, das 2014 in Kraft trat, in erster Linie für die Schweizer Unternehmen von Nutzen. Zudem haben sich die Aussichten für Schweizer Unternehmende in den letzten zehn Jahren in eine gute Richtung entwickelt. Der Schweizer Serial Entrepreneur Nicolas Musy, Gründer des Swiss Center Shanghai, einer Plattform zur Unterstützung der Schweizer Unternehmen in den strategisch und wirtschaftlich bedeutenden Regionen Chinas (Shanghai, Beijing und Tianjin), bringt uns auf den neusten Stand.

Wie viele KMU konnten bisher von dem Freihandelsabkommen Schweiz-China profitieren?

Nicolas Musy: Es ist schwer, eine genaue Zahl zu nennen. Allerdings profitierten mehrere Schweizer KMU deutlich von der Signalwirkung, auch wenn die Zolltarife nicht sofort sanken. Die Chinesen achten sehr darauf, welche Entscheidungen die Regierung trifft, denn sie wissen, dass sich daran die politischen Leitlinien erkennen lassen und der chinesische Staat bei der Umsetzung seiner Politik auch umgehend die notwendigen Mittel zur Verfügung stellt. So förderten die öffentlichen Meldungen in Bezug auf das Freihandelsabkommen das Interesse der chinesischen Firmen an Schweizer Produkten.

Inwiefern konnte das Abkommen den Handel zwischen den beiden Ländern intensivieren?

Musy: Das Ausmass dieser Intensivierung zu beziffern, ist ebenfalls sehr schwer. Sicher ist aber, dass die Schweizer Unternehmen sehr viel stärker von dem Abkommen profitieren als die chinesischen. Der schweizerische Markt ist aus chinesischer Sicht winzig und der Preis spielt bei der Entscheidung für den Kauf chinesischer Produkte kaum eine Rolle, weil die Produkte schon günstig sind. Der Preisrückgang infolge der sinkenden Tarife wird daher nur sehr geringe Auswirkungen auf die chinesischen Umsätze in der Schweiz haben. Allerdings haben das Abkommen und die anschliessende Intensivierung der Beziehungen das Vertrauen der Schweizer Unternehmen gestärkt, auf dem chinesischen Markt aktiv zu werden, sowohl für Beschaffungen als auch für den Erwerb von Marktanteilen.

Welche Punkte des Abkommens können noch verbessert werden?

Musy: Es gibt offenbar nach wie vor Schwierigkeiten bei der Umsetzung im Bereich des chinesischen Zolls. Kürzlich wurden Änderungen bestätigt, nun bleibt abzuwarten, ob sie die aktuellen Probleme lösen werden. So viel wir wissen, dauert die Abfertigung am Zoll länger, wenn das Abkommen geltend gemacht wird, ausserdem gibt es Probleme dabei, die Anforderungen des chinesischen Zolls im Hinblick auf die Dokumentation zu erfüllen, um das Abkommen nutzen zu können.

In welchen Branchen gibt es die meisten Schweizer Firmen in China?

Musy: Das hängt von der Region ab. Insgesamt gibt es viele Unternehmen in den Bereichen Maschinen und Ausrüstungen, Audit und Consulting sowie in der Industrie. Die grosse Mehrheit der Schweizer Firmen, die in China aktiv sind, arbeitet im B2B-Sektor. Etwas mehr als die Hälfte sind in der Produktion tätig, die übrigen im Dienstleistungssektor.

Mit welchen Herausforderungen haben es die Schweizer Unternehmen in China heute hauptsächlich zu tun?

Musy: Da sind einige zu nennen. Sie müssen zum Beispiel gutes Personal finden, ausbilden und halten, besonders im Bereich Management und Ingenieurwesen. Die grosse Konkurrenz vor Ort ist ebenfalls eine gewaltige Herausforderung. Und auch die Schwierigkeit, mit dem Mutterhaus zu kommunizieren und ihm die Besonderheiten des chinesischen Marktes verständlich zu machen. In China ist die Situation ganz anders als in der Schweiz, sodass es für einen Geschäftsführer in der Schweiz, der keine Erfahrung mit China hat, schwierig oder sogar nahezu unmöglich ist, zu verstehen, mit welchen Problemen die Zweigniederlassung konfrontiert wird.

Welche Perspektiven bieten sich den Schweizer Unternehmenden in den kommenden Jahren in China?

Musy: Die Perspektiven dürften in den kommenden 5 bis 10 Jahren noch besser werden, verglichen mit den letzten 10 Jahren. Zusammenfassend kann man sagen, dass es heute bei einem Wachstum von 6,5% mehr Geschäftsgelegenheiten gibt als vor fünf Jahren bei einem Wachstum von 10%, weil sich der Markt verändert und entwickelt hat. Das jetzige Wachstum beruht nicht mehr, wie in der Vergangenheit, vor allem auf der Schwerindustrie, die durch das Bauwesen angekurbelt wurde. Im Moment boomen eher technologiezentrierte Branchen wie die Pharmaindustrie, der Medizinsektor, die Luxusgüterindustrie, das Finanzwesen, Bildung, Tourismus, Gesundheit und Wellness. Daher passt die "Qualität" des derzeitigen Wachstums in China viel besser zu den Kompetenzen der Schweizer Wirtschaft.

Was würden Sie Schweizer Unternehmenden raten, die heute mit ihrer Firma in China aktiv werden möchten?

Musy: Der erste Punkt, den man auf keinen Fall überspringen darf, besteht darin, die Gelegenheiten in der Praxis vor Ort genau zu prüfen, indem man Kunden, Vertriebsfirmen oder potenzielle Geschäftspartner trifft und sich mit Experten der betreffenden Industrie unterhält. Ergebnisse, die auf einer Makroanalyse beruhen, halten immer Überraschungen bereit. Sobald eine Strategie durch Begegnungen auf dem realen Markt bestätigt wurde und man eine klare Vorstellung von den ersten Schritten hat, ist der zweite kritische Punkt die Auswahl der Mitarbeiter sowie der Vertriebsfirmen, Agenten und Partner vor Ort. Man sollte ausreichend Zeit im Land investieren, um die Situation vor Ort zu verstehen, und sich mit der Belegschaft und den Partnern treffen, um auch diese zu verstehen. Lohnenswert ist auch der Versuch, von bereits gemachten Erfahrungen zu profitieren, indem man sich zum Beispiel von einheimischen Experten helfen lässt. Fehler und Zeitverluste können in China schnell sehr teuer werden!


Informationen

Zur Person/Firma

Serial Entrepreneur Nicolas Musy, Gründer der Plattform Swiss Center Shanghai

Nicolas Musy (55) absolvierte ein Physikstudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Der Freiburger kam Mitte der 1980er Jahre nach China und gründete dort ein Unternehmen in der Textilbranche (2-Ply), ein weiteres in der Industrie (LX Precision) und schliesslich ein drittes zur Förderung der internationalen Geschäftsentwicklung in China (China Integrated). Im Jahr 2000 gründete er das Swiss Center, eine nicht-kommerzielle Plattform, die mehr als 300 Schweizer Unternehmen in China unterstützt hat. Weitere Informationen unter: www.swisscenters.org

Letzte Änderung 20.07.2016

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