"Man muss seine Innovation in fünf Sekunden erklären können"

Die 2012 gegründete Uhrenmarke HYT konnte sich dank der Originalität ihrer Produkte sofort von der Konkurrenz abheben. Mitgründer Vincent Perriard verrät uns die Geheimnisse eines kreativen Start-ups.

Seit der Gründung vor vier Jahren in Neuenburg ist es HYT gelungen, sich im Mikrokosmos der Schweizer Uhrenindustrie einen Platz zu sichern. Der Umsatz der Firma wuchs pro Jahr um 10% und belief sich 2015 auf rund CHF 15 Millionen. Heute zählt das Unternehmen 47 Beschäftigte. Aus Sicht von Mitgründer Vincent Perriard hat das KMU seinen Erfolg der Innovation und einem einzigartigen Konzept zu verdanken. Er geht auf die Schlüsselphasen der Expansion eines auf Forschung und Entwicklung basierenden Start-ups ein.

Welche Idee steckt hinter Ihrer Marke?

Vincent Perriard: Unser Ziel war die Schaffung eines Produkts, dessen Einzigartigkeit unbestreitbar und sofort ersichtlich ist, das also keinem bisherigen Entwurf ähnelt. Dafür haben wir beschlossen, Hydraulik und Mechanik zu mischen. Das war paradox, weil die Flüssigkeit, die in Wasseruhren (Klepsydra) oder Brunnen zur Zeitmessung eingesetzt wurde, üblicherweise als Vorläufer des mechanischen Uhrwerks angesehen wird. Der "Vater" dieser Innovation, der Kernphysik-Ingenieur Lucien Vouillamoz, der auch mein Geschäftspartner ist, entwickelte also eine Uhr, die ein mechanisch betriebenes Uhrwerk mit einem Flüssigkeitssystem in einer Röhre für die Zeitanzeige vereint. Damit wird der traditionelle Uhrzeiger ersetzt. Dieses Konzept haben wir mit 31 Patenten geschützt.

Ist Innovation auf dem Uhrenmarkt eine Notwendigkeit?

Perriard: Nein, nicht unbedingt. Abgesehen von der Quarzuhr und der Digitaluhr gibt es in dem Bereich wenig Innovation. In den 1990er und 2000er Jahren lag der Schwerpunkt der Uhrenindustrie auf dem Design. Für uns war die Innovation aber ein Muss, weil wir anders sein wollten als die anderen und weil wir bereits mit der Lancierung unseres Produkts eine hohe Sichtbarkeit zum Ziel hatten. Wer unser Produkt zum ersten Mal sieht, weiss sofort, dass es sich um etwas Neuartiges handelt, das er gut findet oder auch nicht. Ohne dieses absolute Novum hätten wir uns den Markt mit enormem Marketingaufwand erschliessen müssen.

Wie bleibt man über Jahre hinweg wettbewerbsfähig?

Perriard: Man muss beständig in die Forschung investieren und Innovationen hervorbringen. In den letzten vier Jahren haben wir mehr als 20 Ingenieure, Physiker und Chemiker eingestellt, die pausenlos an neuen Ideen für die kommenden Jahre forschen. Wir bereiten gerade viele Neuheiten für 2018 vor, mit demselben Duktus wie bei den bisherigen Entwicklungen, auch wenn die Kosten natürlich immens sind.

Wie hoch sind diese Investitionen?

Perriard: In den letzten vier Jahren haben wir rund CHF 47 Millionen dafür aufgewendet. Für ein Unternehmen mit 47 Mitarbeitern ist das eine sehr hohe Summe. Weiter zu investieren, um den Wert unserer Firma zu steigern, ist das, worauf auch unsere Aktionäre setzen. Deren Beteiligung ist sehr stabil und sie glauben an unseren langfristigen Ansatz mit Investitionen in die Technologie. Unsere Uhren sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Im Moment kommen nicht alle unsere Patente zur Anwendung. Wir werden sie später in anderen Strukturen nutzen. Wir eruieren gerade die Möglichkeit, ein Labor für andere Firmen zu werden, die mit HYT nicht in Konkurrenz stehen. Das Interesse ist gross und wir haben schon entsprechende Anfragen erhalten.

Was würden Sie jemandem raten, der ein innovatives und wettbewerbsfähiges Produkt auf den Markt bringen will?

Perriard: Wenn man heute will, dass ein Projekt das Licht der Welt erblickt und funktioniert, muss man es in fünf Sekunden erklären können. Ausserdem und vor allem muss es für jeden Menschen begreiflich sein. Auch die Grosseltern müssen es sofort verstehen. Häufig fällt es schwer, die Marke zu erklären, ohne sich dabei in komplizierten Erläuterungen zum Marketing oder zur Strategie zu verlieren, die letztlich nichtssagend sind. Zu viele Marken haben heute dieses Problem, sie sind oft unverständlich. Die Position muss klar und präzise sein. Was macht Ihr Produkt einzigartig? Das ist die Frage, die man sich stellen muss und auf die man eine Antwort haben muss. Wenn man nichts Einzigartiges findet, sollte man es meiner Meinung nach lassen.


Informationen

Zur Person/Firma

Vincent Perriard, Mitgründer der Uhrenmarke HYT in Neuenburg

Vincent Perriard – Mitgründer von HYT und Mitglied der Geschäftsführung – ist in der Uhrenbranche allen ein Begriff, weil er als CEO zwei Jahre lang TechnoMarine und drei Jahre lang Concord leitete. Davor war er internationaler Marketing- und Kommunikationsleiter bei Audemars Piguet und anschliessend Vizepräsident innerhalb der Swatch-Gruppe zu Zeiten von Nicolas Hayek senior.

Letzte Änderung 17.08.2016

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