"Wer den indischen Markt erobern will, muss die Anpassung seines Produktes akzeptieren"

Balz Strasser, Geschäftsführer von swissnex India und Schweizerischer Generalkonsul in Bangalore, verfolgt die Entwicklungen der indischen Wirtschaft aus nächster Nähe. Er hält wertvolle Tipps für Schweizer Unternehmerinnen und Unternehmer bereit.

Swissnex India wurde 2010 in Bangalore eröffnet und hat die Aufgabe, Indien und die Schweiz in den Bereichen Wissenschaft, Innovation und Bildung zu vernetzen. Geschäftsführer Balz Strasser, der zugleich Schweizerischer Generalkonsul in Bangalore ist, steht den Akteuren, die an der Errichtung eines immer dynamischeren Ökosystems für Innovation auf dem Subkontinent beteiligt sind, unterstützend zur Seite. Er erklärt uns die wichtigsten Geschäftsgelegenheiten des riesigen indischen Marktes für Schweizer KMU.

Wie sieht das indische Innovations-Ökosystem aus?

Balz Strasser: Es entwickelt sich sehr schnell, dank einer Vielzahl von Start-up-Gründungen in den Städten Bangalore, Mumbai, Delhi sowie in geringerem Masse Hyderabad und Chennai. Viele junge Inderinnen und Inder, die studiert und dann bei Grossunternehmen gearbeitet haben, entscheiden sich für eine eigene Firma. Einige von ihnen haben in den USA studiert und gearbeitet und kamen zurück, weil Indien ein interessanter Markt ist. Co-working-Spaces, Inkubatoren und Start-up-Beschleuniger sind entstanden, ausserdem viele auf diese Szene zugeschnittene Events, Wettbewerbe und Netzwerk-Treffen. Der Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien ist besonders dynamisch, aber wir sehen, dass auch in den Sektoren Cleantech, Medtech, Fintech, E-Commerce und Logistik ein reges Treiben herrscht.

Inwiefern ist Indien für die Schweizer Unternehmen interessant?

Strasser: Das Land bietet unglaublich viele Chancen. Es ist reich an Kompetenzen und verfügt in vielen Bereichen über junge qualifizierte Ingenieure. Ausserdem ist Indien ein riesiger Markt, der noch lange nicht gesättigt ist und von Jahr zu Jahr wächst.

Was würden Sie Schweizer Unternehmerinnen und Unternehmern raten, die auf dem indischen Markt aktiv werden wollen?

Strasser: Man muss akzeptieren, dass man sein Produkt anpassen muss. Die indischen Konsumenten haben nicht den gleichen Qualitätsanspruch wie die Schweizer und sind nicht bereit, den gleichen Preis zu zahlen. Vereinfacht gesagt, besteht der richtige Ansatz darin, den "Schweizer Kern" des Produktes zu erhalten und das Drumherum anzupassen. Das Ziel ist, 70% bis 80% der ursprünglichen Qualität anzubieten, zu einem Preis, der 30% der Schweizer Produktionskosten entspricht. Was das Geschäftsmodell angeht, sollte man auf die Menge setzen. Die Quantität der verkauften Waren fällt stärker ins Gewicht als die Margen, auch wenn es immer möglich ist, ergänzend ein höherwertiges Sortiment anzubieten, das sich an eine vermögendere Kundschaft richtet. Hierfür ist die Schweizer Geberit-Gruppe, die Sanitäranlagen herstellt, ein gutes Beispiel: Sie erzielt 80% ihres Umsatzes in Indien mit vor Ort produzierten Toiletten, die an den lokalen Markt angepasst sind. Diese Produkte enthalten dennoch Schweizer Know-how und heben sich so von der Konkurrenz ab. Die übrigen Umsätze werden mit "Premium"-Produkten erzielt, die in der Schweiz produziert werden und dann bei Hotels und wohlhabenden Privatpersonen Absatz finden.

Müssen Schweizer KMU, die den indischen Markt ins Visier nehmen, ein Büro vor Ort eröffnen?

Strasser: Das ist unerlässlich. Auch wenn alle Englisch sprechen, wodurch die Sprachbarriere wegfällt, rate ich den Schweizer Firmen dringend, sich Partner vor Ort zu suchen. Ein indischer CEO mit einem guten Netzwerk ist ein unschätzbarer Vorteil. In Indien werden viele Dinge schneller per Telefon erledigt, weshalb es wichtig ist, ein gut gefülltes Adressbuch zu haben. Für einen Schweizer Firmenchef ist es ausserdem von Vorteil, sich über die indische Unternehmenskultur zu informieren, die viel hierarchischer ist als in der Schweiz. Wenn er sich damit auskennt, wird er sich wohler fühlen. Nicht zuletzt sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es sich um eine langfristige Investition handelt. Drei bis fünf Jahre sind nötig, um ein Geschäft anzusiedeln und zum Laufen zu bringen.

Auf welche Schwierigkeiten stossen die Firmen besonders häufig?

Strasser: Die Belastung durch die Bürokratie ist sehr hoch und die Gesetzgebung kann sich von einem Tag auf den nächsten ändern, zum Beispiel im Bereich Steuern oder Zollabgaben, was auf die Abläufe in einem ausländischen Unternehmen erhebliche Auswirkungen hat. Es ist nicht leicht, in einem politischen Umfeld, in dem einige Versprechen und Ankündigungen wahrscheinlich niemals umgesetzt werden, den Durchblick zu behalten. Ich sage immer: "Expect the unexpected".

Und was sind die Vorteile?

Strasser: Die Produktions-, Arbeits- und Immobilienkosten sind niedriger. Man sollte mit etwa zwei Dritteln dessen rechnen, was man in der Schweiz zahlt. Das heisst aber nicht, dass alles "low cost" ist. Ein idealerweise im Zentrum von Bangalore oder Mumbai gelegenes Büro kann schnell genauso teuer werden wie Geschäftsräume in Zürich oder Genf. Auch der Lohn eines kompetenten und gut vernetzten CEO erreicht leicht die gleiche Höhe wie der eines Geschäftsführers in der Schweiz.

Wie wird die Schweiz auf diesem Subkontinent wahrgenommen?

Strasser: Die Schweiz geniesst ein sehr positives Image. Sie ist für ihre Landschaften, ihre Tourismus-Infrastruktur, ihre Finanzdienstleistungen und die Qualität ihrer Produkte bekannt. Inder, die zur Schweiz befragt werden, nennen meist Berge, Uhren und Schokolade. Die Kompetenzen der Schweiz in den Bereichen Forschung, Innovation und Bildung sind dagegen weniger bekannt. Wir arbeiten daran, diesen Aspekt unseres Landes mit Hilfe von Kampagnen und Events wie dem Jahr der Schweizer Innovation in Indien (Year of Swiss Innovation in India 2015-2016) stärker in den Fokus zu rücken.


Informationen

Zur Person/Firma

Balz Strasser, Geschäftsführer von swissnex India und Schweizerischer Generalkonsul in Bangalore

Balz Strasser leitet swissnex India und hat den Posten des Schweizerischen Generalkonsuls in Bangalore inne. Früher arbeitete er für die Entwicklungshilfeorganisation Helvetas und gründete das Start-up Pakka, das fairen Handel mit Bio-Produkten aus tropischen Regionen betreibt. Balz Strasser studierte Agrarökonomie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich sowie Agricultural Knowledge Management an der Wageningen Agricultural University in den Niederlanden und schrieb eine Dissertation zu den Einkommensstrategien von Kleinbauern in Süd-Indien.

Letzte Änderung 17.02.2016

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