"Mein Partner und ich können als einzige die Geschichte unserer Produkte erzählen"

Das Unternehmen JMC Lutherie im Vallée de Joux baute zunächst Gitarren und spezialisierte sich dann auf luxuriöse Lautsprecherboxen. Die Geschäftsführerin und Gründerin Céline Renaud erklärt, wie sich dieser Wandel vollzog.

Das Waadtländer KMU ist 2005 aus der Begegnung einer Unternehmerin, Céline Renaud, und eines Gitarrenbauers, Jeanmichel Capt, entstanden. Anfangs war JMC Lutherie eine Gitarrenmanufaktur; mit der Zeit konnte sie ihre Aktivitäten ausweiten, um innovative Lautsprecher zu produzieren, die JMC Soundboards, die 350 Jahre altes Fichtenholz mit aktuellen Technologien vereinen; ausserdem werden dort heute Komponenten für die Uhrenindustrie gebaut. Diese Erfindungen sichern dem Betrieb ein regelmässiges zweistelliges Wachstum. Das kleine Unternehmen aus dem Vallée de Joux hat inzwischen zehn Beschäftigte und rund vierzig Partner. Es ist solide aufgestellt und dürfte sich dank einer kürzlich erfolgten Kapitalspritze in Höhe von CHF 1,2 Million noch weiter entwickeln.

Sie haben in kurzer Zeit ein originelles Produkt erschaffen. Wie erklären Sie sich den Erfolg dieses Innovationsprozesses?

Céline Renaud: Jeanmichel Capt, der Erfinder des JMC Soundboards, ist ein Autodidakt, deshalb wagt er es, Tabus zu überwinden und Grenzen zu überschreiten, die traditionell von einem Meister ausgebildete Gitarrenbauer wahrscheinlich nicht überschritten hätten. Sein Werdegang hat ihm die Gelegenheit geboten, sich zu irren, aber auch das Material, das er bearbeitet, in der Tiefe zu verstehen. Der andere Aspekt ist die Intuition, die uns immer geleitet hat: Hätten wir uns damit begnügt, unseren Business-Plan zu erfüllen, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Wir waren von Anfang an überzeugt, dass dieses Holz andere Anwendungen haben könnte, und haben unaufhörlich nach dem richtigen Weg gesucht. Letztlich ist diese Innovation das Ergebnis von Gesprächen und einem regelmässigen Austausch mit einer ganzen Reihe von Partnern. Wenn man eine Idee hat, darf man sich nicht scheuen, darüber zu reden, um sie zu verbessern.

Wie geht man vor, um ein innovatives Produkt, das man entwickelt hat, bekannt zu machen?

Renaud: Testen – das ist die einzige Regel. Man muss das Produkt vorführen, verkaufen, spezielle Orte wie Hotels oder Personen, insbesondere Architekten, für sich gewinnen. Wir mussten aus unseren eigenen Erfahrungen lernen. Unser Fehler bestand zu Beginn darin, Vertriebsspezialisten zu engagieren, während wir die einzigen waren, die die Geschichte des Produktes erzählen konnten. Seitdem haben wir das Konzept unserer Produktvorführungen professionalisiert; heute heissen sie "Klangverkostungen".

In welcher Form wurden sie unterstützt?

Renaud: Die Ratschläge und das Netzwerk von Genilem, einem auf Start-up-Coaching spezialisierten Verein, waren sehr wertvoll. Ich brauchte diesen Blick von aussen, der mir geholfen hat, strategischer nachzudenken. Auch später habe ich immer wieder Coaches um Rat gefragt. Ausserdem war die Unterstützung der Waadtländischen Industrie- und Handelskammer (CVCI) sehr nützlich, unter anderem für die Abläufe beim Export: Holzzertifizierung, Rechtsberatung.

War es schwierig, Investoren von Ihrer neuen Aktivität zu überzeugen?

Renaud: Das war kein Selbstläufer, denn wir wurden zwar von den Banken unterstützt, aber unser Finanzplan erforderte viel Eigenkapital und wir wollten gleichzeitig die Marke und das Produkt einführen. Also haben wir immer mehr Präsentationen und Vorträge organisiert, mit dem Ziel, Geldgeber zu finden, und Schritt für Schritt konnten wir uns eine gute Aktionärsgemeinschaft aufbauen.

Was bringen Ihnen Ihre Aktionäre?

Renaud: Ein Netzwerk und wertvolle Tipps, insbesondere sehr konkrete Empfehlungen im Bereich Strategie und Positionierung. Oft haben wir zu viele Ideen, die wir nicht in allen Vertriebsnetzen umsetzen können. Darüber hinaus vertrauen uns die Aktionäre und verstehen, dass unser Geschäft eine gewisse Zeit braucht, um zu wachsen.

Sie haben rund vierzig Partner. Warum haben Sie nicht alle Aufgaben in Ihre Firma integriert?

Renaud:
Die Idee ist, mit einem motivierten festen Team zu arbeiten und zusätzlich über ein Netzwerk von Subunternehmern zu verfügen, das wir vielleicht eines Tages in die Manufaktur integrieren werden, wenn das Geschäftsvolumen gross genug ist und die Vertriebskanäle gut etabliert sind. Indem wir die Bereiche aufgliedern, können wir die Risiken kontrollieren.

Sie haben einige Partnerschaften mit Hochschulen aufgebaut. Warum?

Renaud: Wir haben unter anderem mit der EPFL, dem IMD, Crea sowie den Ingenieurschulen in Yverdon, Freiburg und dem Vallée de Joux zusammengearbeitet. Dadurch konnten wir bestimmte Holzeigenschaften prüfen, Innovationen entwickeln und unsere Produkte verbessern. Ausserdem erweitert der Kontakt zu den Studenten unseren Horizont, so kommt ein Ideenaustausch zustande.

Sie haben verschiedene Auszeichnungen erhalten. Ist das ein Vorteil?

Renaud: Diese Preise sind eine Hilfe. So kann uns die Öffentlichkeit folgen und wir werden in Rankings oder Produktvorstellungen erwähnt. Das ist wichtig, denn in der Westschweiz halten sich einige Vorurteile über das Vallée de Joux sehr hartnäckig und die Auszeichnungen helfen dabei, sie abzubauen.


Informationen

Zur Person/Firma

Céline Renaud, Geschäftsführerin und Gründerin des Unternehmens JMC Lutherie im Vallée de Joux

Céline Renaud, Jahrgang 1975, studierte an der Hotelfachschule Lausanne und war zehn Jahre lang in der Uhrenindustrie tätig. Zunächst arbeitete sie für Jaeger-LeCoultre im Bereich Marketing und Event. Dann machte sie betriebswirtschaftliche Erfahrungen im Industriesektor und wurde schliesslich Leiterin des internationalen Finanzcontrollings für Breguet innerhalb der Swatch-Gruppe. 2004 lernte sie den Künstler und Gitarrenbaumeister Jeanmichel Capt kennen und gründete 2005 mit ihm gemeinsam JMC Lutherie.

Letzte Änderung 06.01.2016

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