"Das Utopische und Visionäre an zu 100% schweizerischer Seide hat uns gefallen"

Das 1825 gegründete Zürcher Textilunternehmen Weisbrod-Zürrer musste viele Krisen durchlaufen, bevor es sich neu erfand und dabei die Textilproduktion opferte.

Neben ihren Immobiliengeschäften und einem Stoffladen – dem schweizweit grössten seiner Art – blieb die Marke ihrer Leidenschaft für einen bestimmten Stoff treu: der Seide. Das verdankt sie der Vereinigung Swiss Silk, die 100% schweizerische Seide produziert. Ein Gespräch mit dem CEO-Paar Sabine und Oliver Weisbrod-Steiner, die sich die operativen Zuständigkeiten teilen.

Sie haben beide Biologie studiert. War es klar, dass Sie damit in der Textilbranche landen würden?

Oliver Weisbrod: Überhaupt nicht, ich habe studiert, was mich interessiert hat. Während meiner ganzen Kindheit habe ich gesehen, wie sich mein Vater für das Unternehmen abgemüht hat, ein bisschen wie Sisyphus. Doch die Textilbranche war schon seit Langem in Schwierigkeiten. Die goldenen Zeiten waren vorbei. Für mich war es nie eine Zukunftsperspektive, die Firma zu übernehmen, und doch sind wir genau da gelandet ... (lacht).

Sie teilen sich die Geschäftsführung. Wird das gut angenommen?

Sabine Weisbrod-Steiner: Am Anfang haben wir beide je 60% gearbeitet, aber das war kompliziert. Heute arbeite ich 50% und mein Mann 80%. Wir haben einige Aufgabengebiete untereinander aufgeteilt. Es gibt aber immer noch Leute, die, wenn mein Mann nicht da ist, lieber in der nächsten Woche noch einmal anrufen wollen, auch wenn ich ihnen sage, dass wir dieselben Zuständigkeiten haben.

Oliver W.: Einige sind auch überrascht, wenn sie mich unter der Woche mit den Kindern beim Einkaufen sehen, und fragen mich, ob ich Urlaub habe. Dabei würden sie das meine Frau in derselben Situation nie fragen. Ich glaube, dass viele Firmenchefs viel Zeit bei Stiftungen oder mit anderen Aktivitäten ausserhalb des Unternehmens verbringen, die ihnen nützen können – wie sie oft sagen – um Kontakte zu knüpfen. Aber letztlich arbeiten sie auch nur Teilzeit für ihr Unternehmen im eigentlichen Sinne, auch wenn sie behaupten, dass das unmöglich ist!

Sie haben 2012 beschlossen, die Textilproduktion einzustellen und sich künftig auf die Immobiliengeschäfte, den Verkauf von Stoffen und auf in der Schweiz hergestellte Seide zu konzentrieren. Hat Ihre Region die Schliessung des Produktionsstandortes inzwischen verkraftet?

Oliver W.: Das ist trotz des Erfolgs unseres Stoffgeschäfts, dessen Fläche in sieben Jahren zweimal verdoppelt wurde, weiterhin ein Gesprächsthema. Die Entscheidung, die Produktion zu stoppen, war sehr schwierig.

Sabine W.S.: Wir hatten bereits zehn Jahre mit Optimierungen verbracht und waren dementsprechend "kompakt". Dann hat uns 2008 die Finanzkrise erwischt. Wir exportierten damals 80% unserer Produktion. Zwischen 2009 und 2011 haben wir massenweise auf Kurzarbeit zurückgegriffen. Trotz Versprechen im Zusammenhang mit der Entwicklung eines speziellen Vorhangs – und umfangreicher Investitionen von unserer Seite – blieben die Kunden weg. Als die Frankenkrise kam, haben wir alle Optionen geprüft, aber es war nicht mehr möglich. Die Entwicklung vieler innovativer Produkte ist in der Schweiz extrem teuer. Unser Auftragsvolumen reichte nicht aus, um die Kosten zu decken.

Sie hatten auch einige innovative Produkte in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten entwickelt. Konnten sie auf den Markt gebracht werden?

Sabine W.S.: Für die "Cocoontec"-Beschichtung, die Seide schmutzabweisend macht, hat die interessierte Marke unser Produkt letztlich nicht angenommen, insofern behalten wir das Label. Anders als bei Sporttextilien und -ausrüstungen, wo man um Gütezeichen konkurriert, wollen die Modemarken keine anderen Etiketten tragen und ihre Identität "rein" halten.

Sie sind auch Partner in der Vereinigung Swiss Silk, die 2009 gegründet wurde. Ist das eher ein Hobby oder ein echtes wirtschaftliches Unterfangen?

Oliver W.: Das Utopische und Visionäre an zu 100% schweizerischer Seide hat uns sofort gefallen. Der Textilingenieur und Bauer Ueli Ramseier, die treibende Kraft dieses Projekts, hat uns angesprochen. Das Modell ist ganz und gar wirtschaftlich, weil eine Handvoll Bauernhöfe in der Schweiz einen Teil ihres Einkommens daraus beziehen, aber es geht nicht darum, der Seide auf dem Markt Konkurrenz zu machen.

Das müssen Sie uns erklären...

Oliver W.: Swiss Silk ist eine Vereinigung, die ohne Wertschöpfungskette funktioniert. Der Endverkäufer kauft die Seide direkt beim Produzenten, der sich um alle Produktionsschritte kümmert. Leider haben wir in der Schweiz keine Färberei gefunden, die über die nötige Flexibilität verfügt, deshalb übertragen wir diese Aufgaben einem familiengeführten KMU in Como. Am Ende kostet eine Krawatte aus Schweizer Seide 120 Franken, während es mit importierter Seide rund 90 Franken sind. Der Mehrwert ist vielleicht nicht sichtbar – es geht um die Schweizer Qualität und den emotionalen Wert des Produktes. Übrigens wollte ich aus dem Vorstand der Vereinigung aussteigen, weil ich als Käufer der Produkte eine Doppelrolle habe, aber die übrigen Mitglieder haben mich nachdrücklich gebeten zu bleiben. Wir suchen ständig nach neuen Partnern.

Wie viel produzieren Sie im Moment?

Oliver W.: Wir sind bei zehn Kilo pro Jahr und streben 100 bis 200 Kilo an (in der Schweiz werden pro Jahr 250 Tonnen verkauft, Anm. d. R.). Wir haben auf den Höfen einen Hofverkauf mit kleinen Artikeln organisiert. Wenn die Kunden das sehen, erscheint ihnen der finanzielle Mehraufwand nicht mehr so gross. Seide ist extrem widerstandsfähig, löst keine bekannten Allergien aus, isoliert und ist angenehm zu tragen, also ein absolut fantastisches Material.


Informationen

zu den Personen/Firma

Sabine und Oliver Weisbrod-Steiner, CEO-Paar des Zürcher Textilunternehmens Weisbrod-Zürrer

Sabine Weisbrod-Steiner (*1973) und Oliver Weisbrod (*1974) absolvierten beide ein Studium in Biologie und Anthropologie an der Universität Zürich. Nach ihrem Einstieg in das Familienunternehmen 2001 machte das Paar noch einen Abschluss in Betriebswirtschaft. Die Geschäftsführung übernahmen die beiden im August 2006. Sabine und Oliver Weisbrod-Steiner haben drei Kinder, die 2001, 2004 und 2006 geboren wurden.

Letzte Änderung 20.01.2016

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