"Das Wichtigste ist, ein Team aufzubauen und keine Ansammlung einzelner Mandate"

Die Auswahl der Verwaltungsratsmitglieder eines KMU ist meist keine leichte Angelegenheit. Es sollten Persönlichkeiten gefunden werden, die sich ergänzen und die richtigen Kompetenzen einbringen können.

Die Verwaltungsräte in den KMU werden immer stärker professionalisiert. Doch wie wählt man geeignete Mitglieder aus? Welche Kriterien gilt es zu berücksichtigen? Welche Fallen sollten umgangen werden? Christiane Morel, Gründerin der Genfer Agentur Ethys, die im Bereich Rekrutierung und Coaching von Kadern im Immobiliensektor, in der Industrie, im Handel und im Öffentlichen Dienst tätig ist, beantwortet einige wichtige Fragen. Ein Interview.
 
Wie sieht es gegenwärtig in den Verwaltungsräten der Schweizer KMU aus?
 
Christiane Morel:
Die meisten KMU, insbesondere die kleinen Familienunternehmen, sind mit ihrem Verwaltungsrat sehr zufrieden und fühlen sich von der Frage nach einer Professionalisierung nicht betroffen. Schaut man sich die VR-Mitglieder in diesen Unternehmen an, so findet man dort sehr häufig den Bankfachmann, den Anwalt sowie Freunde oder Familienmitglieder. In grösseren KMU ist die Situation natürlich anders, insbesondere in denjenigen, die als Aktiengesellschaft geführt werden. Dennoch ist allen Unternehmen der Trend zur Professionalisierung bewusst und sie interessieren sich zunehmend für die Suche nach externen Mitgliedern, die neue Kompetenzen einbringen können.
 
Von welchen Profilen kann ein Verwaltungsrat profitieren?
 
Morel:
Oft ist es sehr nützlich, möglichst unterschiedliche Profile zu vereinen. Es gibt zum Beispiel nach wie vor sehr wenige Frauen in den Verwaltungsräten. Doch es ist auch wichtig, dass verschiedene Altersgruppen vertreten sind, damit man aus dem Schubladendenken herauskommt. In dieser Hinsicht geht es einerseits darum, ältere Personen zu finden, die aktiv bleiben und ihr Wissen weitergeben möchten, andererseits aber auch junge, dynamische Unternehmerinnen und Unternehmer. Man spricht oft über die wertvollen Beiträge der Seniors, aber man darf auch die Juniors nicht vergessen, von denen sich viele in der Businesswelt von heute bestens auskennen. Das Wichtigste ist, ein Team aufzubauen und keine Ansammlung einzelner Mandate. Es geht darum, ein Ensemble zusammenzustellen, in dem nicht alle gleich denken. Man braucht gegensätzliche Meinungen, die eine Diskussion bereichern können, anstatt nur die Entscheidungen der Firmenleitung zu bestätigen.
 
Wie sollten die Unternehmen denn dabei vorgehen, um einen passenden Verwaltungsrat zu finden und ein ideales Team zusammenzustellen?
 
Morel:
Es ist sinnvoll, mit einer externen Vertrauensperson zusammenzuarbeiten, die der Firmenleitung bei der Suche nach dem passenden Profil behilflich ist. Entscheidend ist, dass man alle strategischen Aspekte offen auf den Tisch legt und herausfindet, welche Kompetenzen für die Weiterentwicklung der Firma benötigt werden, zum Beispiel für die Erschliessung neuer Märkte. Zunächst muss man ein Wunschprofil erstellen, das die Persönlichkeit und die Kompetenzen widerspiegelt, dann sollte man eine ungefähre Aufgabenstellung in Verbindung mit den gesuchten Fähigkeiten formulieren. Es kann sich beispielsweise für ein kleines Familienunternehmen als sehr nützlich erweisen, ehemalige Chefs grosser Firmen für sich zu gewinnen, die kürzlich in Rente gegangen sind und Lust haben, sich um den Fall zu kümmern.
 
Welche besonderen Kompetenzen können Frauen in einen Verwaltungsrat einbringen?
 
Morel:
Frauen bringen einen anderen strategischen Blick und andere Managementfähigkeiten mit. Sie sehen die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Zusammenfassend würde ich sagen, dass Managerinnen häufig pragmatisch und klarsichtig sind. Sie haben in der Regel einen massvolleren Ehrgeiz und schreiten erst zur Tat, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind. Das sieht man insbesondere bei der Gründung von Start-ups, wo Frauen oft erstmal mit den anfänglich verfügbaren Mitteln arbeiten, bevor sie Finanzierungen von mehreren hunderttausend Franken beantragen.
 
Welche Gefahren oder Fallen sollte man vermeiden?
 
Morel:
Die grösste Gefahr besteht darin, nicht ausreichend auf den Aufbau eines echten Teams zu achten. Man sollte dabei auch Persönlichkeitsanalysen durchführen und Personen mit komplementären Eigenschaften finden. Zudem sollte man das Risiko eines "Clash" einschätzen, also vermeiden, dass Persönlichkeiten aufeinandertreffen, die absolut nicht zusammenpassen. Das kann zum Beispiel mit Menschen passieren, die Star-Allüren haben oder sehr egozentrisch oder empfindlich sind. Bei gewissen Charaktereigenschaften sollte man also sehr vorsichtig sein. Was man hingegen suchen sollte, sind Menschen, die gerne kollegial mit anderen zusammenarbeiten, das Wissen des anderen respektieren und nicht versuchen werden, alles, was der andere sagt, auf sich selbst zurückzuführen.
 
Was ist die ideale Grösse für einen Verwaltungsrat?
 
Morel:
Ich glaube nicht, dass es eine ideale Grösse gibt. Es ist aber nützlich, eine ungerade Zahl zu nehmen, um die Mehrheitsbildung zu vereinfachen. Für ein KMU ist meiner Meinung nach 5 eine gute Zahl; mehr als 8 Mitglieder sind nicht sinnvoll.
 
Wie sieht es mit der Vergütung aus?
 
Morel:
KMU haben oft Angst davor, dass sie für einen Verwaltungsrat viel bezahlen müssen. Ich merke allerdings immer wieder, dass diejenigen, die in einem Verwaltungsrat sitzen wollen, häufig nicht in erster Linie am Geld interessiert sind. Sie haben vor allem Lust, aktiv zu bleiben und etwas zum System beizutragen. Ab einem bestimmten Alter wollen sie Mentoren werden und ihre Erfahrung weitergeben. Den Jüngeren geht es vor allem darum, Erfahrungen zu sammeln. Im Durchschnitt ist mit Kosten von CHF 10'000 bis CHF 15'000 pro Jahr und VR-Mitglied zu rechnen. Damit sind vier bis sechs Sitzungen und eine Verfügbarkeit im Krisenfall abgedeckt. Das bleibt für ein KMU bezahlbar.


Informationen

Zur Person/Firma

Christiane Morel, Gründerin der Genfer Agentur Ethys

Nach ihrer Ausbildung an der Business School Emlyon (Lyon) begann Christiane Morel 1986 ihre Karriere beim St. Galler Konzern Sopac, der auf Beratung bei der Personalrekrutierung spezialisiert ist. Nachdem sie die Westschweizer Zweigstelle übernommen und später wieder an den Konzern verkauft hatte, gründete sie im Jahr 2000 in Genf die Agentur Ethys, die im Bereich Rekrutierung und Coaching von Kadern tätig ist.

Letzte Änderung 27.09.2019

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