"Man muss Frauen die Berufstätigkeit erleichtern"

In der IT-Branche sind rund 80% der Beschäftigten Männer (BFS, 4. Quartal 2014). Die Gruppe Women in Digital Switzerland will daran etwas ändern.

Women in Digital Switzerland (WDS) wurde im Januar 2014 gegründet und zählt bereits über 400 Mitglieder aus der ganzen Schweiz. Neben einem Diskussionsforum auf LinkedIn zu den Themen Online-Marketing und Social Media organisiert die Gruppe seit März 2015 monatliche Themenkonferenzen in Genf, Lausanne und Zürich. Die Gründerin Taïssa Charlier erklärt, wie man die Führungsrolle der Frauen in ihrer Branche stärken kann.

Mit welchem Ziel haben Sie Women in Digital Switzerland (WDS) gegründet?

Taïssa Charlier: Die Frauen sollten die Möglichkeit bekommen, sich ganz frei über diese sehr männerdominierten Fachgebiete auszutauschen. Ich hatte festgestellt, dass Frauen bei den Technologie-Konferenzen in der Welt und in der Schweiz (Web Summit, La Web, Lift, etc.) unterrepräsentiert sind. Nur 6% der Personen, die an diesen Konferenzen teilnehmen, sind Frauen, obwohl ihr Anteil an der Arbeitnehmerschaft dieser Branche bei durchschnittlich 14% liegt. WDS soll den Frauen ermöglichen, sich untereinander zu vernetzen, ihnen dabei helfen, Best Practices auszutauschen, sich mehr Gehör zu verschaffen und nicht zuletzt andere Frauen zu informieren und inspirieren!

Wie funktioniert WDS?

Charlier: Unsere LinkedIn-Gruppe bringt besondere Vorteile mit sich: Die Diskussionen werden moderiert, um zu gewährleisten, dass sie konstruktiv sind. Spam und Eigenwerbung haben keinen Platz! Mitglied wird man auf Antrag. Ich prüfe, ob die Person, die der Gruppe beitreten will, in der Schweiz lebt und – direkt oder indirekt – in der Digitalbranche arbeitet. Nur Frauen können Mitglied werden, aber die Gruppe ist öffentlich und jeder darf an den Diskussionen teilnehmen, ohne der Gruppe beizutreten. Die Idee ist, über Talente zu sprechen, nicht über Geschlechter. Diskussionssprache ist Englisch, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Teilen der Schweiz kommen.

Was verstehen Sie unter "digital"?

Charlier: Alles was online ist, im Gegensatz zu offline-Aktivitäten, also Webdesign, Social Media oder Online-Marketing. Branchen, in denen Frauen an Bedeutung gewinnen. Auch die Technologie gehört dazu. Informatik und Webentwicklung sind aber immer noch stark männerdominiert, da Frauen traditionell nicht dazu ermutigt werden, eine Laufbahn in diesen Fachgebieten einzuschlagen.

Wie arbeitet WDS über das Diskussionsforum hinaus?

Charlier: Unser Ziel ist es, jeden Monat in Lausanne, Genf und Zürich Treffen zu organisieren. Dazu sind vier verschiedene Formate vorgesehen: Konferenzen, Workshops, Sondertreffen zu einem aktuellen Thema und ʺNischentreffenʺ für eine ganz bestimmte Gruppe von Fachleuten. Männer sind willkommen, doch die Grundidee bleibt, den Frauen die Gelegenheit zu geben, mehr zu Wort zu kommen.

Wie erklären Sie die Schwierigkeiten der Frauen in der Digitalbranche in der Schweiz?

Charlier: Ich stamme ursprünglich nicht aus der Schweiz, aber ich sehe, dass hier traditionell zu wenig dafür getan wird, dass Frauen mit Kindern arbeiten gehen. Es gibt nur wenige und teure Betreuungsstrukturen und die Vorstellung, als Mutter in Vollzeit zu arbeiten, ist nicht sehr verbreitet. Statistiken sind rar, aber Folgendes wurde festgestellt: Die Gehälter und Chancen sind für Frauen weniger vorteilhaft und die Mehrheit der Technischen Leiter (Chief Technology Officer, CTO) in der Schweiz sind Männer.

Was kann Ihrer Ansicht nach eine Unternehmensleitung tun, um ihre Arbeitnehmerinnen zu unterstützen?

Charlier: Man muss sie in Bezug auf ihr Familienleben unterstützen, zum Beispiel durch flexible Arbeitszeiten. Früher, später oder von zu Hause aus zu arbeiten, bedeutet nicht, dass man weniger arbeitet! Man muss den Frauen auch helfen, im Alltag selbstbewusst zu sein. Und schliesslich gilt es, eine Unternehmenskultur zu vermitteln, die diese Werte umfasst, damit alle mitziehen. Ich bin nicht dafür, die Einstellung von Frauen zu erzwingen. Es soll erst einmal erreicht werden, dass sie sich da wohl fühlen, wo sie sind.

Wie kann eine Unternehmenschefin oder ein Unternehmenschef Frauen dabei helfen, Vertrauen in sich zu haben?

Charlier: Es ist wichtig, sie für ihre Erfolge zu loben und ihnen klar zu machen, dass ihre Misserfolge ihr Handeln betreffen, nicht ihre Person. Ausserdem muss ihre Meinung genauso gefragt sein wie die der Männer. Schliesslich ist es auch entscheidend, Frauen in Führungspositionen zu Vorträgen einzuladen, damit sie erklären, was ihren Erfolg ermöglicht hat.  


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto vonTaïssa Charlier, Gründerin von Women in Digital Switzerland (WDS)

Taïssa Charlier studierte Marketing, Management sowie angewandte Fremdsprachen an der Pariser Sorbonne und der Oxford Brookes Universität, wo sie im Jahr 2001 ihren Abschluss machte. Nach verschiedenen Posten als Leiterin für Marketing und Kommunikation wurde sie Head of Social Media bei der Kommunikationsagentur Details.ch. Dort betreut sie Grosskunden wie L’Oréal Paris, Nestlé, Nespresso oder Club Med. Zudem unterhält sie einen Blog über soziale Medien auf der Plattform des Wirtschaftsmagazins Bilan. Im Januar 2014 hat sie die Initiative Women in Digital Switzerland ins Leben gerufen.

Letzte Änderung 27.09.2019

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