"Mexiko ist eine ideale Brücke nach Amerika"

2014 landete Mexiko auf Platz 14 der grössten Wirtschaftsmächte der Welt. Es ist ein Schwellenland mit einem noch lange nicht ausgeschöpften Potenzial, wie uns Greta Shelley von ProMéxico erklärt.

Anfang der 1990er Jahre schlug Mexiko einen liberalen Kurs ein und wurde sehr schnell zu einer internationalen Plattform für Produktion und Vertrieb. Seit 2001 geniessen die Schweizer Unternehmen die Vorteile des Freihandelsabkommens zwischen Mexiko und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), der die Schweiz angehört. Viele Schweizer KMU wissen jedoch gar nicht, dass es dieses Abkommen gibt oder welche Chancen es bietet, sagt Greta Shelley, die im seit 2014 bestehenden Berner Büro von ProMéxico für den Bereich Handels- und Investitionsförderung zuständig ist.

Was beinhaltet das Freihandelsabkommen zwischen Mexiko und der Schweiz?

Greta Shelley: Dank dieses Abkommens können die rechtlichen Grundlagen der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern gestärkt werden. Der grosse Vorteil ist, dass der Geltungsbereich sehr gross ist. Neben den Regeln für den Handel mit Industrieprodukten schliesst es auch die Liberalisierung des Dienstleistungssektors und der Investitionstätigkeit ein und es gewährt Zugang zu den öffentlichen Ausschreibungen in Mexiko. Das Abkommen wurde vor bald 15 Jahren unterzeichnet und wird derzeit neu ausgehandelt, um es zu modernisieren und seine Attraktivität zu erhalten. Dazu muss man sagen, dass es noch zwei weitere Abkommen mit attraktiven Rahmenbedingungen für die Schweizer Unternehmen gibt. Zum einen das Doppelbesteuerungsabkommen, das Vorteile durch Steuerbefreiungen und Amtshilfe bietet, und zum anderen das Abkommen zum Schutz und zur Förderung von Investitionen, das zu einem sicheren Wirtschaftsumfeld für die Unternehmer beiträgt.

Mexiko ist in Lateinamerika der zweitwichtigste Handelspartner der Schweiz, nach Brasilien und vor Argentinien. Worin besteht der Mehrwert im Vergleich zu den anderen Ländern des Kontinents?

Shelley: Der auffälligste Vorteil Mexikos gegenüber seinen Nachbarn ist die Grösse und demografische Zusammensetzung seines Binnenmarktes. Das Land hat rund 120 Millionen Einwohner, von denen 65% im erwerbsfähigen Alter und 50% jünger als 27 sind. Seit mehreren Jahren ist darüber hinaus zu sehen, dass sich eine Mittel- und Oberschicht herausbildet, die Wert auf die Qualität der Produkte legt und über eine hohe Kaufkraft verfügt. Abgesehen davon zeichnet sich die mexikanische Bevölkerung allgemein durch eine starke Konsumkultur aus. Ein entscheidender Faktor ist zudem die geografische Lage Mexikos. Seine Nähe zu den USA macht das Land zu einer idealen Brücke nach Nordamerika, sowie zu den Ländern Südamerikas. Es ist eine strategisch bedeutsame Region für die Internationalisierung von Unternehmen.

Welche Branchen der mexikanischen Wirtschaft sind für die Schweizer Firmen am interessantesten?

Shelley: Die Pharmaindustrie, Präzisionsinstrumente sowie der Bau von Maschinen, Anlagen und elektronischen Geräten sind die drei Wirtschaftszweige mit vielversprechenden Absatzmärkten für Schweizer KMU. Im pharmazeutischen Bereich hat Mexiko äusserst wettbewerbsfähige Herstellungskosten zu bieten. Die Qualitätsstandards, die Fachkräfte und die in den letzten Jahren erfolgte Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen erleichtern es den Schweizer Unternehmen ungemein, sich in dieser Branche zu etablieren. Bei Maschinen und Anlagen hat der mexikanische Markt grosses Potenzial mit Wachstumsraten, die für die nächsten Jahre auf durchschnittlich 5% geschätzt werden. Ausserdem werden die Leistungen dieser Branche für die Entwicklung der mexikanischen Industrie benötigt. Auch die Automobilindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt sind Märkte, die sich sehr dynamisch entwickeln und die man im Auge behalten sollte.

Was muss man bedenken, bevor man in den mexikanischen Markt investiert?

Shelley: Mexiko ist ein sehr grosses Land, das aus 32 Bundesstaaten besteht. Je nach Bundesstaat ist die Wirtschaftslage sehr unterschiedlich. Es ist also äusserst wichtig, sich gut über die verschiedenen Regionen zu informieren, bevor man loslegt. Der Norden und der mittlere Teil Mexicos waren schon immer sehr dynamisch, wobei die Region Bajío als eine der wohlhabendsten Gegenden des Landes bekannt ist. Dagegen bilden die Südstaaten die ärmsten und am wenigsten entwickelten Teile des Landes.

Wie sieht es mit Korruption und mangelnder Sicherheit aus?

Shelley: Ähnlich wie in wirtschaftlicher Hinsicht bestehen auch bei den Themen Sicherheit und Korruption Unterschiede zwischen den Regionen. Gewalt ist sehr häufig auf bestimmte Gegenden konzentriert. Industriegebiete, die sehr intensiv überwacht werden, sind davon nur selten betroffen. Das Problem der Korruption ist komplexer. Obwohl die Regierung sehr darum bemüht ist, die Korruption zu beseitigen, ist es für die Unternehmen am besten, sich dagegen zu wappnen, indem sie sich vergewissern, dass ihre Partner vertrauenswürdig sind, oder sich an Organisationen wie ProMéxico oder Switzerland Global Enterprise (S-GE) wenden, die sie mit verlässlichen Personen vor Ort in Kontakt bringen können.


Informationen

Zur Person/Firma

Greta Shelley, zuständig für die Wirtschafts- und Investitionsförderung in den Berner Büros von ProMéxico

Greta Shelley wurde 1972 in Mexiko geboren und absolvierte ihren Master in International Business Development an der Georgetown University in Washington. Nachdem sie einige Jahre lang im PR-Bereich tätig war, kam sie 2014 zu ProMéxico, eine an das mexikanische Wirtschaftsministerium angegliederte Organisation, welche die Beteiligung Mexikos an der internationalen Wirtschaft stärken soll. Seit der Eröffnung des Berner Büros von ProMéxico im Jahr 2014 ist Greta Shelley dort für die Wirtschafts- und Investitionsförderung für die Schweiz, Liechtenstein und einige Länder Mitteleuropas zuständig.

Letzte Änderung 27.09.2019

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