"Wir arbeiten an ehemaligen Industriestandorten, von denen ganze Regionen gelebt haben"

Anfangs in der Holzindustrie tätig, ist HIAG Immobilen heute führend in der Arealentwicklung und seit kurzem an der Börse notiert. CEO Martin Durchschlag erzählt im Interview, wie sich das Unternehmen erfolgreich modernisiert hat.

HIAG Immobilien haucht ehemaligen Industriearealen neues Leben ein und macht sie für Privatpersonen als Wohnort sowie für die Wirtschaft als Standort attraktiv. Das Basler Unternehmen besitzt Areale an 40 Standorten in der Schweiz mit einer Gesamtfläche von 2.6 Millionen Quadratmetern und Liegenschaftserträgen von etwa CHF 50 Millionen pro Jahr. Seine Geschichte reicht bis ins Jahr 1876 zurück: Das Familienunternehmen war lange Zeit im Holzhandel tätig, bis Mitte der 2000er Jahre der Fokus immer mehr auf das Immobiliengeschäft gelegt wurde. Seit Mai 2014 ist HIAG Immobilien an der Börse notiert. Über den erfolgreich vollzogenen Wandel spricht CEO Martin Durchschlag im Interview.

Wie hat sich bei HIAG der Wandel vom Holzhandel zur Arealentwicklung abgespielt?

Martin Durchschlag: Das Unternehmen besass schon immer Areale im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in der Holzindustrie. Unser heutiger Immobilienbesitz geht übrigens zur Hälfte auf diese Liegenschaften zurück. Vor etwa 8 Jahren haben wir aus der Arealentwicklung einen eigenen Geschäftsbereich mit im Moment 25 Mitarbeitenden entwickelt, der heute vollkommen unabhängig vom Holzhandel existiert.

Seit einem Jahr ist HIAG Immobilien ein kotiertes Unternehmen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Durchschlag: Es war ein notwendiger Schritt, um unsere Entwicklungsmöglichkeiten voll ausschöpfen zu können. Seit Dezember 2013 haben wir fünf grosse Areale erworben, der Börsengang sichert uns für die künftigen Projekte ausreichend finanzielle Mittel. Durch diesen Schritt sind wir formal zu Transparenz verpflichtet, was im Sinne unserer öffentlichen Wahrnehmung ist.

Wie meinen Sie das?

Durchschlag: Die Areale, die wir erwerben und weiterentwickeln, waren teils über Jahrhunderte hinweg Industriestandorte, von denen ganze Regionen gelebt haben. Viele der Gebäude auf diesen Arealen stehen unter Denkmalschutz. Unsere Arbeit ist dadurch mit Emotionen verbunden und wir möchten als vertrauenswürdiger Partner der Akteure vor Ort auftreten, um langfristig neue Nutzungsmöglichkeiten für die Areale herauszuarbeiten. Transparenz ist daher bei unseren Projekten, die sich über mehrere Jahre ziehen können, sehr wichtig.

Mit welchen Problemen sind Sie bei Arealentwicklung am häufigsten konfrontiert?

Durchschlag: Wir arbeiten mit sehr grossflächigen Arealen, die einst Standorte für die Papier-, Holz-, Textil- oder Chemieindustrie waren. Es ist eine äusserst komplexe Aufgabe, diese in neue funktionierende Quartiere umzuwandeln, die ein Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe ermöglicht. Dabei geht es darum, die Interessen der Politik, der Anrainer und der Nutzer abzustimmen. Auf diesem Weg stellen sich uns an jedem Ort immer andere Herausforderungen.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Durchschlag: In Windisch (AG) sind wir dabei, mit dem Projekt Feinspinnerei in die letzte Phase der Arealentwicklung einzutreten. Wir haben uns dort entschieden, zugunsten der Qualität des Quartiers auf Baumasse eines Projektes zu verzichten, obwohl im Gestaltungsplan eine höhere Baudichte möglich gewesen wäre. Wir haben zwei der vier Wohnprojekte in einem höheren Marktsegment positioniert und die Baukosten für die Tiefgarage erheblich reduziert. Die Quartierbewohner haben zudem die Schaffung eines Quartiersplatzes als positiv wahrgenommen.

Inwiefern unterscheiden Sie sich von Unternehmen, die Entwicklungsprojekte in ähnlicher Grössenordnung vorantreiben?

Durchschlag: Weder sind wir ein klassisches Entwicklungsunternehmen mit Fokus auf die Bauphase, noch sind wir nur an der Vergrösserung unseres Bestandsportfolios interessiert. Wir bleiben auch nach Umsetzung der Entwicklungsprozesse langfristig Eigentümer unserer Areale. Diese Ausrichtung schafft Vertrauen bei allen am Entwicklungsprozess beteiligten Parteien.

Inwiefern versuchen Sie, die Tradition des Familienunternehmens in Ihre Unternehmenskultur einfliessen zu lassen?

Durchschlag: Zwar führen wir den Holzhandel unter dem Namen HIAG Immobilien nicht mehr fort. Allerdings haben wir eine schlanke Unternehmensstruktur mit kurzen Entscheidungswegen beibehalten. Für Stabilität sorgen drei Nachkommen der Gründerfamilie Grisard, die zwei Drittel der Anteile halten. Als zusätzlicher Anker sitzen zwei von ihnen im Verwaltungsrat.

Welche Tipps können Sie anderen Unternehmenden mit auf den Weg geben?

Durchschlag: Es ist wichtig, fortdauernd die Unternehmensstrategie kritisch zu hinterfragen. Die Rahmenbedingungen können im Laufe der Zeit wechseln, was bei uns der Fall gewesen ist, da es die Holzindustrie, so wie wir sie über weite Strecken des 20. Jahrhunderts gekannt haben, heute in der Schweiz so nicht mehr gibt. Deshalb ist es ratsam, immer wieder verschiedene Szenarien durchzudenken und gegebenenfalls auf sich wandelnde Rahmenbedingungen zu reagieren. Es kann in solchen Situationen – und auch generell – hilfreich sein, schlank und flexibel aufgestellt zu sein.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Martin Durchschlag, CEO von HIAG Immobilien

Martin Durchschlag studierte Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau an der Technischen Universität Wien. Anschliessend war er einige Jahre lang in der strategischen Unternehmensberatung tätig. 2004 stiess er zur HIAG Gruppe, wo er als CFO den Übergang vom Holzindustriekonzern zum Immobilienunternehmen steuerte. Seit 2011 ist der 38-jährige Martin Durchschlag CEO von HIAG Immobilien.

Letzte Änderung 27.09.2019

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