"Für KMU bringt der Aufbau einer nachhaltigen Einkaufspolitik jede Menge Vorteile"

Die Schweizer Informationsplattform "Kompass Nachhaltigkeit" unterstützt kleine und mittlere Unternehmen bei der Umsetzung von Verfahren für nachhaltige Beschaffung.

Die stetig und unberechenbar steigende Zahl von Standards und Gütesiegeln, die eine nachhaltigere Produktion in der ganzen Welt gewährleisten sollen, macht es den kleinen und mittleren Unternehmen nicht immer leicht. Die Internetplattform "Kompass Nachhaltigkeit" verschafft den Einkaufsleitern der KMU mehr Transparenz. Sie hilft ihnen bei der Erarbeitung einer Strategie, welche beim Kauf von Produkten aus Entwicklungsländern die Einhaltung sozialer und ökologischer Anforderungen berücksichtigt.

Das Projekt wird finanziell vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) unterstützt und vom Unternehmen BSD Consulting mit Sitz in Zürich gesteuert. Projektleiter Mark Starmanns stellt die wichtigsten Instrumente und Informationen vor, die der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Welche Kriterien liegen der Definition eines nachhaltigen Einkaufs zugrunde?

Mark Starmanns: Es ist schwer, auf diese Frage eine allgemeine Antwort zu geben; das hängt stark von der Branche ab, in der das Unternehmen tätig ist. Grundsätzlich geht es für ein Unternehmen darum, seine negativen Auswirkungen auf die Umwelt möglichst gering zu halten und eine Produktion unter guten Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Hier gibt es viel Interpretationsspielraum. Nehmen wir das Beispiel von Apple: Ist die Firma einfach nur für die Arbeiter verantwortlich, die in China die Geräte zusammenbauen oder erstreckt sich ihre Verantwortung auch auf die Produktion der verschiedenen Bestandteile des iPhones, zum Beispiel in den Coltan-Minen? Bei einer Jacke müssen die Unternehmen auch bestimmen, welche Chemikalien in welchen Mengen für die Herstellung verwendet werden könnten.

Wie ist der "Kompass Nachhaltigkeit für KMU" entstanden?

Starmanns: BSD Consulting hat den "Kompass Nachhaltigkeit" in den Jahren 2009/2010 für Deutschland und die Schweiz entwickelt, in Zusammenarbeit mit einem deutschen Partner und einer ersten Finanzierung durch das SECO, das seine Förderung im Zeitraum 2013-2015 im Rahmen eines breiter angelegten Programms zu den Nachhaltigkeitsstandards fortgesetzt hat. Der "Kompass Nachhaltigkeit" bietet besonders den kleinen und mittleren Unternehmen Hilfe beim Aufbau eines nachhaltigen Beschaffungsmanagement. Das gilt vor allem für Firmen, die Produkte im Ausland kaufen oder herstellen, wo die sozialen und ökologischen Produktionsstandards nicht immer unseren Erwartungen entsprechen.

Wie funktioniert diese Plattform?

Starmanns: Wir haben gemeinsam mit dem United Nations Global Compact einen Prozess mit fünf Phasen erarbeitet sowie mehrere Instrumente, um die Unternehmen dabei zu unterstützen, das Thema nachhaltige Beschaffung in ihre Strategie einzubinden. Die KMU finden dort auch Informationen über die zahlreichen Nachhaltigkeitsstandards und -labels wie Max Havelaar oder BSCI (Business Social Compliance Initiative). Neben dem "Kompass Nachhaltigkeit" für KMU liefert das Portal in einer Version, die sich von derjenigen für KMU unterscheidet, auch Tipps für die Verantwortlichen von öffentlichen Beschaffungen.

Warum haben Sie die KMU als Zielgruppe gewählt?

Starmanns: Im Gegensatz zu den Grossunternehmen haben die kleinen und mittleren Unternehmen in der Regel kein eigenes Team, das für das komplexe Thema Nachhaltigkeit verfügbar ist und die nötigen Kompetenzen aufweist. Der "Kompass Nachhaltigkeit" zielt darauf ab, ihnen einen einfachen Einstieg in die Materie zu ermöglichen.

Warum ist es wichtig, dass sich KMU Gedanken über ihre soziale und ökologische Verantwortung machen?

Starmanns: Dafür gibt es mehrere Gründe; ich werde Ihnen drei nennen. KMU, die ihre Produkte im Ausland herstellen lassen, können hohen Risiken ausgesetzt sein, wenn sie ihre Lieferkette nicht genau kennen und sich keine Gedanken um Nachhaltigkeit machen. Wenn zum Beispiel ein in Afrika oder anderswo ansässiger Lieferant einer Schweizer Firma die Menschenrechte verletzt, kann sich das schnell negativ auf die Firma selbst auswirken. Der gute Ruf, den man sich über lange Zeit aufgebaut hat, kann dann rasch zerstört sein. Des Weiteren belegen mehrere Studien, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, dass Unternehmen, die sich proaktiv um Nachhaltigkeitsfragen kümmern, wirtschaftlich besser dastehen als solche, die es nicht tun. Vorteile können beispielsweise entstehen, wenn man sich als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit positioniert und damit sogar einen Schritt voraus ist, wenn neue Gesetze verabschiedet oder neue Auflagen beschlossen werden. Und in einigen Fällen ist es sogar möglich, dass Unternehmen, die den Energieverbrauch in ihrer Lieferkette optimieren, Kosten einsparen.

Erreicht die Plattform ihre Ziele?

Starmanns: Die Website "Kompass Nachhaltigkeit" wird von Schweizer Unternehmen regelmässig besucht. Wir erhalten positive Kommentare bezüglich der Inhalte. Allerdings können wir nicht auswerten, in welchem Masse dieses Internet-Tool die KMU dazu anregt, beispielsweise weniger Chemikalien einzusetzen.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Mark Starmanns, Senior Consultant bei BSD Consulting

Mark Starmanns ist Senior Consultant bei BSD Consulting und leitet das Projekt "Kompass Nachhaltigkeit". Als Experte für nachhaltiges Lieferkettenmanagement ist er in der Abteilung Sustainability Standards und Informationssysteme tätig. Er hat über Corporate Social Responsibility (CSR) in globalen Lieferketten promoviert. Darüber hinaus hat er unter anderem für die Universität Zürich gearbeitet und verschiedene Unternehmen zu ihrer Nachhaltigkeitsstrategie beraten.

Letzte Änderung 27.09.2019

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