"Für einen Social Entrepreneur steht der Gewinn nicht an erster Stelle"

Im Jahr 2014 hat die Stiftung Seif in der Schweiz 103 Projekte zum sozialen Unternehmertum unterstützt. Barbara Rigassi, Präsidentin des Stiftungsrats, erklärt, worum es in diesem rasch wachsenden Bereich geht.

Die Organisation Seif, "Social Entrepreneurship Initiative and Foundation", wurde 2011 in Zürich gegründet und versteht sich als Ort des Austauschs zwischen Akteuren des sozialen Unternehmertums in der Schweiz. Sie bietet in Zusammenarbeit mit der Kommission für Technologie und Innovation Kurse für Unternehmen und Start-ups an, die Projekte mit einem gesellschaftlichen Anliegen verfolgen. Darüber hinaus vergibt sie ein Label ("Seif-label") und eine Auszeichnung ("Seif Awards for Social Entrepreneurship"). Ihr langfristiges Ziel besteht darin, die Glaubwürdigkeit der von ihr unterstützten Projekte zu stärken und nachhaltige Finanzierungen für sie zu finden.

Wie definieren Sie soziales Unternehmertum?

Barbara Rigassi: Dieser Bereich schliesst alle Unternehmen ein, die soziale Innovationen umsetzen und deren Ziel vor allem darin besteht, einen positiven sozialen Effekt (Social Impact) zu erzielen. Die Rechtsform spielt keine Rolle. Es kann sich um ein bereits bestehendes Unternehmen oder um ein Start-up handeln. Wichtig ist, dass die soziale Innovation die Triebfeder ist und sich das Modell rentiert.

Was verstehen Sie unter sozialer Innovation?

Rigassi: Dabei handelt es sich um eine innovative unternehmerische Antwort auf ein gesellschaftliches Problem. Nehmen wir zum Beispiel ein Unternehmen, das von Seif begleitet wird: Um das Thema der alternden Bevölkerung in Europa anzugehen, hat es ein intelligentes Objekt entwickelt, das eine Frau an ihren optimalen Empfängnis-Zeitpunkt erinnert. Ein anderes hat sich eine Technologie ausgedacht, mit der sich Lebensräume mit geringem finanziellem Aufwand gestalten lassen, was sich positiv auf das bescheidene Budget der Gemeinden auswirkt. In der Schweiz gibt es ein breites Spektrum an Themen wie zum Beispiel Ernährung, Jugendarbeitslosigkeit, Umweltschutz, Gesundheit oder Verkehr.

Warum wollen Unternehmen in diesen Bereichen aktiv werden?

Rigassi: Zum einen müssen sich Unternehmen dieser Bereiche annehmen, weil die finanziellen Zwänge den Staat immer mehr davon abhalten, auf die gesellschaftlichen Herausforderungen zu reagieren. Dann können die von Firmen entwickelten Lösungen neue Ansätze einbringen. Und schliesslich hängt unsere gesamte Wirtschaft von Innovationen ab, nicht nur im technologischen, sondern auch im sozialen Bereich.

Wie lassen sich Social Entrepreneurship und Corporate Social Responsibility voneinander abgrenzen?

Rigassi: Der Unterschied besteht in der Prioritätensetzung und in den finanziellen Mitteln. Im Bereich Social Entrepreneurship steht es an erster Stelle, einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erzeugen, erst danach geht es um den Gewinn. Aber die Firmen in diesem Bereich beruhen immer auf einem langfristig rentablen Wirtschaftsmodell.

Kann man gesellschaftliche Probleme lösen und dabei Gewinn machen?

Rigassi: Jedes Unternehmen braucht einen finanziellen Mehrwert, sonst kann es nicht überleben. Meiner Meinung nach besteht die Lösung für Unternehmen im Bereich Social Entrepreneurship – wie für jedes Unternehmen – darin, Investoren zu haben, die an das Projekt glauben. Diese wissen, dass sie eine Rendite erhalten werden, die aber eher 1 bis 2% als 10 oder 20% betragen wird.

Ist die Schweiz ein guter Nährboden für diese Initiativen?

Rigassi: Es gibt keine offiziellen Statistiken zum Social Entrepreneurship. Über meine Funktion bei Seif sehe ich jedoch, dass die Zahl der Projekte, die wir unterstützen und die an unserem Wettbewerb Seif Award teilnehmen, von Jahr zu Jahr steigt.

Welche Eigenschaften zeichnen einen Social Entrepreneur aus?

Rigassi: Sein oberstes Ziel ist es, für die Gesellschaft insgesamt nützlich zu sein, dabei zu helfen, gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, sei es in Entwicklungsländern oder in seinem direkten Umfeld. Er ist auf der Suche nach Lösungen und will Produkte oder Dienstleistungen entwickeln, für die eine Nachfrage besteht und die der Kaufkraft der Zielgruppe entsprechen.

Wie kann sich ein Unternehmen dem Social Entrepreneurship zuwenden?

Rigassi: Wenn eine Firma ein gesellschaftliches Problem erkannt hat und über eine Idee verfügt, wie es sich lösen lässt, kann es an einer Weiterbildung teilnehmen oder an einem Coaching mit einer darauf spezialisierten Organisation. Egal ob es sich um Einzelpersonen oder um Teams handelt – man sollte alle ermutigen, die Ideen haben und sie umsetzen wollen. Ein Coaching kann dabei helfen, die Idee zu konkretisieren, den Social Impact zu maximieren und eine Finanzierung zu finden.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Barbara Rigassi, Gründerin von Seif, Social Entrepreneurship Initiative and Foundation

Barbara Rigassi absolvierte ihr Studium an der Universität St. Gallen und war in verschiedenen Führungsfunktionen in der Bundesverwaltung und der Privatwirtschaft tätig. Heute ist sie geschäftsführende Partnerin bei der Consulting-Agentur BHP Brugger und Partner in Zürich. Als Expertin für Corporate Social Responsibility berät sie Firmen und Organisationen auf diesem Gebiet. Vor mehr als zehn Jahren kam sie erstmals mit dem Thema Social Entrepreneurship in Berührung. Sie war von diesem Bereich begeistert und gründete 2011 gemeinsam mit Mariana Christen Jakob die Organisation Seif.

Letzte Änderung 30.06.2015

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