"Die Auszeichnungen haben uns zu mehr Sichtbarkeit verholfen"

Start-up-Gründung im Digitalbereich: ein Kinderspiel? Viele Unternehmerinnen und Unternehmer werden durch das Vorbild der Riesen aus dem Silicon Valley angeregt, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Einer von ihnen ist Johannes Reck, Gründer eines Online-Reiseportals.

Der Auslöser für die Gründung der Plattform GetYourGuide war folgende Erkenntnis: 2009 stellen Johannes Reck, Biochemie-Student an der ETHZ, und fünf seiner reisebegeisterten Freunde fest, dass man zwar Flüge und Hotels problemlos online buchen kann, Urlaubsaktivitäten jedoch kaum. In der Überzeugung, dass die Tourismusbranche "reif" für die Digitalisierung ist, gründen sie ihre Website für die Buchung von touristischen Dienstleistungen. In kürzester Zeit gewinnt das Unternehmen mehrere Preise, die für die weitere Kapitalbeschaffung entscheidend sind (Swiss Venture Leaders Award 2010, de Vigier Förderpreis 2012, Swiss Economic Award 2013, Swiss ICT Award 2012). 2013 erhält das Projekt CHF 13,5 Millionen von Spark Capital und Highland Capital Partners Europe, zwei einflussreichen Firmen auf dem Venture Capital Markt. Spark Capital war insbesondere eine der ersten, die in Twitter und Foursquare investierten.

Heute hat GetYourGuide 160 Mitarbeitende sowie Büros in Zürich, Berlin, Rom und Las Vegas. Die Firma bietet knapp 25'000 Aktivitäten für 2'400 Reiseziele auf der ganzen Welt an. Das Angebot wird in 13 Sprachen präsentiert.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie zu Beginn der Firmengründung?

Johannes Reck: Wir mussten alles "on the job" lernen, das war wie ein Sprung ins Wasser, ohne dass man schwimmen kann. Aber wir hatten einige Vorteile: Wir kamen aus verschiedenen Studiengängen und konnten uns daher gut ergänzen. Unser Team war relativ klein, was hilfreich ist, wenn man sozusagen alles live lernt. Und wir haben von Anfang an sehr nützliche Tipps aus unserem Bekanntenkreis oder von Personen mit Erfahrungen im Management bekommen.

Welche Tipps haben Ihnen geholfen und welche Fehler sollte man am Anfang vermeiden?

Reck: Mein grösster Fehler war, dass ich die nötigen Entscheidungen nicht schnell genug getroffen habe. Als Unternehmer ist jede Entscheidung mit einem sehr hohen Grad an Unsicherheit verbunden. Aber wenn man die Entscheidung hinauszögert, werden die Probleme oder Risiken häufig grösser. Ich musste lernen, meine Entscheidungen verantwortungsvoll zu treffen. Es ist unmöglich, etwas rückgängig zu machen. Dafür muss man aber die eigenen Mechanismen regelmässig prüfen und immer wieder neu daran arbeiten, sein Produkt zu verbessern.

Wie ist Ihre Suche nach Kapital verlaufen und wie ist es Ihnen gelungen, amerikanische Venture-Capital-Unternehmen für sich zu gewinnen, obwohl Sie in der Schweiz ansässig sind?

Reck: Als Grundlage benötigt man immer eine sehr gute Idee und ein tragfähiges Projekt. Ausserdem sollte man an sein Produkt glauben und sich ein umfangreiches Netzwerk aufbauen. Wie alle Start-ups haben wir in der ersten Phase Geld bei den klassischen 3F aufgetrieben: friends, family and fools. In der Schweiz ist es nicht so schwer, Gelder für die Firmengründung zu erhalten. Es gibt viele Fördermittel für die ersten Schritte. Später wird es komplizierter. Dadurch, dass GetYourGuide mehrere Preise gewonnen hat, standen wir plötzlich im Rampenlicht und hatten eine viel stärkere Präsenz, sodass wir den Venture-Capital-Firmen seit 2012 ein Begriff waren und sie in uns investierten. Dann haben wir uns auf den spanischen, italienischen und schliesslich den französischen Markt begeben, unsere Website umgebaut und unsere App entwickelt.

Welche Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung bieten sich später?

Reck: Die Preise und Wettbewerbe für Start-ups dürfen nicht unterschätzt werden. Neben der Werbung und den neuen Kunden, die dadurch gewonnen werden, machen sie das Potenzial eines Unternehmens deutlich. Und genau darauf setzen die Risikokapitalgeber. Sie interessieren sich nicht für die heutige Rentabilität, sondern für die künftigen Gewinnaussichten. Die Auszeichnungen setzen eine positive Spirale in Gang. Im November 2013 haben wir den SevenVentures Pitch Day in London gewonnen und konnten dadurch in den darauf folgenden Monaten eine TV-Kampagne durchführen. Im Januar 2014 haben wir dann eine neue entscheidende Geldspritze in Höhe von CHF 4,3 Millionen erhalten.

Für welche Investitionen haben Sie diese grossen Summen genutzt?

Reck: Wir haben in die Weiterentwicklung unserer Aktivitäten und in die geographische Expansion investiert. Das erfordert viele neue Arbeitsplätze und technische Ausrüstungen. Jetzt bauen wir unser mobiles Angebot aus, das schon eine gute Basis hat, und wollen weiter neue Märkte erschliessen.

Konnten Sie trotz des rasanten Wachstums eine starke Firmenkultur aufrechterhalten?

Reck: Ja, und dafür braucht es unbedingt eine offene und klare Kommunikation. Ich organisiere regelmässige Sitzungen mit den Entscheidungsträgern und dem gesamten Team. Ausserdem sind die Mitarbeiter der wichtigste Faktor der Firma. Man muss sich also viel Zeit für die Rekrutierung nehmen und Bewerber ablehnen, die nicht zur Kultur des Managements passen. Um Talente anzuwerben, muss man ihnen klar machen, dass ein Start-up einem Mitarbeiter die Chance bietet, sich in verschiedenen Bereichen weiterzuentwickeln. Häufig ist dieses Argument wichtiger als das Gehalt.

Warum haben Sie Ihre Büros in Berlin und Las Vegas angesiedelt?

Reck:
Berlin ist eine der zentralen Plattformen für Start-ups in Europa, weshalb die Rekrutierung dort viel leichter ist als in Zürich. Las Vegas war unerlässlich, um mehr über den amerikanischen Markt zu erfahren, der riesig ist und viele Chancen bietet. Weil in Europa alles ganz anders läuft, ist es wichtig, vor Ort präsent zu sein.


Informationen

Zur Person/Firma

Johannes Reck, Gründer des Online-Reiseportals GetYourGuide

Johannes Reck ist Mitgründer und CEO der Firma GetYourGuide, die Online-Buchungen von touristischen Aktivitäten anbietet. Er erwarb seinen Abschluss in Biochemie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und gründete 2009 sein Start-up. Nach einem Zwischenstopp bei der Boston Consulting Group übernahm er in seiner Firma den Posten des CEO. Er ist sowohl für die Unternehmensstrategie als auch für das Management des Führungsteams zuständig.

Letzte Änderung 27.09.2019

Zum Seitenanfang

https://www.kmu.admin.ch/content/kmu/de/home/aktuell/interviews/2015/auszeichnungen-sichtbarkeit-verholfen.html