"Nicht unterschätzen, wie begeisterungsfähig Investoren sein können"

In nur 5 Jahren ist das Biotechunternehmen InSphero zu einem der weltweit führenden Akteure im Bereich dreidimensionaler Zellkulturen geworden. CEO Jan Lichtenberg erzählt im Interview, wie sich das Unternehmen erfolgreich entwickelt hat.

InSphero stellt im Labor dreidimensionale Mikrogewebe her, die den Bereich der Medikamententests revolutionieren. Das in Schlieren (ZH) ansässige Startup möchte damit die übliche – aber nach Meinung des Unternehmens ineffiziente – Praxis der Tests mit zweidimensionalen „Zellenteppichen“ erneuern. Nach nur 5 Jahren gehören die weltweit grössten Pharmakonzerne zu den Kunden von InSphero (47 Mitarbeiter). Vor kurzem erhielt das Startup den renommierten Unternehmerpreis von Ernst & Young in der Kategorie „Emerging Entrepreneur“. Im Interview erzählt CEO Jan Lichtenberg wie sich das Unternehmen von den Strukturen der ETH gelöst hat und wie es sehr schnell auf sicherem finanziellen Boden stand.

Wie ist die Idee zu InSphero entstanden?

Jan Lichtenberg: Die Idee, das Unternehmen zu gründen, ist 2008 entstanden. Meine beiden Mitbegründer und Freunde Jens Kelm und Wolfgang Moritz hatten sich bereits seit 10 Jahren wissenschaftlich mit der Frage befasst, wie man im Labor dreidimensionales Gewebe aus Zellen herstellen kann, um sie in der Medizinforschung zu nutzen. 2009 haben wir auf dieser Grundlage aufbauend InSphero gegründet. Richtig losgelegt mit dem operativen Geschäft haben wir allerdings erst 2010, da wir noch in anderen Projekten gebunden waren.

Was war die grösste Herausforderung in der Anfangsphase?

Lichtenberg: Ein sehr wichtiger Schritt war für uns, unser Unternehmen aus den Strukturen der ETH und der Universität Zürich zu lösen. Natürlich hätten wir dort von diversen Programmen profitiert, die es Startups ermöglichen, sich im Rahmen der Universität zu entwickeln. Wir haben uns aber bewusst gegen diese Bindung entschieden, damit wir uns voll und ganz auf die Entwicklung von InSphero konzentrieren können und keine Verpflichtungen am Lehrstuhl haben. Da wir von Anfang an die grossen Pharmakonzerne als Zielgruppen anvisiert haben, war dies auch eine Botschaft an sie, dass wir selbstbewusst genug sind, unabhängig zu agieren.

Wie haben Sie die Startphase von InSphero finanziert?

Lichtenberg: Wir hatten das Glück, sehr früh finanziell dotierte Preise gewinnen zu können, wie zum Beispiel den von Venture Kick, der Unternehmenden eine Starthilfe über CHF 130‘000 ermöglicht. Damit und dank anderer Preisgelder konnten wir unser Labor aufbauen und unser Geschäft entwickeln. Im Anschluss daran haben wir eine A-Finanzierungsrunde gestartet, wo wir dank des Investors Redalpine Venture Partners, der Zürcher Kantonalbank (ZKB) und zweier Business Angels CHF 1,8 Millionen sammeln konnten.

Sie sind seit 2013 mit Standorten in den USA und in Deutschland vertreten. Was hat Sie zu diesen beiden Schritten bewogen?

Lichtenberg: Für unser Geschäftsfeld hat der US-amerikanische Markt eine grosse Bedeutung, da jeder zweite Franken im Bereich der Pharmaforschung auf diesem Markt ausgegeben wird. Schon seit 2010 waren wir daher in den USA auf Konferenzen und durch ein Verkäufernetzwerk vertreten. Der Standort, den wir 2013 in Boston eröffnet haben, dient in erster Linie als Verkaufsaussenposten, seit Mai dieses Jahres arbeiten wir zusätzlich daran, diesen zum Produktionsstandort auszubauen. Im Moment repräsentiert der US-Markt 35% unseres Umsatzes, durch die weitere Annäherung an die Kunden dort möchten wir diesen Anteil in den nächsten Jahren auf 50% erhöhen. Der Standort in Deutschland ist für uns interessant, um das Exportgeschäft innerhalb der EU zu vereinfachen. Da wir lebendige Mikrogewebe verschicken, ist es wichtig, dass diese innert 70 bis 80 Stunden beim Kunden ankommen. Würden wir diese aus der Schweiz verschicken, hätte das komplexe Verzollungsprozesse und Versandkosten zur Folge.

Welche Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung sind für Sie relevant?

Lichtenberg: Zum einen kommen für uns Fördergelder – wie zum Beispiel aus EU-Forschungsprojekten – in Frage, vor allem für mittel- und langfristige Vorhaben, die keine unmittelbaren Umsätze verlangen. Solche mit öffentlichen Mitteln geförderte Projekte bieten uns auch die Möglichkeit mit Top-Forschern zusammenzuarbeiten und in anerkannten Fachzeitschriften Ergebnisse publizieren zu können. Kredite und Finanzierungsrunden sind sinnvoll einerseits für strategische Projekte in der Entwicklung marktreifer Produkte und andererseits für den Ausbau von Marketingaktivitäten sowie von Produktions-und Distributionsinfrastrukturen.

Auf welche Hindernisse stossen Sie bei der Suche nach Investoren?

Lichtenberg: Wir haben gemerkt, dass, obwohl wir auf der Umsatzseite sehr international ausgerichtet sind, die Interessen von Investoren meist regional sehr begrenzt sind. Wir hätten bei unserer letzten Finanzierungsrunde im Juli – wo wir CHF 20 Millionen sammeln konnten – gerne auch einen institutionellen Investor aus den USA mit dabei gehabt. Allerdings sind für solche Geldgeber Investitionen in europäische Startups noch eher die Ausnahme.

Was würden Sie jungen Unternehmenden raten, die ihr eigenes Startup gründen möchten?

Lichtenberg: Meiner Meinung nach ist es wichtig, Mut zum Fehler zu beweisen. Uns wurde in der Anfangsphase geraten, sehr schnell mit einem Verkaufsteam auf den Markt zu gehen, um frühzeitig enge Kundenbindungen aufzubauen. Tatsächlich haben wir dann die Erfahrung gemacht, dass sich dieses frühe Engagement sehr bald auszahlt, denn in unserem Bereich sind die Verkaufszyklen relativ lang. Junge Unternehmende sollten nicht unterschätzen, wie begeisterungsfähig Investoren und Kunden sein können, wenn das Produkt innovativ ist und qualitativ überzeugt – auch wenn es noch ein Prototyp ist.

Informationen

Zur Person/Firma

Jan Lichtenberg, CEO des Biotechunternehmens InSphero

Jan Lichtenberg studierte Elektro – und Mikrosystemtechnik an der Universität Bremen und promovierte in diesem Fach an der Universität Neuenburg. Im Anschluss hatte er mehrere leitende Positionen in der Schweiz im Bereich Forschung und Entwicklung inne, wie zum Beispiel beim Medtech-Unternehmen Hocoma. 2009 gründete er mit zwei Freunden InSphero, wo er seitdem als CEO fungiert.

Letzte Änderung 18.11.2015

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