"Messen müssen sich neue, digitale Geschäftsfelder erschliessen"

Das Zürcher Unternehmen Balluun hat eine digitale Plattform für den B2B-Bereich entwickelt, die sich in erster Linie an im Grosshandel tätige KMU richtet. Im Gegensatz zum Einzelhandel wird in diesem Sektor noch eher selten auf digitale Angebote zurückgegriffen.

Trotz der weitläufigen Digitalisierung vieler Geschäftsbereiche sind im B2B-Bereich immer noch Messen tonangebend. Das Zürcher Startup Balluun hat eine digitale Plattform entwickelt, die es KMU ermöglicht, online mit Einkäufern in Kontakt zu treten und Geschäfte abzuwickeln. Das Angebot ist im Moment vor allem in den USA präsent – wo Balluun 20 seiner 24 Angestellten beschäftigt –, soll aber ab Ende dieses Jahres auch in der Schweiz auf den Markt kommen. Im Interview erklärt Patric Umiker, Verantwortlicher für den europäischen Markt, wie KMU von der Digitalisierung ihrer B2B-Aktivitäten profitieren können.

Warum ist es für KMU wichtig, im B2B-Bereich digital gut aufgestellt zu sein?

Patric Umiker: Im Moment ist es so, dass die meisten KMU in diesem Bereich nur einen geringen Anteil ihres Umsatzes über digitale Kanäle erwirtschaften. Solche Kanäle haben sich bisher im Grosshandelsbereich noch nicht durchsetzen können, weil die notwendigen Technologien fehlten. Im Gegensatz zu grossen Konzernen haben KMU nicht die finanziellen Möglichkeiten, eine solche Technologie auf die Beine zu stellen. Jedoch zeigt eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts Forrester, dass in Zukunft mehr als die Hälfte der Einkäufer in sozialen Netzwerken vertreten sein und diese als Kommunikationsplattform nutzen werden. Gerade Messen, wo KMU in kurzer Zeit mit vielen Einkäufern zusammenkommen, bieten in dieser Hinsicht ein grosses Potential.

Wie ist die Idee zu Balluun entstanden?

Umiker: Die Idee hinter Balluun war es, digitale B2B-Plattformen zu schaffen, auf denen eine gesamte  Branche zusammenkommt, das heisst sich austauscht und Geschäfte abschliesst. Es ist ein bisschen wie eine Mischung aus Facebook und Amazon. Mit unserem Service ist es möglich, dass Messeveranstalter und Unternehmen ihren eigenen digitalen Online-Marktplatz mit einem integrierten, sozialen Netzwerk einrichten.

Wie funktioniert die Plattform?

Umiker: Eine von Balluun digitalisierte Plattform hat im Wesentlichen fünf Funktionen: Der digitale Showroom, das Netzwerk, die Kommunikation, das Finden von Produkten sowie die Transaktionsebene. Mit diesen Funktionen können Aussteller ihren eigenen Onlineshop erstellen, um ihre Produkte das ganze Jahr über Einkäufern zu präsentieren, Kontakte knüpfen, um schon vor der Messe Meetings zu planen, sich über private Nachrichten austauschen, auf dem Laufenden bleiben und den Kaufvorgang bis hin zum Abschluss durchführen.

An wen richtet sich Balluun in erster Linie?

Umiker: Allen voran natürlich an Messeveranstalter von B2B-Messen. In einem zweiten Schritt profitieren neben den grossen Konzernen vor allem auch KMU. Balluun ist grundsätzlich für alle Branchen konzipiert.

Wo sind die Vorteile für KMU?

Umiker: KMU profitieren davon, dass auf der digitalen Plattform die gesamte Branche versammelt ist. Hier erreichen auch kleinere Unternehmen mit einem geringen finanziellen Aufwand eine grosse Zielgruppe. Der Service kostet CHF 100 bis 300 im Monat, zusätzlich können die Unternehmen Werbung auf der Plattform schalten, die dann – ähnlich wie auf Facebook – auf der Startseite erscheint. Der Service ermöglicht Unternehmen die Erweiterung ihrer Kundenansprache über die zeitlichen und physischen Grenzen einer Messe - oder auch über bestehende physische Vertriebsstrukturen - hinaus.

Wie hat sich das Messeumfeld in den letzten Jahren verändert?

Umiker: Die Digitalisierung schreitet stetig voran und übernimmt zunehmend klassische Funktionalitäten von Messen und setzt diese dadurch unter Druck. Um dauerhaft auf dem Markt bestehen zu können und um das physische Messegeschäft zu stärken, müssen Messen deshalb in die digitale Welt expandieren und sich neue, digitale Geschäftsfelder erschliessen.

Wie hat sich Balluun seit der Gründung entwickelt?

Umiker: Zu Beginn konzentrierten wir uns vor allem auf die Entwicklung unseres Produktes und haben mit Balluun 365 eine Software-Anwendung geschaffen. Im Anschluss daran konnten wir strategische Partnerschaften mit Messeveranstaltern in den USA schliessen, wie mit Advanstar Global - unter anderem Veranstalter der grössten Modemesse der Welt, der Magic Las Vegas. Inzwischen investieren wir zunehmend in die Bereiche Marketing und Sales, mit dem Ziel, die internationale Expansion voranzutreiben. Im letzten Jahr ist es uns unter anderem gelungen, mit der Messe Stuttgart die erste deutsche Messegesellschaft an Land zu ziehen.

Informationen

Zur Person/Firma

Patric Umiker, Verantwortlicher für den europäischen Markt bei dem Zürcher Startup Balluun

Patric Umiker ist gelernter Immobilienvermittler. Bei einer Zürcher Immobilienfirma war er mehrere Jahre im Bereich Vermarktung als Teamleiter tätig. Anschliessend betreute er verschiedene Projekte im Bereich Fundraising bei der Investmentfirma Saventis. Seit Anfang 2015 arbeitet er bei Balluun, wo er als Costumer Relations – und Produktmanager für den Europäischen Markt zuständig ist.

Letzte Änderung 16.12.2015

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