"Wir wollen den Besuch auf dem Bauernhof zu einem Erlebnis machen"

Mit dem Anbau von Obst und Gemüse kann man zugleich einen Rahmen für Familien- oder Betriebsausflüge schaffen. Das ist das Konzept des Zürcher Unternehmens Jucker Farm.

Für einen Landwirt ist es nicht immer leicht, seine geschäftlichen Aktivitäten zu diversifizieren. Möglichkeiten gibt es allerdings zuhauf, besonders im Veranstaltungs- und Eventbereich. Diesen Weg wählte Martin Jucker, Mitgründer des Unternehmens Jucker Farm. Er erzählt uns, wie alles entstanden ist. Ein Interview.

Könnten Sie uns bitte Ihr Geschäftsmodell beschreiben?

Martin Jucker: Wir leiten drei verschiedene Bauernhöfe in Seegräben (ZH), Rapperswil-Jona (SG) und Rafz (ZH). Die ersten beiden sind mittlerweile beliebte Ausflugsziele für Familien und Unternehmen. Auf unserem Hof in Rafz produzieren wir viel Obst und Gemüse, vor allem Spargeln und Kürbisse, die wir in unseren Hofläden und an Grosshändler in der Region Zürich verkaufen. Unsere Kürbisse werden in der ganzen Schweiz konsumiert: Knapp die Hälfte aller in der Schweiz gekauften Kürbisse werden an unserem Standort in Rafz produziert. Unsere hausgemachten Produkte werden nicht nur verkauft, sondern auch in unseren Restaurants verwendet, die sich bei den 600 Firmenevents und Seminaren, welche jedes Jahr auf unseren Höfen stattfinden, auch um das Catering kümmern. Der Kern unseres Geschäftsmodells besteht darin, den Besuch auf dem Bauernhof zu einem ganzheitlichen Erlebnis zu machen.

Was heisst das genau?

Jucker: Die Besucher essen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die wir produzieren, und lernen dabei auch die Anbauverfahren der Obst- und Gemüsesorten kennen, zum Beispiel, indem sie die Früchte selbst pflücken.

Wie sind Sie darauf gekommen, die Landwirtschaft mit solchen Erlebnis-Elementen zu kombinieren?

Jucker: Unsere Höfe in ihrer heutigen Form sind das Ergebnis vieler verschiedener Ideen, von denen einige funktioniert haben und andere nicht. Wirklich begonnen hat alles 1997 mit dem Kürbisanbau. Wir waren auf der Suche nach einer neuen Anbaufrucht und haben dabei eine sehr gute Wahl getroffen: Kürbisse sind nämlich auch optisch sehr ansprechend und auf dem Gelände einer Farm ein echter Hingucker. Also beschlossen wir, eine Kürbisausstellung zu veranstalten, die unseren Besuchern sehr gut gefiel. Über die Jahre merkten wir, dass die Nachfrage und der Wunsch der Leute, auf den Hof zu kommen, sehr gross waren. Daher haben wir unser Angebot in diese Richtung weiterentwickelt.

Was waren die wichtigsten Etappen in der Entwicklung Ihrer Erlebnisbauernhöfe?

Jucker: Die Initialzündung kam durch unsere damalige Kürbisausstellung. Dann haben wir ein Hofrestaurant aufgebaut und einige Jahre später mit unseren Firmenevents begonnen. Zu unseren Kunden gehören heute Grossunternehmen wie Sunrise, Swiss oder Huber+Suhner, aber auch KMU mit 15 bis 50 Mitarbeitern. Eine solche Veranstaltung kann ein einmal jährlich stattfindendes Essen sein, ein Ausflug mit den Kunden oder ein eintägiges Seminar mit bis zu 80 Teilnehmern. Wir bieten auch Rahmenprogramme wie die "Bauernhof-Olympiade" oder Backworkshops an. 2013 kam ein neues Angebot hinzu: ein Irrgarten für Kinder, der in einer Apfelbaumplantage angelegt wurde. Und 2014 haben wir erstmals unser "Strohfestival" gefeiert, das aus einer Ausstellung mit Figuren aus Stroh und verschiedenen Getreidearten bestand. Wir planen, es von nun an jedes Jahr zu veranstalten und das Konzept weiterzuentwickeln.

Was waren die grössten Schwierigkeiten, auf die Sie in Ihrer Unternehmerlaufbahn gestossen sind?

Jucker: Es war nicht einfach, neue Wege zu finden, wie man den Beruf des Landwirts gestalten kann: der Landwirtschaftssektor ist in der Schweiz extrem reglementiert und bürokratisch. Die Arbeit ist mit unheimlich vielen administrativen Formalitäten verbunden.

Wie viele Beschäftigte haben Sie?

Jucker: Das ganze Jahr hindurch arbeiten rund 150 Menschen in unseren Betrieben. Während der Obst- und Gemüseernte sind es noch mehr. Die Ernte ist auf alle Jahreszeiten verteilt: Nüsslisalat im Winter, Spargeln von April bis Juni, dann die Kirschen, Erdbeeren, Blaubeeren, Äpfel und im Herbst die Kürbisse.

Wie viele Kunden hatten Sie im letzten Jahr bei sich zu Gast und wie hoch war Ihr Umsatz?

Jucker: Wir möchten lieber keine konkreten Zahlen nennen. Ich würde es so ausdrücken: Wir haben genug Besucher, um unsere Höfe kontinuierlich auszubauen, und sind mit unseren Ergebnissen zufrieden.

Was kostet ein Firmenevent?

Jucker: Das ist vom Budget des Kunden, vom Datum und vom Programm abhängig. In der Regel kann man mit CHF 130 pro Person etwas sehr Schönes auf die Beine stellen.

Welche Entwicklungen konnten Sie in den letzten Jahren auf dem Schweizer Nahrungsmittelmarkt beobachten?

Jucker: Ich würde sagen, dass wir es mit einem immer stärker werdenden Trend zum Konsum von regionaltypischen Gerichten zu tun haben, selbst bei den grossen Handelsketten. Das bestärkt uns in unserer Strategie, möglichst viele hausgemachte Produkte zu verkaufen.

Eine letzte Frage: Was würden Sie einem jungen Unternehmer raten, der heute in der Schweiz eine Firma gründen will?

Jucker: Den Mut zu haben, seine Ideen auszuprobieren und Fehler zu machen. Aber wir sind wohlgemerkt Unternehmer und keine Berater!


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Martin Jucker, Mitgründer des Unternehmens Jucker Farm

Martin Jucker wurde 1972 geboren und wuchs in Seegräben (ZH) auf. Nach einer Lehre als Obstbauer an der Landwirtschaftsschule "Strickhof" und Weiterbildungen in Betriebswirtschaft und Marketing gründete er 1997 mit seinem Vater und seinem Bruder Beat das Unternehmen Jucker Farm.

Letzte Änderung 27.09.2019

Zum Seitenanfang

https://www.kmu.admin.ch/content/kmu/de/home/aktuell/interviews/2014/wir-wollen-den-besuch-auf-dem-bauernhof-zu-einem-erlebnis-machen.html