"Man braucht gemeinsame Ideale"

Das Leben als Paar mit der gemeinsamen Leitung eines Unternehmens zu vereinbaren, ist kein Kinderspiel. Dennoch bietet dieses Modell einige Vorteile, wie Bettina Plattner-Gerber, Co-Autorin eines Handbuchs zu diesem Thema, erklärt.

In der Landwirtschaft und der Gastronomie, aber auch in der Architektur oder im medizinischen Bereich gibt es viele Männer und Frauen, die nicht nur privat zusammenleben, sondern auch als Firmenleitung ein Paar sind. Für nicht wenige Menschen ist die Vorstellung, ihr Berufsleben mit dem Partner oder der Partnerin zu teilen, eher abschreckend, doch wenn ein Paar gemeinsam ein KMU führt, überwiegen die Vorteile eindeutig die damit verbundenen Risiken. So lautet das Fazit von Bettina Plattner-Gerber, die gemeinsam mit Lianne Fravi das Handbuch "Wenn Paare Unternehmen führen" (Kösel-Verlag 2013) geschrieben hat. Allerdings muss man sich sehr gut organisieren können und wissen, welche Stolpersteine auf dem Weg zum Erfolg warten.

In welchen Branchen kommt es besonders häufig vor, dass ein Unternehmen von einem Paar geleitet wird?

Bettina Plattner-Gerber: Die Unternehmensführung durch Paare ist bei kleinen und mittleren Unternehmen aller Wirtschaftszweige zu finden, besonders häufig jedoch im Tourismus, im Kleingewerbe und Handwerk sowie in der Landwirtschaft, dem Klassiker dieses Modells. Darüber hinaus gibt es aber auch Bildungsinstitutionen, Abteilungen von Universitätskliniken oder grosse Forschungs- oder Kulturprojekte, die ein Paar an ihrer Spitze haben. Und dann gibt es diese Konstellation noch in künstlerischen oder kreativen Berufen, zum Beispiel bei Architekturbüros, Galerien oder Kommunikationsagenturen. Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit für dieses Führungsmodell umso höher, je kleiner das Unternehmen ist. Es gibt allerdings auch Ausnahmen. In unserem Buch ist die Geschichte eines Paares zu lesen, das ein international tätiges Unternehmen im Hochtechnologiesektor mit über 500 Beschäftigten leitet.

Welche Vorteile kann ein solches Führungsduo für ein Unternehmen mit sich bringen?

Plattner-Gerber: Als konkrete Vorteile sehe ich in erster Linie die typischerweise starke Identifikation mit dem Unternehmen und das dadurch überdurchschnittliche Engagement. Ein CEO kann sich leicht für einen Firmenwechsel entscheiden, wenn er ein interessantes Angebot erhält, aber ein Paar ist emotional stärker involviert und weniger volatil, was für das Unternehmen eine grosse Stabilität bedeutet. Paare verkörpern die Fähigkeit, Schwierigkeiten auszusitzen und sind dadurch bei Finanzierungsfragen im Vorteil. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass eine mögliche Trennung das Projekt oder den Fortbestand des Unternehmens sehr gefährden kann. Das ist immer ein zweischneidiges Schwert. Unterm Strich ergibt sich aus dem Duo ein klarer Mehrwert, eine Art Bonus wie bei einer "3 zum Preis von 2"-Aktion im Supermarkt. Kompetenz, Erfahrung und Know-how werden im Doppelpack eingebracht, wodurch aber die effektive Leistung von mindestens drei Personen entsteht. Das gemeinsame berufliche Engagement kann auch für die Paarbeziehung ein grosser Gewinn sein.

Männer und Frauen arbeiten oft auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Wie kann die Unternehmensführung von dieser Verschiedenheit profitieren?

Plattner-Gerber: Das ist eines der zentralen Themen. Bei den meisten Paaren sind die beiden Persönlichkeiten, die Kompetenzen, aber auch Logik und Systematik sehr verschieden, und dennoch haben sie ganz klar ein gemeinsames Ideal, welches sie zusammengeführt hat. Für eine Firma ist das eine sehr wertvolle Ressource. Auch der Kommunikationsstil von Mann und Frau ist oft sehr unterschiedlich. Etwas klischeehaft ausgedrückt heisst das, dass das männliche Denksystem eher die Sache und das weibliche eher die Beziehung in den Vordergrund stellt. Im operativen Alltag heisst das, dass durch die Mann/Frau-Konstellation sowohl die Sach- als auch die zwischenmenschlichen Aspekte optimal abgedeckt werden. Diese grundlegend unterschiedlichen Denk- und Handlungssysteme stellen für das Management einen erheblichen Strategievorteil und eine grosse Stärke dar.

Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass es in der Firma oder in der Beziehung zu Krisen kommt. Wie kann man solche Situationen am besten bewältigen?

Plattner-Gerber: Egal ob es um die Firma oder die Beziehung geht - ich halte es für extrem wichtig, dass man sich Hilfe von aussen holt. Wenn es in einer Beziehung Schwierigkeiten gibt, dreht man sich schnell im Kreis und bleibt immer wieder an denselben Problemen hängen. Daher rate ich dazu, eine dritte Person hinzuzuziehen. Wir rennen bei jedem Wehwehchen zum Arzt, aber gegen die Idee, sich von einem Therapeuten oder Coach unterstützen zu lassen, sträuben wir uns. Dabei kann ein professioneller Blick von aussen einem Führungspaar wirklich helfen. Je nach Fragestellung kann diese Aufgabe ein Unternehmensberater, ein Mitglied des Verwaltungsrates oder ein Psychologe wahrnehmen.

Was würden Sie einem Paar empfehlen, das die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens plant?

Plattner-Gerber: Man muss sich sicher sein, dass man ähnliche Erwartungen an das Leben hat und die gleichen Ideale teilt. Wenn das geklärt ist, wird man immer Mittel und Wege finden, um die Herausforderungen auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel zu bewältigen. Wenn gemeinsame Werte fehlen, wird es dagegen immer zu Spannungen kommen, sowohl im Beruf als auch im Familienleben. Die gemeinsame Vision ist ein Element, das in vielen Fragen der Unternehmensführung zum Tragen kommt. Wenn mein Mann und ich dieselben Visionen und Ziele verfolgen, werden wir uns bei der Auswahl eines neuen Mitarbeiters leicht einigen können. Ist das nicht der Fall, wird es Diskussionen geben, wodurch viel Zeit verloren geht. Die Erfolgsstrategie besteht zu einem grossen Teil in dieser gemeinsamen Vision, der man sich als Paar verschrieben hat.

Wie ist Ihr Projekt entstanden, ein Handbuch für Paare in der Unternehmensführung herauszugeben?

Plattner-Gerber: Ich arbeite selbst seit bald 25 Jahren mit meinem Mann zusammen. Als Hoteldirektionspaar mussten wir natürlich zahlreiche Hürden überwinden. Das hat uns als Paar zusammengeschweisst und zu einer sehr fruchtbaren Teamarbeit geführt. Ich fand diesen Aspekt des Managements also schon immer sehr interessant, aber als ich die Frage genauer untersuchen wollte, stellte ich fest, dass es zu diesem Thema überhaupt keine Fachliteratur gibt. 2010 lernte ich Lianne Fravi kennen, als sie eine Studie über den privaten und beruflichen Beziehungsalltag von Hotelfrauen verfasste. Als die Idee zu diesem Buch aufkam, schlug ich ihr vor, dass wir es gemeinsam schreiben könnten. Ausserdem haben wir uns auf die Aussagen vieler Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Psychologie und Kommunikation gestützt und natürlich auf die Erfahrungsberichte der zwölf Managerpaare, die wir interviewt haben. So enthält unser Handbuch nun sowohl die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema als auch praktische Tipps, die jedes Paar, das ein Unternehmen führt, selbst anwenden kann.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Bettina Plattner-Gerber, Co-Autorin des Handbuchs «Wenn Paare Unternehmen führen», Kösel-Verlag 2013

Bettina Plattner-Gerber absolvierte die Hotelfachschule in Lausanne (EHL) und bildet seit 25 Jahren mit ihrem Ehemann Richard ein Führungsduo. Nachdem die beiden verschiedene Hotels in Graubünden unter ihrer Leitung hatten, gründeten sie 2010 die Firma Plattner & Plattner. Derzeit entwickeln sie das Konzept "Alpine Lodging", welches die Vermietung von Ferienwohnungen mit massgeschneiderten Dienstleistungen kombiniert.

Letzte Änderung 27.09.2019

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