"KMU sollten keine Scheu haben, ins Exportgeschäft einzusteigen"

Mit finanzielle Hilfsmitteln wie Akkreditiven oder Factoring können Transaktionen abgesichert werden, die im Rahmen des internationalen Warenverkehrs zu tätigen sind. Urs P. Gauch stellt die einzelnen Lösungen vor, welche den Exportunternehmen für den Zahlungsverkehr zur Verfügung stehen.

Ein gängiger Spruch besagt, dass die Schweiz beinahe jeden zweiten Franken im Ausland einnimmt. Die Aussage gilt heute mehr denn je, da sich immer mehr interessante Exportmärkte für Schweizer Unternehmen öffnen. Damit die Transaktionen mit im Ausland ansässigen Kunden reibungslos verlaufen, bieten die Banken den Unternehmen im Import-Export-Geschäft verschiedene Lösungen für den internationalen Zahlungsverkehr an. Urs P. Gauch, der bei der Credit Suisse das KMU-Geschäft Schweiz leitet, erklärt, wie diese Instrumente, die Sicherheit bei grenzüberschreitenden Geschäften bieten sollen, funktionieren.

Wie lautet Ihre Analyse der aktuellen Situation für die Schweizer Exporte?

Urs P. Gauch: Entgegen diverser Prognosen ist die Lage im Exportgeschäft derzeit gut. Insbesondere der Pharmaziesektor, die chemische Industrie, der Dienstleistungssektor und die Konsumgüterindustrie erleben einen Aufwärtstrend. Man muss dazu sagen, dass die Situation derzeit von einer weltwirtschaftlichen Erholung getragen ist, zum Beispiel von den USA oder auch von Deutschland und Italien, die wieder eine hohe Dynamik aufweisen. Eine leichte Abkühlung gibt es bei den Exporten nach Asien und besonders nach China, wo das Wirtschaftswachstum abgeschwächt ist.

Auf welche Schwierigkeiten können Schweizer Unternehmen, die Güter oder Dienstleistungen exportieren, heute stossen?

Gauch: Die Exportwirtschaft in der Schweiz ist erfolgreich und sehr erfahren. Unsere Kunden berichten manchmal von Problemen im Zusammenhang mit Lieferungen oder Zollabgaben, aber das sind Einzelfälle. Als die Bank für Unternehmer erachten wir die Währungsabsicherung als wichtiges Thema. Da die Exportgüter nicht immer in Schweizer Franken fakturiert werden können, sind Wechselkursschwankungen ein potenzielles Risiko, gegen das sich ein Unternehmen absichern sollte. Zu den weiteren Dienstleistungen, die wir den Exportunternehmen anbieten, gehören Lösungen für den internationalen Zahlungsverkehr wie Akkreditive oder Factoring. Letzteres ist ein Angebot, das dem Unternehmen sofortige Liquidität ermöglicht, indem es seine Forderungen an die Bank verkauft.

Könnten Sie erklären, wie ein Akkreditiv funktioniert?

Gauch: Der Akkreditiv minimiert das Zahlungsrisiko und war ursprünglich für sehr umfangreiche Warenexporte vorgesehen, kann aber auch für kleinere Lieferungen genutzt werden. Es handelt sich um ein Dokument, mit dem sich die Bank des Käufers unwiderruflich verpflichtet, dem Verkäufer gegen den Nachweis, dass die Ware versandt wurde, einen bestimmten Betrag zu zahlen. Konkret bittet der Verkäufer zunächst den in einem Drittland ansässigen Käufer, ein Akkreditiv zu unterzeichnen. Anschliessend übermittelt uns die Bank des Käufers dieses Dokument, das unserem Kunden garantiert, dass er sein Geld erhalten wird, wenn er seine Ware geliefert hat. Wir selbst sind auf diesem Markt sehr aktiv; im letzten Jahr hat die Credit Suisse mehr als 42'000 solcher Transaktionen durchgeführt. Dieses Instrument wird auch im Handel mit Rohstoffen eingesetzt, wo die Schweiz mit den Standorten Zug und Genf zu den wichtigsten Akteuren im Markt zählt.

Ein anderes Finanzierungsinstrument für exportorientierte KMU ist die sogenannte "Supply-Chain-Finanzierung" ("Finanzierung der Lieferkette"). An wen richtet sich dieses Angebot?

Gauch: Diese Leistung ist vor allem für sehr grosse global agierende Unternehmen gedacht. So können zum Beispiel Automobilhersteller eine Bestellung und ihre Bereitschaft, den Lieferanten zu bezahlen, bestätigen. Dieser Vertrag dient der Bank nach der Unterzeichnung als Garantie, um dem Verkäufer die Finanzierung zur Verfügung stellen zu können, welche dieser für die Herstellung seiner Produkte benötigt..In der Schweiz wird die "Supply-Chain-Finanzierung" relativ selten genutzt, da hierzulande ausreichende Bankfinanzierungen zu günstigen Bedingungen erhältlich sind..Das Instrument kommt eher in den Schwellenländern zum Einsatz, wo weniger Finanzierung vorhanden ist und zudem mit hohen Kosten verbunden.

Was würden Sie Unternehmerinnen und Unternehmern raten, die im Import oder Export von Waren aktiv werden wollen?

Gauch: Die Schweizer Unternehmer sind so gut unterwegs, dass es schwierig ist, als Bank Tipps zu geben. Sagen lässt sich, dass die Schweizer KMU keine Scheu haben sollten, ins Exportgeschäft einzusteigen. Viele von ihnen sollten diesen Schritt deutlich früher wagen. Ein Unternehmer muss nicht erst 50 oder 100 Angestellte haben, um seine Produkte zu exportieren. Das kann mit weniger Mitarbeitenden genauso gut gehen. Zudem gibt es von unserem langjährigen Partner Switzerland Global Enterprise einen hilfreichen, kostenlosen Check-up. Experten beurteilen dort, wo das Unternehmen steht und wo es bezüglich Exporttätigkeit noch Handlungsbedarf gibt. Der dritte wichtige Punkt betrifft die Diversifizierung der Exportmärkte. Ich denke, dass die meisten Exportunternehmen heute wissen, dass sie sich nicht mit einem Primärmarkt begnügen können, egal ob es sich um Deutschland, Frankreich oder Italien handelt. Es ist wichtig, dass sich ein Unternehmer so früh wie möglich damit beschäftigt, welche Länder als Sekundärmärkte in Frage kommen.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Urs P. Gauch, Leiter für das KMU-Geschäft Schweiz bei der Credit Suisse

Urs P. Gauch ist seit mehr als 25 Jahren im Firmenkundengeschäft der Credit Suisse tätig. Seit 1. Januar 2013 leitet er das KMU-Geschäft Schweiz, wo er für eine Klientel von mehr als 100'000 Unternehmen zuständig ist. Er hat an der Fachhochschule Bern ein Studium in Betriebsökonomie absolviert und anschliessend weitere Abschlüsse an der Swiss Banking School in Zürich, der Harvard Business School in Boston sowie am IMD Lausanne erworben.

Letzte Änderung 27.09.2019

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