"Ein Geschenk kann die Wertschätzung genau so gut ausdrücken wie eine Prämie"

In den Schweizer Unternehmen gibt es eine immer grössere Vielfalt an Gratifikationen. Sie sind ein gutes Mittel für die Arbeitgebenden, die Motivation der Mitarbeitenden und den Zusammenhalt im Team zu fördern.

Die Feiertage zum Jahresende rücken immer näher. Wie sieht es da mit den Geschenken und Prämien in den Schweizer Unternehmen aus? Aus Sicht von Urs Suter, Experte für Salärfragen im Studienzentrum für Wirtschaftsprojekte (Cepec) in Lausanne, sind Geschenke ein gutes Mittel, um die Motivation und den Zusammenhalt in einem Team zu fördern, sofern sie persönlich sind und mit den Leistungen der Mitarbeitenden in einem Zusammenhang stehen. Ein Interview.

Neigen KMU dazu, zum Jahresende mehr Geschenke oder andere Sachleistungen zu offerieren, wie es auch in Grossunternehmen üblich ist?

Urs Suter: Ich würde eher sagen, dass die Zahl und die Vielfalt der Geschenke zunimmt, zum Beispiel Fachbücher, Reisegutscheine oder ein Aufenthalt in einem Wellness-Hotel. Einige Unternehmen nehmen sogar entsprechende Dienstleister in Anspruch, die sich um die Auswahl von Geschenken für die Mitarbeitenden kümmern. Zum Jahresende überreichen die meisten Firmen Geschenke zusätzlich zu einer Gratifikation oder einer Bonuszahlung. Aber Geschenke können am Ende eines grossen Projekts auch an die Stelle einer Prämie treten: Mit ihnen kann ein Arbeitgeber seine Wertschätzung ebenso gut ausdrücken wie mit Geldprämien.

Welche Vor- und Nachteile entstehen den Arbeitnehmenden in steuerlicher Hinsicht?

Suter: Bei anlassbezogenen Geschenken von begrenztem Wert können sich Steuervorteile ergeben. Handelt es sich hingegen um regelmässige Geschenke, die in gewisser Weise eine Gratifikation ersetzen, so unterliegen sie im Hinblick auf die Steuern und die AHV denselben Regeln wie der Lohn.

Sind Geschenke gut geeignet, um ein Team zusammenzuschweissen oder die Motivation der Beschäftigten zu erhöhen?

Suter: Wenn das Geschenk eine direkte Verbindung mit der Firmentätigkeit aufweist, kann die Gruppe auf diesem Weg enger zusammenwachsen. Aber diese Art von Geschenk hat sich nach einigen Jahren erschöpft. Ein anderes wirksames Mittel für echten Teamgeist besteht darin, einfach nach dem Zuschlag für ein grosses Projekt oder nach dem Erreichen eines wichtigen Meilensteins in einem Projekt einfach einen Apéro zu organisieren. Hierbei ist es aber wichtig, die Mitarbeitenden gleich nach dem entscheidenden Ereignis zu einer solchen Feier einzuladen und nicht bis zum Jahresende zu warten. Das ist also nicht als Ersatz für ein Weihnachtsessen geeignet.

Welche Geschenke sind besonders empfehlenswert, wenn ein Arbeitgeber will, dass die Beschäftigten in einem KMU motiviert bleiben?

Suter: Zum Jahresende werden bekanntlich sehr häufig Bücher verschenkt. Irgendwann nervt es aber, wenn man jedes Jahr ein Buch bekommt, das man sich nie selbst gekauft hätte... Um die Mitarbeitenden mit einem Geschenk zu motivieren, muss man sie relativ gut kennen und Zeit haben, in einem Geschäft persönliche Geschenke zu kaufen. Im Gegensatz dazu ist es nicht zu empfehlen, der gesamten Belegschaft Einkaufsgutscheine zu schenken, und das wird auch kaum zu einer Stärkung des Teamgeistes führen.

Meinen Sie nicht, dass ein Geschenk mitunter von den Unternehmen dazu benutzt wird, die Zahlung eines 13. Monatslohns, einer Prämie oder einer Lohnerhöhung zu umgehen?

Suter: Auf längere Sicht ist eine solche Politik zum Scheitern verurteilt. Geschenke können eine Prämie ersetzen, nicht aber einen 13. Monatslohn oder eine Lohnerhöhung. Die Beschäftigten werden rasch merken, dass ein Geschenk beispielsweise von den Versicherungen oder der Pensionskasse nicht berücksichtigt wird. Darüber hinaus werden alle ahnen, dass der Arbeitgeber auf diesem Weg vor allem Geld sparen will.

Dann kann es also letztlich kontraproduktiv sein, Mitarbeitenden ein Geschenk zu machen, wenn diese eigentlich mit einer solchen Gratifikation rechnen ...

Suter: Ja, aus den eben genannten Gründen kann es äusserst kontraproduktiv sein, anstelle einer Lohnerhöhung oder eines 13. Monatslohns ein Geschenk zu überreichen.

Wäre es nicht das Beste, eine Bonuszahlung mit einem Geschenk zu kombinieren?

Suter: Ganz richtig, das wäre ideal, sofern es sich um ein persönliches Geschenk handelt.

Welchen allgemeinen Rat zu diesem Thema würden Sie einem KMU-Chef oder einem Jungunternehmer geben?

Suter: Meiner Meinung nach ist der wichtigste Faktor, dass sich ein Chef in allen Bereichen wie ein Chef oder ein Unternehmer verhält und nicht wie ein von aussen kommender Manager oder CEO. Das gilt auch im Hinblick auf die Kosten. Ein Chef kann nicht glaubhaft mit seinen Führungskräften, Kunden oder Freunden auf Rechnung der Firma in einem Restaurant einen Château Pétrus oder einen Lafite Rothschild trinken, wenn die Geschäfte schlecht laufen. Das gleiche Problem stellt sich, wenn er beschliesst, die Löhne der Mitarbeitenden zu kürzen, und sich selbst eine unverändert hohe Vergütung auszahlt. Solche Fehler lassen sich durch ein Geschenk niemals ausgleichen, selbst wenn es persönlich ist. Abgesehen davon ist es nicht zwingend notwendig, schon bei der Firmengründung ein ausgefeiltes Bonussystem einzurichten, selbst wenn es mittelfristig sehr ratsam ist, ein Bonussystem mit klaren Regeln und genau definierten Zielen zu entwickeln. So lange der Chef oder der Inhaber eines Unternehmens die Leistung jedes einzelnen Teammitglieds beurteilen kann, kann er mit Bedacht auf der Grundlage seines eigenen Urteils und seiner Einschätzung leistungsabhängige Gratifikationen gewähren.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Urs Suter, Experte für Salärfragen im Studienzentrum für Wirtschaftsprojekte (Cepec) in Lausanne

Urs Suter verbrachte seine Jugend in Wald im Zürcher Oberland und schloss an der Universität Zürich ein Lizenziat in Rechtswissenschaften ab. Nach den ersten Berufsjahren in der Lebensversicherungsbranche wandte er sich dem Bereich Human Resources zu, insbesondere innerhalb der Firma Cerberus, die heute zum Siemens-Konzern gehört. Seit 2005 arbeitet er als Berater mit Schwerpunkt Salärfragen für das Cepec, ein Studienzentrum in Lausanne. Darüber hinaus berät er in seinem eigenen Unternehmen, BrainConnection Suter+Partner, KMU auf den Gebieten HR und Arbeitsrecht.  

Letzte Änderung 27.09.2019

Zum Seitenanfang

https://www.kmu.admin.ch/content/kmu/de/home/aktuell/interviews/2014/geschenk-kann-wertschaetzung-genau-so-gut-ausdruecken-praemie.html