"Freie Software bietet klare Vorteile"

Alle KMU können von Open-Source-Programmen profitieren. Pascal Gasser, CEO der IT-Beratung Ganesh Consulting, informiert über diese innovativen und kostenlosen Software-Angebote.

Für KMU gibt es eine Alternative zu kostenpflichtigen IT-Programmen: Freie Software oder Open-Source-Programme, die den Firmen erhebliche Vorteile bringen können. Neben der Tatsache, dass sie nichts kosten, "sind sie häufig auf einem besseren Entwicklungsstand und werden im Vergleich zu einer kostenpflichtigen Software mit geringerer Wahrscheinlichkeit von den Entwicklern wieder eingestellt", meint Pascal Gasser, Gründer der IT-Beratungsfirma Ganesh Consulting in Vevey.

Aus Sicht des Experten bieten Open-Source-Programme darüber hinaus mehr Sicherheit, da sie von einer grossen Gemeinschaft von Softwareentwicklern getragen werden, die dafür sorgen, dass allfällige Schwachstellen im System schnell behoben werden. Langfristig können die tatsächlichen Kosten für eine freie Software aufgrund der Wartungskosten manchmal aber genau so hoch sein wie die eines kommerziellen Produkts. Ein Interview.

Welche Vorteile hat ein KMU, wenn es eine Open-Source-Software verwendet?

Pascal Gasser: Zum einen sind die Programme natürlich gratis, aber das ist nicht alles. Ein wesentlicher Vorteil von freier Software ist die Kontinuität, die bei kommerziellen Produkten nicht gewährleistet ist. Diese können jederzeit vom Entwickler eingestellt werden, selbst wenn weltweit mehrere Millionen Menschen das Programm benutzen. Das kann zum Beispiel passieren, wenn die Software nicht mehr genug Gewinn bringt oder wenn die herausgebende Firma von einer anderen übernommen wird.

Darüber hinaus haben die freien Programme den Vorteil, dass sie häufig einen höheren Perfektionsgrad erreichen. Da die Quellcodes offen zugänglich sind, gibt es eine sehr grosse Entwickler-Community, die sich um häufige Updates kümmert. So gibt es beispielsweise alle zwei Monate eine aktualisierte Version von WordPress, einem System zur Verwaltung von Website-Inhalten. Und bei Problemen kann man sich leichter Hilfe suchen, da es im Internet sehr viele Foren rund um diese Programme gibt.

Ausserdem werden viele Open-Source-Programme von Firmen entwickelt, die auch eine kommerzielle Version der Software anbieten. Das gilt unter anderem für zahlreiche Business Management Software im Bereich ERP (Enterprise-Resource-Planning, Anm. d. R.). In dem Fall ist es also möglich, sich bei Supportanfragen an die herausgebende Firma zu wenden.

Und mit welchen Nachteilen muss man andererseits bei den freien Programmen rechnen?

Gasser: Der Nutzer erhält weniger Begleitung: Er muss verstärkt selbst nach den Informationen zu dieser Software suchen. Die Implementierung in einem Unternehmen ist bei einer solchen Software komplizierter als bei einer kostenpflichtigen Version. Deshalb ist es notwendig, dass man intern auf gut ausgebildete Informatiker zählen kann. Man muss sich bewusst machen, dass die eingesparten Lizenzgebühren anschliessend häufig in die Bereiche IT-Engineering und Personal investiert werden müssen.

Wie kann man sich vergewissern, dass eine freie Software auch vertrauenswürdig ist?

Gasser: Im Vorfeld sollte man einige Nachforschungen anstellen. Ich rate insbesondere dazu, sich die Historie der Programmversionen, die Anzahl der Plugins und die Zahl der Suchergebnisse zu dieser Software bei Google anzusehen.

Wie kann man Probleme bei der Kompatibilität mit kostenpflichtigen Programmen lösen?

Gasser: Alles hängt davon ab, ob das kommerzielle Produkt offen einsehbar ist oder nicht. Einige sind eine richtige Black Box. In dem Fall ist es unmöglich, Anpassungen vorzunehmen, um die Kompatibilität zu gewährleisten. Bei den anderen Programmen kann man immer eine Lösung finden. Das kann allerdings eine Weile dauern.

Welche KMU können aus Open-Source-Software den grössten Nutzen ziehen?

Gasser: Eigentlich können die allermeisten davon profitieren. Im Moment ist es einfach so, dass kleine Firmen, die keine eigenen Informatiker beschäftigen, eher Programme kaufen, was häufig durch einen Mangel an Informationen begründet ist. Dennoch gibt es einige Einschränkungen. Freie Software wird selten für eine bestimmte geographische Region entwickelt. Daher wird zum Beispiel eine Buchhaltungssoftware nicht an die Schweizer Standards angepasst sein. Das Unternehmen muss sich dann also ein kostenpflichtiges Programm wie WinBiz zulegen. Hinzu kommt, dass es von einigen sehr speziellen Anwendungen, die beispielsweise in einer Zahnarztpraxis benötigt werden, ganz einfach keine freie Version gibt.

Welche Open-Source-Programme sind gegenwärtig am interessantesten?

Gasser: Ein KMU, das die Grundfunktionen von Excel und Word benötigt, ist mit einer Alternative wie LibreOffice aus meiner Sicht auf der sicheren Seite. Darüber hinaus ist auch die elektronische Dokumentenverwaltung (Enterprise Content Management) in allen Unternehmen ein Thema. Hier sind die marktüblichen Programme allerdings oftmals sehr teuer. Deshalb empfehle ich auch die Software Alfresco, die sehr interessante Features bietet.

Ist die Informationssicherheit bei einer freien Software geringer?

Gasser: Anders als man vielleicht denken könnte, ist die Sicherheit genau so hoch oder sogar höher als bei einem kostenpflichtigen Programm. Da jeder Zugang zu den Quellcodes hat, können Mängel im System sehr schnell behoben werden. Die freien Programme können sich ja auf eine Entwicklergemeinschaft stützen, wie sie sich keine kommerzielle Firma jemals leisten könnte. Das ist ein Pluspunkt, der nicht von der Hand zu weisen ist.

Und wie findet man nun die passende freie Software?

Gasser: Man muss genau so vorgehen wie bei einer Investition für ein kostenpflichtiges Programm. Im Internet kann man sich einen Überblick verschaffen. Anschliessend sollte ein sorgfältiger Produktvergleich stattfinden, im Grunde so, als würde man zum Beispiel eine Software von SAP oder Oracle testen. Die Unternehmen sollten ihre Entscheidung jedoch nicht an den eingesparten Lizenzgebühren festmachen. Langfristig können die realen Kosten für eine freie Software in einigen Fällen aufgrund der Wartungskosten ähnlich hoch sein wie bei einem gekauften Programm.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Pascal Gasser, CEO der IT-Beratung Ganesh Consulting  in Vevey

Pascal Gasser ist 39 Jahre alt. Er hat ein Masterstudium in Informatik abgeschlossen und verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung mit freier Software, den Betriebssystemen Linux/Unix sowie mit komplexen Virtualisierungen nach dem Cloud-Prinzip. 2005 gründete er sein IT-Beratungsunternehmen Ganesh Consulting. Die Firma mit Sitz in Vevey arbeitet mit zahlreichen KMU und Grossunternehmen in der gesamten Schweiz zusammen.  

Letzte Änderung 27.09.2019

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