"In der Familie werden Entscheidungen langsamer, aber überlegter getroffen"

Die Brennerei Morand besteht seit vier Generationen. Dank ihrer stärksten Marke Williamine ist sie auch über die Schweizer Grenzen hinaus berühmt.

Die Distillerie Morand setzt weltweit Massstäbe für Obstbrände und Kräuterschnäpse aus der Schweiz. Die Firma mit Sitz in Martigny produziert jährlich mehr als 350'000 Liter Eau-de-Vie und beschäftigt derzeit 53 Mitarbeitende. Die Geschäftszweige des Familienunternehmens sind zu gleichen Teilen auf die Produktion von Branntweinen, Likören und Sirups und auf den Vertrieb von Getränken aufgeteilt. Rund 80% des Umsatzes werden in der Schweiz erzielt, hauptsächlich über die Handelsketten, aber auch über ein landesweites Netz von Grosshändlern. Der Exportmarkt besteht im Wesentlichen aus den grössten europäischen Ländern, gefolgt von Japan, China, Kanada und Russland. Das Unternehmen feiert sein 125-jähriges Bestehen und entwickelt sich unter der Leitung der vierten Generation kontinuierlich weiter. Julien Morand, Marketing-Leiter und PR-Chef, erklärt, wie die Firma heute aufgestellt ist.

Wie stark ist Ihre Familie in die Firma involviert?

Julien Morand: Sehr stark! Mein Vater Louis hat die Geschäftsführung 2007 aus der Hand gegeben. Seinen Platz an der Spitze des Verwaltungsrats hat er aber behalten. Ich bin in der Firma für die Bereiche Marketing und Public Relations zuständig. Mein Cousin, Bruno Vocat, hat die Produktionsleitung inne. Zwei weitere Familienmitglieder, Jean-Pierre Morand und Olivier Vocat, lenken das Geschehen im Verwaltungsrat. Und auch mein älterer Bruder André überwacht die Geschäftsabläufe. Die Geschäftsführung wurde hingegen 2008 von Didier Fischer übernommen, der nicht zur Familie gehört.

Welche Vorteile bringt denn ein familienexternes Management mit sich?

Morand: Didier Fischer hat frischen Wind in die Firma gebracht. Darüber hinaus konnten wir von seiner Berufserfahrung profitieren. Er kann auf einen reichen Erfahrungsschatz im Nahrungsmittelsektor und in der Entwicklung von Marken wie Cenovis zurückgreifen.

Was bedeutet es für Sie, in dem KMU zu arbeiten, das Ihre Vorfahren gegründet haben?

Morand: Das ist eine permanente Herausforderung. Bei jeder Entscheidung, die getroffen werden muss, gibt es immer wieder Diskussionen zwischen den verschiedenen Mitgliedern des Clans. Generell ist in Familienunternehmen eine gewisse Trägheit zu beobachten; Entscheidungen werden langsamer, aber oftmals überlegter getroffen. Die Schwierigkeit kommt daher, dass wir eine Geschichte haben, die es zu respektieren gilt, und dass wir zu unseren Produkten und Mitarbeitern auch eine emotionale Bindung haben. Wir wissen aber auch, dass wir uns weiterentwickeln müssen. Zugleich sind wir stolz auf unseren Betrieb und wollen ihn auch in Zukunft von Generation zu Generation weitergeben.

Was waren die Meilensteine in der Geschichte Ihrer Firma?

Morand: 1889 gründete Louis Morand die Brennerei gemeinsam mit seinem Bruder Auguste. Mit seinem Absinth-Rezept hatte er sofort Erfolg. Rasch folgten weitere Marken wie der Grand-St-Bernard, ein Likör auf der Basis von Alpenkräutern und Honig. 1921 setzte sein Sohn André das Werk fort, indem er den Vertrieb von alkoholischen und alkoholfreien Getränken weiter ausbaute. Dieser Visionär liess den Namen "Williamine" in der Schweiz und der ganzen Welt als geschütztes Warenzeichen exklusiv für Morand eintragen. Die Nachfolge trat mein Vater Louis mit seiner Schwester Colette an. Er hat das Unternehmen fünfzig Jahre lang in alle Richtungen ausgebaut, sowohl in der Schweiz als auch im Exportgeschäft: Die Williamine ist weltweit ein berühmter Klassiker unter den Obstbränden geworden.

Vor welchen aktuellen Herausforderungen steht die Firma?

Morand: Es geht darum, weiter ein fester Bestandteil der Tischkultur zu bleiben und auch in der Generation der 20- bis 40-Jährigen präsent zu sein, die in ihrer Herkunftsfamilie nicht unbedingt mit Obstbränden in Kontakt gekommen sind. Wir müssen uns also ein neues Image geben. Eine Sprache finden, die die Generation Y anspricht, das heisst diejenigen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Dafür mussten wir neue Produkte entwickeln oder die Marktführer wie Williamine oder Abricotine als Zutaten für Cocktails und Longdrinks neu präsentieren. Grosse Sorgen bereitet uns momentan die Revision des Alkoholgesetzes, da wir absolut nicht wissen, was man in Bern beschliessen wird. Zur Erinnerung: Heute wird auf eine 0,7-Liter-Flasche Williamine mit 43% Alkohol eine Alkoholsteuer von CHF 8,70 erhoben. Und das Parlament scheint fest entschlossen, diese Abgabe erhöhen zu wollen.

Wie ist es um den Spirituosen-Markt bestellt?

Morand: Die Umsätze in der Schweiz gehen weiter zurück, bedingt durch die Konkurrenz von Whisky, Wodka, Gin, Rum und Tequila, die sich immer besser verkaufen. Darüber hinaus haben sich die Konsumgewohnheiten verändert, insbesondere mit dem Inkrafttreten der 0,5-Promille-Grenze für Autofahrer. Wir haben unsere Strategie verändert, indem wir in erster Linie die Obstbauern aus dem Wallis hundertprozentig unterstützen und zudem unsere Produktion umfassend modernisiert haben. Wir haben knapp CHF 2 Millionen in die Verbesserung der Anlagen und Herstellungsverfahren investiert. So können wir zum Beispiel durch den Einbau eines Systems zur Wärmerückgewinnung über das gesamte Destillationsverfahren hinweg viel Energie sparen und umweltfreundlicher produzieren.

Wie kommunizieren Sie mit den Konsumentinnen und Konsumenten?

Morand: Was Werbung betrifft, sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt. Wir müssen innovative Lösungen finden, um die Leute gesetzeskonform zu informieren. Unser Ziel ist, dass unsere Getränke auf den Tischen präsent bleiben. Um sich den Kundenwünschen anzupassen und das Zielpublikum zu erweitern, hat Morand zum Beispiel die neue Produktpalette Douces lanciert: Branntweine mit weniger Alkohol, die etwas gesüsst sind. Zu den weiteren neuen Richtungen gehören Getränke wie Cocktails auf Branntwein- und Likörbasis. Parallel dazu haben wir die Sparte "sWiss Cocktails" gegründet, die auch einen Cocktail-Service für Veranstaltungen anbietet. Wir machen also weniger klassische Werbung, sind aber auf vielen Veranstaltungen präsent und bringen dort unsere Produkte zur Geltung.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Julien Morand, Marketing-Leiter und PR-Chef der Brennerei Morand in Martigny

Julien Morand wurde 1971 geboren, schloss die Schule mit einer Wirtschaftsmatura ab und absolvierte anschliessend ein Jurastudium, das er mit einer Marketing-Ausbildung ergänzte. Mit 27 stieg er in den Familienbetrieb ein, wo er sich um die Bereiche Marketing und Public Relations kümmert. Daneben ist er unter anderem Präsident des Branchenverbands Eaux-de-vie du Valais, Vize-Präsident des Schweizerischen Spirituosenverbands und Mitglied der Schweizerischen Gewerbekammer.

Letzte Änderung 27.09.2019

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