"Ein gutes Profil erzeugt Aufmerksamkeit"

Networking in professionellen Online-Netzwerken spielt eine immer wichtigere Rolle. Etienne Besson, HR-Berater und Social-Media-Experte, geht im Gespräch auf die Einzelheiten dieser Entwicklung ein.

Vor gar nicht so langer Zeit haben sich die Menschen ihr berufliches Netzwerk noch bei der Armee, in der städtischen Blaskapelle oder bei öffentlichen Veranstaltungen aufgebaut. Mit der zunehmenden Verbreitung von Portalen wie LinkedIn oder Xing entstehen für Firmenchefinnen und ‑­chefs neue Möglichkeiten der Kontaktnahme. Der Networking-Experte Etienne Besson erklärt, warum eine sorgfältig betriebene Online-Präsenz heute unverzichtbar ist, wenn man seine Unternehmung ausbauen und neue Partner oder Kunden gewinnen will.

Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der Entwicklung der Online-Netzwerke?

Etienne Besson: Zuerst einmal muss klar sein, dass Online-Netzwerke kein Ersatz für persönliche Begegnungen sind. Wie Telefon oder E-Mail sind sie vor allem ein Mittel, um einen Kontakt herzustellen oder zwischen zwei Begegnungen in Kontakt zu bleiben. In den letzten Jahren hat sich das Internet zu einer Interaktionsplattform gewandelt. Potenzielle Kunden oder Mitarbeiter geben sich nicht mehr mit einer Unternehmensbroschüre oder einer unpersönlichen Website zufrieden. Sie wollen hinter die Kulissen sehen und mit realen Menschen in Kontakt treten.

Professionelle Online-Netzwerke wie LinkedIn oder Xing bieten genau diese Möglichkeit: Ich kann mich selbst auf meinem persönlichen Profil vorstellen, Informationen und Updates über meine Geschäftstätigkeiten auf meinem Firmenprofil teilen und mit anderen in Kontakt treten oder bestehende Beziehungen pflegen. Dadurch können auch potenzielle Geschäftspartner oder Kunden auf mich aufmerksam werden. Nachteile entstehen, wenn man seine Kontakte nur noch online pflegt. Oder wenn man zu sehr Gefallen an Onlineaktivitäten findet und dadurch die eigentlichen Geschäftstätigkeiten vernachlässigt.

Was macht, Ihrer Ansicht nach, ein gutes Onlineprofil aus?

Besson: Ein gutes Firmenprofil erzeugt Aufmerksamkeit. Das Ziel ist, dass sich Besucher für Ihre Unternehmung und danach auch für Ihre Produkte oder Dienstleistungen interessieren. Deshalb sind ein gutes Logo und eine klare Headline (oder ein Slogan) wichtig. Dies ist nicht anders als offline. Genauso wichtig sind regelmässige, interessante und nützliche Inhalte. Dafür müssen Sie aber zuerst Ihr Zielpublikum definieren und wissen, was diese Personen interessiert. Ich habe bewusst zuerst das Firmenprofil erwähnt, da gewisse Marketing- und Verkaufsprinzipien auch für das persönliche Profil nützlich sein können. Auch da muss ich wissen, wen ich damit ansprechen will: aktuelle oder potenzielle Kunden, Geschäftspartner oder Mitarbeiter? Online-Netzwerke eignen sich weniger für reine Werbebotschaften, als vielmehr um sich zu präsentieren, gemeinsame Interessen aufzudecken und interessante Informationen oder Tipps mit anderen zu teilen.

Wie hat sich durch soziale Netzwerke wie LinkedIn oder Xing die Rekrutierung von Personal verändert?

Besson: Heute veröffentlichen Firmen immer mehr eigene Inhalte: Artikel auf Blogs, Videos auf YouTube oder Informationen auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder LinkedIn. Und auch Kunden und Mitarbeiter können alle möglichen Informationen ganz einfach verbreiten. Professionelle soziale Netzwerke wie LinkedIn oder Xing erleichtern Recherchen über potenzielle Arbeitgeber. Man kann sehen, was eine Unternehmung über sich selbst sagt, was andere in Diskussionsgruppen besprechen, oder auch nachschauen, ob einer der eigenen Kontakte jemanden bei diesem Arbeitgeber kennt und eine Empfehlung abgeben könnte. Der Nachteil für die Unternehmen ist, dass sie mehr und mehr die Kontrolle über den Informationsfluss verlieren. Die erhöhte Transparenz sollte aber kein Problem sein, solange man nichts zu verbergen hat. Für Arbeitgeber sind soziale Netzwerke auch eine reiche Informationsquelle über Kandidaten. So können über das sogenannte Active Sourcing passende Kandidaten identifiziert und angesprochen werden.

Was würden Sie einem Geschäftsführer raten, der wöchentlich nur eine Stunde Zeit hat, um sein Online-Netzwerk zu entwickeln?

Besson: Grundsätzlich kann diese Frage in drei Schritten beantwortet werden. Zuerst muss ich entscheiden, welche Plattform für mich am nützlichsten ist. Dies ist davon abhängig, wo sich mein Zielpublikum online aufhält. Kann ich meine aktuellen und zukünftigen Kunden mit Kurznachrichten auf Twitter erreichen? Wünschen sie eher ausführliche Informationen durch Blogartikel oder kann ich Geschäftskontakte in Diskussionsforen auf LinkedIn oder Xing knüpfen?

Mit nur einer Stunde Zeit pro Woche würde ich als Geschäftsführer vor allem mein persönliches Profil pflegen und aktiv für das Networking nutzen. Deshalb empfehle ich, mindestens ein persönliches Profil auf einem professionellen Netzwerk anzulegen. Xing ist geeignet bei mehrheitlich deutschsprachigen Kontakten, ansonsten ist LinkedIn eine gute Lösung.

In einem zweiten Schritt muss ich meinen Auftritt kreieren, also mein Onlineprofil inklusive Foto und Kurzbio erstellen. Dies ist wichtig, da unvollständige und wenig aussagekräftige Profile oft ignoriert werden und eine Kontaktanfrage daran scheitern kann. Der dritte Schritt ist die Pflege des Profils und die Verbreitung von Inhalten. Denn ein inaktives Profil ist nicht sehr ansprechend.

Mit nur einer Stunde pro Woche würde ich ein LinkedIn-Profil kreieren und Personen, mit denen ich in Kontakt bin, in mein persönliches Netzwerk einladen, zum Beispiel nach einer Konferenz. Dabei ist es wichtig, die Kontaktanfragen zu personalisieren. Dann lohnt es sich, die Statusmeldungen seiner Kontakte regelmässig zu lesen und, wo sinnvoll, eine Meldung zu "liken" oder zu kommentieren.

Und schliesslich würde ich versuchen, an drei oder vier Diskussionsgruppen aktiv teilzunehmen. Plumpe Werbebotschaften sind dabei unbedingt zu vermeiden. Langfristig gewinnt man viel mehr Kunden, wenn man als kompetenter Profi auftritt, der sein Wissen gerne mit anderen teilt.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Etienne Besson, HR-Berater und Social-Media-Experte

Der aus Zürich stammende Etienne Besson hat einen Abschluss als HR-Fachmann mit eidg. Fachausweis. Seit 1998 arbeitet er als Personalberater für Grossunternehmen wie Swisscom oder Unilabs. Dank seiner Begeisterung für die Online-Welt ist er auch im Bereich Social Media sehr aktiv, und zwar sowohl als Teilnehmer wie auch als Veranstalter von Konferenzen zu diesem Thema. Über seine Online-Aktivitäten kann man sich auf about.me/etiennebesson informieren.

Letzte Änderung 10.08.2015

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