"Wir brauchen ein grösseres Stellenangebot für Menschen mit Beeinträchtigungen"

Die Stiftung Züriwerk fördert die berufliche Integration von Jugendlichen mit Beeinträchtigung. Sie vermittelt jedes Jahr 60 Lehrstellen in verschiedenen Schweizer Unternehmen.

Züriwerk wurde 1967 in Form einer Stiftung gegründet, nachdem bereits 1964 erste Produktions- und Wohnstätten in Zürich und Bubikon entstanden waren. Die Stiftung hilft jungen Menschen mit Behinderungen bei der Suche nach Ausbildungsplätzen in verschiedenen Unternehmen. Die zuständige Bereichsleiterin Gabriele Rauser erläutert, welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Können Sie uns erklären, wie Ihre Organisation behinderten Menschen konkret bei der Eingliederung ins Berufsleben hilft?

Gabriele Rauser: Wir stellen jungen Menschen mit Beeinträchtigung jedes Jahr rund 60 Lehrstellen zur Verfügung. Wir haben ein Dutzend Stellen innerhalb unserer Stiftung anzubieten, aber vor allem suchen wir individuelle Ausbildungsplätze in Unternehmen auf dem regulären Arbeitsmarkt. Am Anfang steht ein erstes Gespräch mit dem Jugendlichen, der in der Regel von seinen Eltern und manchmal auch von einem Lehrer begleitet wird. Es geht darum, die Person kennenzulernen und ihre Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, anstatt sich mit ihren Beeinträchtigungen aufzuhalten. Natürlich müssen wir auch prüfen, auf welchem Niveau die Jugendlichen ihre Lehre beginnen können. Wir fragen sie, ob sie lieber eine Stelle in der Stiftung oder auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Welche Methoden wenden Sie an?

Rauser: Unsere Werte und Prinzipien entsprechen den Methoden der European Union of Supported Employment (EUSE). Für Lehrlinge, die beispielsweise bei der Migros ihre Ausbildung anfangen, bieten wir eine regelmässige Begleitung an. Wir besuchen sie an ihrem Arbeitsplatz, um zu sehen, wie es ihnen dort ergeht, ob sie ihre Ziele erreichen und was sie leisten können. Wir sprechen sowohl mit dem Lehrling als auch mit den Beschäftigten der Firma. Normalerweise können die Lehrlinge auf die Unterstützung einer Bezugsperson zählen, die während der Ausbildungszeit für sie zuständig ist. Wir helfen ihnen bei Bedarf auch bei der Erledigung ihrer Hausaufgaben.

Um welche Arten von Behinderungen handelt es sich?

Rauser: Wir sprechen hier von jungen Menschen, Männern wie Frauen, die von Lernstörungen oder Autismus betroffen sind, wobei einige auch Verhaltensauffälligkeiten aufweisen.

Wie vielen Jugendlichen konnten Sie in den letzten Jahren dabei helfen, eine Arbeit oder einen Platz in der Berufsbildung zu finden?

Rauser: 2011 haben 18 Personen ihre Lehre abgeschlossen, 9 von ihnen haben einen Job auf dem Arbeitsmarkt gefunden und 6 einen bei einer Stiftung. Im darauf folgenden Jahr beliefen sich diese Zahlen auf 10, 7 und 3. Und im letzten Jahr waren 15 mit ihrer Ausbildung fertig, von denen 11 in einem Unternehmen und 2 in einer Stiftung beschäftigt wurden.

Mit welchen Branchen oder Firmentypen arbeiten Sie zusammen?

Rauser: Wir arbeiten mit allen möglichen Unternehmen zusammen: Coop, Axpo, die Post, aber auch Seniorenheime, Werkstätten, Gartencenter, Betreuungseinrichtungen usw.

Wie viele Menschen arbeiten in Ihrer Organisation?

Rauser: In der Gesamtorganisation Züriwerk arbeiten rund 400 Fachpersonen (263 Vollzeitäquivalente). Die Abteilung Berufliche Integration, die ich leite, besteht aus 16 Personen.

Arbeiten Sie mit anderen Organisationen zusammen?

Rauser: Wir stehen mit ähnlichen Stiftungen, unserem Dachverband INSOS, dem Kanton und verschiedenen Institutionen in der Region in Kontakt, aber wir haben mit keiner anderen Organisation eine Partnerschaft im eigentlichen Sinne. Unsere wichtigsten Partner sind die Unternehmen und KMUs, die einen Arbeitsplatz für Menschen mit Beeinträchtigung anbieten.

Sie stellen auch Unterkünfte zur Verfügung. Können Sie uns dazu noch mehr sagen?

Rauser: Ja, Züriwerk bietet Wohnungen in der Stadt Zürich und im Zürcher Oberland an. Derzeit wohnen 178 Menschen in einem Wohnangebot von Züriwerk. Sie können wählen, ob sie in einem klassischen Haus oder in einer Wohngemeinschaft wohnen möchten. Das hängt davon ab, wie viel Unterstützung sie benötigen.

Wie hoch ist Ihr Jahresbudget?

Rauser: Unser Jahresbudget für den Bereich Bildung beträgt CHF 1,8 Millionen. Die Organisation als Ganzes verfügt über ein Budget von CHF 35 Millionen pro Jahr. Die Gesamtkosten für alle Dienstleistungen, die wir unseren Klientinnen und Klienten anbieten, belaufen sich auf CHF 28 Millionen. Einzelheiten können unserem Jahresbericht entnommen werden.

Wie kann man Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren die Integration behinderter Menschen in Schweizer Unternehmen verbessern?

Rauser: Das ist eine grosse Frage. Wir brauchen grundsätzlich ein grösseres Stellenangebot für Menschen mit Beeinträchtigungen. Wir sollten alle gemeinsam zur Schule gehen, gemeinsam arbeiten, Unterschiede überwinden und jedes Individuum als wertvoll ansehen. Der Arbeitsmarkt hat schon gute Ergebnisse erzielt, indem dort Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigt werden, aber wir müssen noch mehr tun. Die Schweiz hat im April die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (CRPD) ratifiziert. Nun muss aber daran gearbeitet werden, dass sich diese Gesetze konkret in neuen Arbeitsplätzen für behinderte Menschen niederschlagen. Natürlich wird immer ein Bedarf an Coaching bestehen und das müssen wir den Unternehmen, Schulen und den Behinderten selbst weiterhin anbieten. Dieses Jahr könnte man mit gutem Beispiel vorangehen, denn 2014 ist das offizielle Jahr der Berufsbildung.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Gabriele Rauser, Bereichsleiterin der Stiftung Züriwerk

Gabriele Rauser wurde 1967 in der deutschen Stadt Lübeck geboren und lebt seit 1991 in der Schweiz. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet seit 2008 in der Stiftung Züriwerk. Zuvor war sie bei Credit Suisse und als Lehrerin beschäftigt. Sie hat verschiedene Weiterbildungen im Bereich Integration, Coaching und Leadership in gemeinnützigen Organisationen absolviert.

Letzte Änderung 27.09.2019

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