"Jeder Musiker ist ein Unternehmer"

Hitmill arbeitet mit den Pop-Grössen der Schweiz, vom Westschweizer Stress bis zum Deutschschweizer Bligg, zusammen. Trotz der Krise in der Musikindustrie wächst das Unternehmen erfolgreich. CEO Roman Camenzind erläutert seine Strategie.

Was genau machen Sie?

Roman Camenzind: Wir produzieren Musik für Künstler, Werbespots oder Unternehmen. Wir machen alles, vom Komponieren über die Kontakte bis zur Tonaufnahme. Kurz gesagt, wir machen aus einer Idee eine CD oder Audiodatei. Wir haben auch ein eigenes Studio.

Sie sind selbst Musiker. Wie kam es dazu, dass Sie auch als Produzent tätig sind

Camenzind: Technik und Musik haben mich schon immer begeistert. Als Student habe ich in einer Band gespielt. Damals kümmerte ich mich bereits um die Produktion, ich schrieb Texte und machte die Aufnahmen. Das auch für andere Künstler oder Labels zu tun, schien mir die logische Folge zu sein.

Ihr erster Erfolg als Produzent?

Camenzind: Das war Baschi. Ich habe für ihn ein Lied komponiert und produziert, das in der Deutschschweiz zu einer Fussballhymne wurde. Ein Wahnsinns-Erfolg, auch heute noch. Der Hit "Bring en hei" führte über mehrere Wochen die Charts an. Ebenfalls sehr erfolgreich ist die Zusammenarbeit mit dem Waadtländer Rapper Stress.

Was ist noch charakteristisch für die Künstler, mit denen Sie arbeiten, neben den zwei Punkten, dass sie aus der Schweiz kommen und Pop machen?

Camenzind: Hitmill versucht ein breites Publikum anzusprechen, denn Nischenprodukte haben in einem kleinen Land wie der Schweiz keine Chance. Wir suchen Musiker, die schon ein gutes Potenzial haben, das wir zur Geltung bringen, damit möglichst viele in den Genuss ihrer Arbeit kommen.

Der Name Hitmill ist Programm, Sie haben tatsächlich jede Menge Hits produziert. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Camenzind: Nehmen wir zum Beispiel Bligg: Er hatte schon fünf Alben herausgebracht, bevor er zu uns kam, und hatte von jedem etwa 7'000 Stück verkauft. Dann haben wir uns um ihn gekümmert und er hat 140'000 CDs verkauft. Wir haben diesen Künstler nicht umgekrempelt. Wir haben einfach nur das hervorgehoben, was ihn für den Markt einzigartig macht: die Texte, die Melodie, obwohl es Rap ist, und die Refrains.

Aber verkaufen sich CDs überhaupt noch?

Camenzind: Dem Musikmarkt geht es wirklich sehr schlecht. Dabei konsumieren wir aber zugleich immer mehr Musik, viel mehr als vor 15 oder 20 Jahren. Heute sind alle Jugendlichen ständig mit Kopfhörern unterwegs, aber sie hören die Musik kostenlos. Die Kluft zwischen Nutzung und Bezahlung vergrössert sich, was für die Musikindustrie auf allen Ebenen Probleme schafft. Wir sind in derselben Situation wie zwei benachbarte Jeansgeschäfte, von denen das eine genau die gleichen Jeans anbietet wie das andere, nur umsonst. Selbst wenn das andere für die Hosen nur noch 3 CHF nehmen würde, wären nur wenige bereit, das zu zahlen. Es gibt kein Geschäftsmodell, mit dem man dieses Problem lösen kann. Solange Musik kostenlos verfügbar ist, haben wir keine Chance.

Das bleibt auch für die Künstler nicht folgenlos...

Camenzind: Natürlich, die kleinen Künstler verschwinden. Einige halten sich mit Subventionen über Wasser. Für eine gewisse Zeit ist das in Ordnung, aber am Ende fragen sich alle, ob sich der Einsatz lohnt.

Welche Lösung haben Sie gefunden?

Camenzind: Wir sind nicht vom CD-Geschäft abhängig, das hat uns gerettet. Wir machen Musik für Werbespots, letztes Jahr zum Beispiel für Coop Naturaplan und für Orange. Dadurch können wir uns unsere künstlerische Freiheit erhalten und das machen, woran wir glauben. Es kommt vor, dass wir Künstlern, bei denen wir kein Potenzial sehen, eine Absage erteilen.

Zwischen einem Unternehmer und einem Musiker bestehen grosse Unterschiede... Wie haben Sie diese Wandlung gemeistert?

Camenzind: Ich glaube, dass jeder Musiker, egal ob Studiogitarrist oder Jazzband, ein Unternehmer ist. Selbst als Strassenmusiker muss man sich entscheiden, wo man auftritt, ein Repertoire auswählen, sich an das Publikum und die Jahreszeit anpassen, sich fragen, was den Leuten gefallen könnte, im Sommer wie im Winter. Natürlich gibt es bessere und schlechtere Unternehmer, so wie es auch bessere und schlechtere Musiker gibt!

Als Sie Hitmill 1997 lancierten, hätten Sie damals gedacht, dass es zu dem werden würde, was es heute ist?

Camenzind: Nicht eine Sekunde! Ich war damals ganz alleine, mein Partner kam 2008 dazu und im Moment haben wir acht Mitarbeiter, fünf in der Produktion und drei im Back-Office. Das Unternehmen ist als Reaktion auf die Nachfrage gewachsen: Eines Tages konnte ich sie allein nicht mehr bewältigen, ich musste mich also anpassen. Und das werden wir auch weiterhin tun. Zum Beispiel haben wir unser Team um einen Experten für elektronische Musik erweitert. Denn seit einigen Jahren ist Dance ein fester Bestandteil der Popkultur.

Haben Sie Konkurrenten?

Camenzind: Ja. In einigen Bereich wie Produktion oder Werbung herrscht sogar ein sehr intensiver Wettbewerb. Aber wir sind die einzigen, die ein so breit gefächertes Know-how in verschiedenen Bereichen anbieten. Ich kenne sonst niemanden, der in der Lage wäre, so grosse komplexe Projekte zum Erfolg zu führen. Jedenfalls nicht in der Schweiz und auch nicht in Deutschland.

Was unterscheidet Hitmill von seinen Konkurrenten?

Camenzind: Um bei Hitmill zu arbeiten, muss man Musik lieben und selbst Musik machen. Wir sind alle sehr gute Musiker, selbst im Back-Office. Aber vor allem nehmen wir unsere Arbeit sehr ernst. Wir sind zwar Künstler, aber in erster Linie sind wir Dienstleister. Wir haben immer alle Fristen und Finanzpläne eingehalten. Wir sind verlässlich. Eine Eigenschaft, die in dieser Branche viel zu selten ist...

Was glauben Sie, wo Ihre Firma in 10 Jahren sein wird?

Camenzind: Schwer zu sagen! Unser Team wird sich mit Sicherheit weiterentwickeln. Wir werden Künstler unter Vertrag nehmen und der Werbeindustrie unsere Konzepte anbieten. Ich denke auch, dass eine weitere Diversifizierung angebracht sein wird.


Informationen

Zur Person/Firma

Portraitfoto von Roman Camenzind, Gründer der Musikproduktionsfirma Hitmill

Roman Camenzind wurde am 11. Januar 1976 in Zürich geboren, wo er heute lebt und arbeitet. Er brachte sich das Musizieren selbst bei und spielt vor allem Gitarre. Nach einer Ausbildung zum Informatiker begann er 1992 in Oerlikon seine Karriere mit der Gründung der Band Subzonic. Schon nach kurzer Zeit kümmerte er sich auch um die Produktion der Alben. 1997 gründete er seine eigene Musikproduktionsfirma Hitmill. Roman Camenzind arbeitet auch für die Werbung. Der Song "I love", den er für Coop produzierte, brachte ihm eine Goldene Schallplatte ein, andere Kompositionen wurden ebenfalls mit Preisen ausgezeichnet.

Letzte Änderung 13.08.2015

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